Schachfigur
Standpunkt

"Ökumenische Gemeinden" sind eine bestechende Idee

Wird es in Zukunft gemeinsame Kirchengemeinden von evangelischen und katholischen Christen geben? Gabriele Höfling kann dieser überraschenden Idee des evangelischen Landesbischofs Ralf Meister viel Positives abgewinnen.

Von Gabriele Höfling |  Bonn - 07.01.2020

Der Vorschlag des evangelischen Landesbischofs Ralf Meister, ökumenische Kirchengemeinden zu etablieren, ist eine passgenaue Antwort auf aktuelle Herausforderungen der Kirchen in Deutschland. Gleich aus mehreren Gründen scheint die Idee bestechend.

Erstens entspricht sie an vielen Orten schon jetzt dem Selbstverständnis der "Basis". Während Meister und in der Reaktion auch der katholische Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer ihre Vorschläge sehr vorsichtig formulieren, sind die Gläubigen vor Ort viel weiter: Sie bilden gemischtkonfessionelle Ehen und besuchen wechselseitig Gottesdienste. Evangelische und katholische Kirchengemeinden kooperieren schon jetzt in vielen Bereichen: Die katholische Fronleichnamsprozession macht Station vor der evangelischen Kirche, zum Reformationstag predigt der katholische Pfarrer im protestantischen Gotteshaus.

Zweitens würden ökumenische Gemeinden auch auf organisatorischer Ebene Vorteile bringen, vor allem angesichts der notwendigen Strukturreformen: Würden sich in einem bestimmten Gebiet evangelische und katholische Christen zusammentun, statt immer größere "monokonfessionelle" Gemeinden zu bilden, könnte die Kirche näher am Menschen bleiben und gleichzeitig Geld und Personal sparen.

Drittens könnten ökumenische Gemeinden – wenn denn die "Chemie" zwischen dem Personal stimmt – Katalysator sein für neue Ideen, etwa für neue Gottesdienstformate. Solch ungewöhnliche Gemeindeformen würden möglicherweise das Interesse von fernstehenden Christen neu wecken, die die Trennung der Kirche ohnehin nur schwer nachvollziehen können. In vielen Bereichen, wie etwa der Taufe, besteht zudem schon heute theologischer Konsens, der in der Kooperation von Kirchengemeinden aber erst richtig sichtbar wird. In der Freiburger Maria-Magdalena-Kirche, die 2004 als gemeinsame evangelische und katholische Kirche für einen neuen Stadtteil geweiht wurde, werden Taufgottesdienste regelmäßig zusammen gefeiert. Und wer weiß: Vielleicht eröffnen ökumenische Gemeinden in Zukunft noch mehr ungeahnte Perspektiven auf theologisch bisher ungelöste Fragen wie das gemeinsame Abendmahl.

Natürlich könnte man ökumenische Gemeinden nicht von heute auf morgen etablieren. Es müssten noch viele Fragen geklärt werden, insbesondere, wie weit die Zusammenarbeit geht. Spätestens nach dem Vorstoß von Bischof Meister sollten die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und die Deutsche Bischofskonferenz ein Rahmenpapier erarbeiten, das Möglichkeiten und "No-Gos" von ökumenischen Gemeinden explizit benennt. Wo es Konflikte mit dem Kirchenrecht gibt, sollten diese offen angesprochen werden – auch mit der Option, das Kirchenrecht zu lockern. Außerdem müsste eine explizit "ökumenische Liturgie" entwickelt werden.

Auch dann müsste es ökumenische Gemeinden nicht flächendeckend geben. Aber es wäre Zeit für eine "Pilotgemeinde". Vielleicht könnte sie ja auf dem Gebiet entstehen, wo sich hannoversche Landeskirche und das Bistum Hildesheim überschneiden.

Von Gabriele Höfling

Die Autorin

Gabriele Höfling ist Redakteurin bei katholisch.de.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.