Schulnoten im Klassenbuch
Kolumne: Mein Religionsunterricht

Braucht es wirklich Schulnoten im Religionsunterricht?

Der Beginn eines neuen Jahres ist für Heinz Waldorf immer gefüllt mit Klausurbewertung und Notenvergabe, schreibt er in seiner Kolumne. Eine schwierige Zeit, bei der er jetzt aber eine Erfahrung gemacht hat, die ihn nachhaltig beeindruckt.

Von Heinz Waldorf |  Wentorf - 17.01.2020

Lehrer Heinz Waldorf

Die Zeit nach den stillen Tagen um Weihnachten herum, die ich in jedem Jahr sehr genieße, ist Jahr für Jahr erfüllt von Notengebung. Das ist immer etwas schwierig, weil mir zum Jahresbeginn der große Kontrast zu dem, was ich gerade gefeiert zu haben glaube, und dem, was mir die Realität abfordert, deutlich wird. Auf der einen Seite steht die freundliche Nachricht, dass jeder Mensch voraussetzungslos angenommen und geliebt, von einmaligem Wert ist, welcher von nichts und niemandem geschmälert werden kann.

Auf der anderen Seite steht die Notwendigkeit, meine Schüler einordnen, beurteilen und mit Zahlen belegen zu müssen. Natürlich weiß ich, dass das kein Widerspruch ist und ich Äpfel mit Birnen vergleiche. Aber ich gebe zu, dass ich durchaus eine gewisse Reibung verspüre zwischen zwei grundsätzlich verschiedenen Möglichkeiten Menschen zu begegnen. Ich habe keine Lösung gefunden in 20 Jahren, möchte das Unbehagen aber wahrnehmen und nicht wegdisputieren. Die Beurteilung einer Leistung geht durchaus einher mit einer sorgfältigen Achtung vor denjenigen, die diese Leistung meiner Meinung nach erbracht haben oder eben Defizite aufgewiesen haben. Es kommt aber auch – in meiner Wahrnehmung zu oft – vor, dass junge Menschen nur funktionieren sollen und in ihrer Einzigartigkeit nicht wirklich gesehen werden.

Grassierende Ignoranz und Bewusstlosigkeit

In diesem Zusammenhang habe ich in den letzten Tagen eine interessante und wichtige Erfahrung gemacht, die mich zumindest aktuell ein wenig weitergebracht hat:

Ich habe in den Ferien schlechte Laune bekommen. Es waren nämlich leider nach Weihnachten noch Klausuren zum Thema "Eschatologie" im 12. Jahrgang durchzusehen. Ich habe mich sehr geärgert und darüber aufgeregt, dass viele im Kurs nicht in der Lage waren, den Ausschnitt aus einem aktuellen Zeitungsartikel in angemessener Weise wiederzugeben. Ja, ich rege mich wenigstens ein bisschen über so etwas auf und mag mich nicht abfinden, wenn ich auch bis heute nicht weiß, welches Kraut gegen eine grassierende Ignoranz und Bewusstlosigkeit gewachsen ist, an der ja beileibe nicht nur Kinder und Jugendliche leiden. Und auch wenn ich annehme, dass es kein Unvermögen, sondern Unlust ist, macht es das keineswegs besser. Unsere Zeiten vertragen nun mal keine Bewusstlosigkeit und Ignoranz. Ich habe in dem Kurs, in dem ein aktueller ZEIT-Artikel offenbar zu schwierig gewesen ist, jedenfalls deutlich meine Meinung gesagt.

Weil viele Schüler nicht in der Lage waren, einen Zeitungsartikel in angemessener Weise wiederzugeben, hat sich Heinz Waldorf aufgeregt.

In derselben Stunde habe ich verspätete schriftliche Rückmeldungen zu einer Doppelstunde erhalten, die der Klausur vorausging. Diese Rückmeldungen haben mich versöhnlich gestimmt mit denen, die mich kurz zuvor noch so geärgert hatten. Wir hatten über Gründe gesprochen, die Menschen dazu bewegen auf ein Leben nach dem Tod zu hoffen.

Zwei Schülerinnen schrieben eine längere Abhandlung, in der sie ihre Gedanken angesichts des Verlustes ihrer Großeltern mitteilten. Eine Schülerin schrieb über den Suizid eines Familienfreundes und darüber, wie sie ihre Haltung dazu im Lauf der Zeit geändert hat. Ich war berührt von diesen Aufsätzen. Und ich habe einmal mehr darüber nachgedacht, worum es im Unterricht wesentlich geht.

Die Schülerinnen haben im Zuge der Unterrichtseinheit zur Eschatologie ihre Belange zur Sprache gebracht, dem Ausdruck verliehen, was sie im Rahmen der Stunden bewegt hat, was sie mitnehmen. Sie haben sich damit mein Angebot frei und autonom zunutze gemacht, um ihren Horizont zu erweitern und sich mit ihrer Welt und ihrem Weltverständnis, also letztlich mit der Frage nach dem Sinn auseinanderzusetzen. Mehr geht nicht! Denn sie haben dabei auch eine große Menge gelernt, und das Gelernte haben sie natürlich bei der Verfassung ihrer Gedanken im Hinterkopf.

Meine Schüler haben theologische Positionen kennengelernt

Sie wissen bzw. sie können wissen, dass und warum sich Theologinnen und Theologen mit guten Gründen gegen die Annahme einer postmortalen Nichtigkeit (Hans-Joachim Höhn) wenden. Sie können wissen, warum die Verweigerung einer solchen Annahme möglicherweise ihren Grund in einer praemortalen Phantasielosigkeit hat. Sie können wissen, dass entgegen einer alten Behauptung eben niemand für sich allein stirbt, dass auch Sterben und Tod ein soziales Geschehen sind. Sie haben als neue Perspektive die Position kennengelernt, dass die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod ein Akt der Liebe ist, die der Zurückbleibende auch über den Tod hinaus dem Verstorbenen schenken kann. Sie haben die Frage diskutiert, was das Ganze mit Gerechtigkeit und Versöhnung ungerechter Strukturen, die im Tod nicht einfach quasi auf ewig eingefroren werden, zu tun haben könnte. Kurzum: Meine Schüler haben Positionen der modernen und zeitgenössischen Theologie kennengelernt, auch wenn sie sicher nicht genau sagen könnten, welche meiner Inhalte nun Hans Küng, Johanna Rahner, Johann Baptist Metz oder Ottmar Fuchs zum Gewährsmenschen haben.

Ein Schüler liest konzentriert ein Buch

"Man braucht zudem nicht nur Nahrung für den Kopf, sondern auch Nahrung für das Herz, um groß werden zu können", schreibt Heinz Waldorf

Auf jeden Fall hat der Kurs meine Sicht auf die Dinge verändert, und zum Teil haben die Leute die Inhalte mit ihren eigenen Fragen verbunden. Es ist natürlich dennoch nicht zu akzeptieren, dass sie meinen schönen ZEIT-Artikel nicht vernünftig bearbeitet haben. Aber dafür haben sie ganz offensichtlich die Kompetenzen entwickelt, die sie wohl in ihrer gegenwärtigen Situation am ehesten benötigten. Das ist ein Akt der Freiheit, der mir ehrlich gesagt gut gefällt und der mich leichter über die Defizite hinwegschauen lässt. Und – Hand aufs Herz – wann hat jemand von Ihnen, liebe Leser, zuletzt einen Essay in ZEIT oder Süddeutscher Zeitung ebenfalls nicht ganz verstanden und kleinlaut zur Seite gelegt? Mir geht das hin und wieder so.

Inhalte zu vermitteln, deren Relevanz niemand versteht, ist schwieirig

Jedenfalls – bei allem Unbehagen der Einsortierung und Beurteilung bin ich doch sehr sicher, dass fast jeder das mitnimmt, was er zu gegebener Zeit brauchen wird und zum Teil bereits jetzt braucht. Das ist das Entscheidende. Denn Inhalte zu vermitteln, deren Relevanz niemandem aufgeht, ist auf Dauer schwierig. Man braucht zudem nicht nur Nahrung für den Kopf, sondern auch Nahrung für das Herz, um groß werden zu können. Hier leiste ich gern einen Beitrag, so gut ich es vermag.

Ich schreibe diese Kolumne als Pausenfüller zu einer schier endlos erscheinenden Notenarie zum Ende des Halbjahres. Ich frage mich gerade, was wohl wäre, wenn in der Schule wirklich die Aufklärung Einzug hielte und die jungen Menschen in sorgfältiger, geduldiger und bescheidener Arbeit zum Gebrauch ihrer Vernunft angehalten würden. Könnte ich dann irgendwann darauf verzichten Zahlen schreiben zu müssen? Könnte ich dann vielleicht irgendwann darauf verzichten, bei Vergehen gegen die Ordnung Striche malen zu müssen? Könnte nicht vielleicht doch wieder ein Versuch unternommen werden, die Kinder dazu anzustiften, aus eigenem Antrieb das zu tun, von dessen Richtigkeit sie überzeugt sind und nicht opportunistisch das, was ihnen von einer Autorität auferlegt wird? Ich frage ja bloß mal! Es wäre eine andere Welt. Aber nach allem, was ich lese und höre, brauchen wir dringend eine andere Welt, zumindest einen anderen Umgang mit uns und unseren Ressourcen.

Von Heinz Waldorf

Der Autor

Heinz Waldorf ist Lehrer am Gymnasium Wentorf bei Hamburg.

Linktipp: Kolumne "Mein Religionsunterricht"

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