Ein Segelschiff
Was unsere Weihnachtslieder erzählen – Teil 4

Vierter Advent: Es kommt ein Schiff, geladen

Von wem das Lied "Es kommt ein Schiff, geladen" stammt, ist nicht mit Sicherheit zu klären. Die Anfänge verlieren sich im Dunkel der Geschichte. Doch das passt zu jenem geheimnisvollen Schiff, das sich respektvoll der Menschwerdung Gottes nähert.

Von Meinrad Walter |  Freiburg - 22.12.2019

In unseren Gesangbüchern stehen die Adventslieder vor den Weihnachtsliedern. So will es der "Rhythmus" des Kirchenjahres. Es gibt aber durchaus einige Lieder, die sowohl im Advent als auch an Weihnachten gesungen werden können. "Es kommt ein Schiff geladen" beschreibt mit mystischen Farben gerade diesen Übergang. Die ersten drei Strophen sind adventlich, dann wird es weihnachtlich.

Gedanken der Mystik als Hintergrund des Liedes

Von wem dieses Lied stammt, ist nicht mit Sicherheit zu klären. Die Anfänge verlieren sich im Dunkel der Geschichte. Gewiss scheint nur, dass das Lied gleichsam eingebettet ist in Gedanken der spätmittelalterlichen Mystik am Oberrhein – mit Frauenklöstern in Straßburg und Freiburg etwa, und mit berühmten Predigern wie Meister Eckhart oder Johannes Tauler.

Prägend für deren weihnachtliche Welt sind weniger die Erzählungen von der Geburt Christi in den Evangelien nach Lukas und Matthäus: "Es begab sich aber zu der Zeit …" (Lukas 2). Die mystische Welt ist eher zeitlos, dafür aber voller "überzeitlicher" Symbole, wie wir sie schon im Johannesevangelium finden. Dieses Lied will gar nicht, dass wir einer anschaulichen, ja spannenden Geschichte folgen und schließlich in das "Gloria" der Engel auf den Feldern mit einstimmen. Es will vielmehr, dass wir uns geistig und geistlich in ein Bild vertiefen. Zur Deutung des Bildes dienen nicht konkrete Namen wie Betlehem und Jesus, sondern eher die philosophische Meditation des Johannesevangeliums über "des Vaters ewigs Wort".

Die dreifache Geburt des Gottessohnes

Im Mittelpunkt steht ein geheimnisvolles Schiff. Und so wie das Schiff sich nähert, so nähern wir uns Schritt für Schritt einem Verstehen, das erkennen will und zugleich den Respekt vor diesem Geheimnis der Menschwerdung Gottes wahrt. Wichtig bei solcher Versenkung sind die Stille und das Staunen. Denn um nichts Geringeres als um das Kind und um seine weihnachtliche Geburt geht es. Zur Welt der Mystik gehört, dass die Geburt des Gottessohnes dreifach gedeutet wird – fast wie ein spirituell-weihnachtlicher Dreiklang, der zugleich die Gottesdienste der drei weihnachtlichen Messen prägt.

Was ist damit gemeint? Der Gottessohn wird geboren "vor aller Zeit", wie es im kirchlichen Glaubensbekenntnis heißt, als ewiges Wort des Vaters. Dem entspricht in der Weihnachtsliturgie die Messe um Mitternacht, das "Engelamt". Das ist die erste Geburt. Dann kommt, in der "Fülle der Zeit", das ewige Wort des Vaters als Menschenkind auf die Erde und wird "zu Betlehem geboren". Dieser "zweiten Geburt" widmet sich am 25. Dezember die missa in aurora, das "Hirtenamt". Die dritte weihnachtliche Messe ist das "Hochamt" am Festtag mit dem Prolog aus dem Johannesevangelium: "Im Anfang war das Wort – und das Wort ist Fleisch geworden."

Kirchenmusiker Meinrad Walter
Bild: © privat

Der Theologe und Musikwissenschaftler Meinrad Walter (*1959) ist Referent im Amt für Kirchenmusik der Erzdiözese Freiburg und Honorarprofessor an der dortigen Hochschule für Musik.

Diesen Gedanken intensivieren die Mystiker, wenn sie von einer dritten Geburt sprechen, der Gottesgeburt in der menschlichen Seele. Denken wir nur an die berühmten Verse des Angelus Silesius: "Wird Christus tausendmal in Betlehem geboren doch nicht in dir: du bleibst noch ewiglich verloren."

Ein sinnlich-sinnvolles Bild für die mystische Gottesgeburt ist der Kuss, denn er ist Zeichen innigster Einheit, in Freuden wie im Leiden. So schlägt das Lied eine Brücke von der Krippe über die Passion bis zur Auferstehung. Menschwerdung heißt, dass Jesus das Menschenlos teilt, sogar bis in die Tiefen der Gottverlassenheit. Auch scheut die Mystik keineswegs die erotischen Töne. Die "Kuss-Strophe" lautet im Original:

Wer dieses Kind will küssen
auf seinen roten Mund,
empfängt so groß Gelüste
von ihm zur selben Stund.

Johannes Tauler als möglicher Verfasser

Als möglicher Autor von "Es kommt ein Schiff geladen" wird immer wieder der mystisch begabte Dominikanermönch Johannes Tauler (1300–1361) genannt, der unter anderem in Straßburg gewirkt hat. Seine letzten Lebensjahre war er dort priesterlicher Seelsorger eines Frauenklosters, in dem seine Schwester Gertrud als Klosterfrau lebte. Tauler wohnte im Gartenhaus des Klosters. Bereits der früheste Druck des Liedes in der Sammlung "Etliche Hohe geistliche Gesänge, samt anderen Geistreichen getichten" nennt Taulers Namen.

Der evangelische Pädagoge, Schriftsteller und Handschriftensammler Daniel Sudermann (1550–1631), auf den die früheste greifbare Textfassung zurückgeht, überschreibt das Lied hier wie folgt: "Ein uraltes Gesang, So unter deß Herrn Tauleri Schrifften funden, etwas verständlicher gemacht." An anderer Stelle notiert er am Rand einer Liedfassung: "Habs abgeschrieben und zu recht gebracht." Was aber war ihm nicht recht an diesem Gesang? Es ging wohl um die Marientheologie des originalen Liedes mit hymnischen Ausrufen wie:

Maria, Gottes Mutter,
gelobet musst du sein;
du edle Königin,
der Engel ein Schein.

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<p>Lied 114 aus dem Gotteslob, dem katholischen Gesangsbuch</p>

Was mögen sich die frühesten Sängerinnen und Sänger bei diesem Lied gedacht haben? Den Schwestern vom Orden des heiligen Dominikus, die dieses Lied vielleicht erstmals gesungen haben, war das Bild eines Schiffes mit "teurer Last" durchaus vertraut. Ihr Kloster stand auf einer Insel und hieß S. Nicolaus in undis, "Sankt Nikolaus in den Wellen". Schiffe verkehrten auf dem Rhein bei Straßburg. "Das Schiff geht still im Triebe" meint, dass die Strömung des Flusses seine ruhige Fahrt behutsam trägt.

Bereits im Alten Testament wird die tüchtige Frau mit einem Schiff verglichen: "Eine starke Frau, wer wird sie finden? Sie übertrifft alle Perlen an Wert … Sie gleicht dem Schiff eines Kaufmanns, aus der Ferne holt sie ihre Nahrung" (Sprichwörter 31,14). Steht das Bild erst einmal vor Augen, kann jedes Detail Bedeutung gewinnen: "Das Segel ist die Liebe, der Heilig Geist der Mast". Hier stehen wohl auch philosophische Gedanken im Hintergrund. Durch das Segel nimmt das Schiff Fahrt auf und bewegt sich auf den Wellen, so wie die Liebe des Vaters der Beweggrund dafür ist, dass er seinen Sohn in die Welt schickt. Der "Anker" wiederum lässt das Schiff ankommen. Die Ankunft entspricht der Geburt des Gottessohnes. Das Schiff ist Maria, denn sie trägt den Sohn und bringt ihn zur Welt.

Musikalisches Spiel mit Drei und Vier

In einem Andernacher Gesangbuch von 1608 finden wir erstmals eine Melodie zum Lied. Sie passt bestens zu den Worten. Der Dreierrhythmus gibt eine langsame Bewegung vor: vom Grundton zur Quint, sodass "geladen" den Höhepunkt bildet. So naht sich das Schiff. Zu den Worten "höchsten Bord" ist die Terz erreicht, die sogleich zum Grundton einer neuen Harmonie wird: F-Dur folgt auf d-Moll. Dieser Abschnitt ist auch rhythmisch anders, denn jetzt sind wir im Vierermetrum.

Vielleicht ist es nicht abwegig, auch darin eine musikalische Symbolik zu hören. Die Herkunft des Schiffes prägt sprachlich die erste Hälfte der Strophen 1 bis 3, die ohnehin eine Einheit bilden. Dazu passt der oftmals als göttlich-himmlisch gedeutete Dreiertakt. Der Vierertakt hingegen wird auf die Erde hin gedeutet: im Zusammenhang der vier Winde, der vier Himmelsrichtungen und der vier Kontinente. So schlägt die zweite Hälfte der Strophen die Richtung zur Erde ein, zu uns.

Von Meinrad Walter

Der Liedtext: Es kommt ein Schiff geladen

Es kommt ein Schiff, geladen
bis an sein höchsten Bord,
trägt Gottes Sohn voll Gnaden,
des Vaters ewigs Wort.

Das Schiff geht still im Triebe,
es trägt ein teure Last;
das Segel ist die Liebe,
der Heilig Geist der Mast.

Der Anker haft’ auf Erden,
da ist das Schiff am Land.
Das Wort will Fleisch uns werden,
der Sohn ist uns gesandt.

Zu Betlehem geboren
im Stall ein Kindelein,
gibt sich für uns verloren:
Gelobet muss es sein.

Und wer dies Kind mit Freuden
umfangen, küssen will,
muss vorher mit ihm leiden
groß Pein und Marter viel,

danach mit ihm auch sterben
und geistlich auferstehn,
das ewig Leben erben,
wie an ihm ist geschehn.

Text: Daniel Sudermann um 1626 nach Johannes Tauler (?)
Melodie: Köln 1608

Buch-Tipp

Meinrad Walter: O du selige Weihnachtszeit. Was unsere Weihnachtslieder erzählen. Mit Motiven historischer Liedpostkarten und Handschriften von Lieddichtern und Komponisten, Verlag am Eschbach, 2019 (ISBN 978-3-86917-760-1).