Schachfigur
Standpunkt

Wir brauchen "wahre Demut" – auch in der Kirche!

In der Gesellschaft ist ein Wettbewerb um die Demut ausgebrochen, glaubt Albrecht von Croy. In Wahrheit tarne sich dahinter jedoch der Hochmut der Rechthaber, die den Diskurs bestimmen wollen. Warum wir "wahre Demut" brauchen – auch in der Kirche.

Von Albrecht von Croy |  Bonn - 20.02.2020

Der schreibt über Demut? An Weiberfastnacht? Geht's noch? Nein, es geht nicht mehr! Denn um die Demut ist ein Wettbewerb ausgebrochen: Wer ist der Demütigste im ganzen Land? Wer tarnt seinen Hochmut am geschicktesten durch Demut? Eine wahre Demutsprotzerei schallt uns da entgegen, jeder will sich klein machen und ist doch übergroß, jeder will sich argumentativ bescheiden und prahlt doch mit mächtigen Worten. Wenn sich diese Gesellschaft ständig mit ihrer verlorenen Fähigkeit zum ausgeglichenen Diskurs beschäftigt, ist schnell das Internet schuld: die sozialen Netzwerke, die jede Scham, alle guten Manieren in Debatten und Diskussionen vertrieben haben.

Eine schöne Mär: Demut kommt nämlich vom althochdeutschen "diomuoti" und meint so viel wie die "Gesinnung eines Dienenden". Aber wer ist heute gern noch ein "Dienender"? Das böse Internet ist bestenfalls ein digitaler Turbo für eine veränderte Gesinnung, das Ansehen des "Dienenden" war schon lange vorher verkommen. Wer will Knecht sein, wenn er doch Herrscher sein könnte. Das neue "Dienen" heißt "Herrschen". Ich beherrsche den großen Auftritt, ich beherrsche die große Rede, ich beherrsche die sozialen Medien, ich beherrsche also den Diskurs.

"Verkünde das Evangelium. Wenn nötig, mit Worten", sagte der heilige Franz von Assisi. Er sieht die Tat als Verkündigung, im eigentlichen Tun liegt wahres Zeugnis, die tätige Nähe zu Behinderung, zu Armut, zu Verwahrlosung, zu Heimatlosigkeit und zu Einsamkeit soll mehr aussagen über unser Christsein als die vielen Worte, die wir gern dazu machen. Wer im besten Sinne herrschen will, kommt an der "wahren Demut", die sich gern versteckt, nicht vorbei. Er muss dienen, er muss tolerant sein. "Toleranz ist der Verdacht, der andere könnte recht haben. Intoleranz ist die Angst, der andere könnte recht haben" behauptet ein anonymes Graffito aus dem Jahr 1990. Servire et impera, diene und herrsche: Wahre Demut ist der Verdacht, ich könnte recht haben und verzichte dennoch auf das Rechthaben.

Von Albrecht von Croy

Der Autor

Albrecht von Croy ist Mitherausgeber von "theo – das katholische Magazin".

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