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Sodom und Sudelei: Was Frédéric Martel und Alfred Delp gemeinsam haben

Das Buch des Atheisten Frédéric Martel zur Doppelmoral im Vatikan hat für Aufsehen gesorgt und viele verärgert. Dabei kann man ihm eigentlich nur dankbar sein, findet Andreas Püttmann.

Von Andreas Püttmann |  Bonn - 14.01.2020

"Zwischen den Jahren" hatte ich kontrastreiche Lektüre. Frédéric Martels "Sodom. Macht, Homosexualität und Doppelmoral im Vatikan" kann auch noch den erschüttern, der sich als Katholik mit jahrzehntelangem Einblick in Konvikte, Klöster und Kleriker-Leben bereits illusionslos wähnte. An der 671 Seiten dicken Reportage lässt sich viel kritisieren: spekulative Passagen, überpointierte Bewertungen, fragwürdige Übersetzungen, Redundanzen. Doch apologetische Abwehrreflexe sind angesichts des auf 1.500 Interviews basierenden Sittengemäldes unangebracht.

Laster aller Art wird man in einer Kirche der Sünder immer finden. Aber wo ein "Wasser predigen, Wein trinken" sich epidemisch oder gar systemisch zeigt, fällt der Glaube an den Heiligen Geist in der Kirche zunehmend schwer. Erst recht, wenn sie Wein, der bei von Gott berufenen Priestern bis in höchste Ränge hinein reichlich fließt, in Lehrschreiben zu purem Gift aus Teufels Küche erklärt. Mit einer so eklatanten Unvereinbarkeit von Morallehre, Berufungstheologie und Faktizität kann man nicht mehr vor Menschen des 21. Jahrhunderts treten, ohne sich den Vorwurf einer Lebenslüge einzuhandeln.

Einem Auftrag der Alfred-Delp-Gesellschaft folgend, las ich dann die klugen, kraftvollen Texte dieses Jesuiten, der 37-jährig für seinen Glauben, für ein anderes, besseres Deutschland und für die Treue zu seinem Orden vor 75 Jahren an den Galgen ging. Ich kann nur empfehlen, ihn gerade auch im Hinblick auf die heutige Lage von Kirche und Gesellschaft zu lesen: seine Abrechnung mit "Schlamperei und Sudelei", die die Kirche "in Verruf" gebracht hätten; seine nüchterne Sicht auf den kirchlichen Relevanzverlust; seine Zeitdiagnose zum "Immanentismus" und zur riskanten Rückkehr kollektiver Identitäten; sein Appell gegen "Fluch und Flucht" im christlichen Weltverhältnis; sein Pochen auf die zentrale Bedeutung des ökumenischen und diakonischen Zeugnisses; seine Vision "behutsamer" Menschenführung vom "existentialen" zu einem "theonomen Humanismus". Die Nähe zur Verkündigung von Papst Franziskus und die Anklänge an eine recht verstandene "Entweltlichung" im Sinne Benedikts XVI. sind frappierend.

1938 schrieb Delp über das "zweifache Ärgernis der Christen": Das eine müsse die Kirche jeder Zeit und Gesellschaft geben, weil sie "im Auftrag Gottes ein vielfaches 'Du sollst nicht, du sollst anders'" verkündige und dem Menschen dabei im Weg stehe, "Neigungen und Trieben … widerstandslos nachzugeben". Das andere Ärgernis durch "allerhand Christenvolk" sei "allerdings vermeidbar". Martel zeigt, dass beide Ärgernisse nicht immer trennbar sind: Die Vehemenz einer Lehre kann den kompromittierenden Effekt eigener Praxis potenzieren – oder sich dabei selbst ad absurdum führen. So verstörend und beschämend "Sodom" auch ist: Eine Kirche, die Benedikt XVI. in Freiburg aufrief, "nach der totalen Redlichkeit zu suchen", kann dem konfessionslosen Soziologen für sein decouvrierendes Buch eigentlich nur dankbar sein.

Von Andreas Püttmann

Der Autor

Andreas Püttmann ist Politikwissenschaftler und freier Publizist in Bonn.

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