Die drei Hirtenkinder, Lucia dos Santos (M), die später Nonne wurde, ihr Cousin Francisco und ihre Cousine Jacinta, aufgenommen 1917 bei Fatima (Portugal). Ihnen war in diesem Jahr die Jungfrau Maria erschienen.
Jacinta Marto wurde von Papst Franziskus heiliggesprochen

Erscheinungen von Fatima: Vor 100 Jahren starb das jüngste Seherkind

Die Marienerscheinungen von Fatima haben ein kleines Dorf in Portugal weltberühmt gemacht: 1917 wollen dort einfache Hirtenkinder mehrmals die Gottesmutter gesehen haben. Vor 100 Jahren starb kurz nach den Visionen das jüngste der drei Seherkinder.

Von Alexander Brüggemann (KNA) |  Fatima - 20.02.2020

Sie war keine zehn Jahre alt; dann holten sie am 20. Februar 1920, vor 100 Jahren, die Spanische Grippe und eine folgende Bauchfellentzündung. Zehn Monate zuvor war schon ihr älterer Bruder Francisco gestorben, auch an der Grippe. Die beiden Geschwister Francisco und Jacinta Marto aus einem winzigen Nest im Westen Portugals sind heute Heilige der katholischen Kirche. Warum?

Bis zum Frühjahr 1917 war Fatima, gut 120 Kilometer nördlich von Lissabon gelegen, ein unbedeutendes Kaff. Das sollte sich in den folgenden Monaten gründlich ändern. Grund war eine besondere Besucherin: Maria, die Muttergottes. Es waren dramatische Monate, in denen sie sich damals, am 13. Mai 1917, zu Wort meldete: Russland taumelte zwischen Februar- und Oktoberrevolution, und die ersten portugiesischen Einheiten waren soeben in den Ersten Weltkrieg verwickelt worden, in dem Hunderttausende Menschen starben.

Antikirchlicher Staatsstreich in Portugal

Portugal war in desaströsem Zustand. Ein republikanischer Putsch hatte 1910 die völlig entkräftete Monarchie gestürzt; der junge König Manuel II. floh ins Exil. Im Fadenkreuz der Republikaner stand auch die Kirche, die über Jahrhunderte die feudalistischen Strukturen des Landes gestützt hatte. Binnen kürzester Zeit wurden nun religiöse Orden verboten, Kirchengüter und Schulen verstaatlicht, widerständige Geistliche verhaftet. Die neue Regierung führte Zivilehe und Scheidung ein und schaffte den Religionsunterricht ab.

In diesem militant antiklerikalen Kontext stehen auch die Marienerscheinungen von Fatima. Drei Hirtenkinder zwischen sieben und zehn Jahren berichteten, ihnen sei im Cova da Iria (Tal des Friedens) am 13. Mai die Gottesmutter erschienen, über einer Steineiche und "strahlender als die Sonne". Das Ereignis wiederholte sich im Monatsrhythmus über ein halbes Jahr.

An der Stelle der Eiche befindet sich heute die sogenannte Erscheinungskapelle, unscheinbar und etwas abseits zwischen den beiden großen Basiliken von Fatima gelegen. Viele Pilger beten hier ihren sonoren Rosenkranz. Ein paar Meter dahinter tost eine im Sommer nur schwer erträgliche Hitze. Ruß und Qualm der blakenden Kerzen stehen für das, was Maria 1917 beständig von den kleinen Seherkindern einforderte: Buße für die Sünden der Menschheit.

Heute ist Fatima einer bedeutendsten Wallfahrtsorte der katholischen Christenheit.

Durch Mundpropaganda wurden die Kinder und der Ort berühmt. Am 13. Oktober 1917 kamen mehrere zehntausend Menschen und beobachteten ein unerklärliches Sonnenphänomen. Danach hörten die Erscheinungen auf. Bei der dritten Erscheinung am 13. Juli sprach Maria nach Angaben der Kinder erstmals Prophezeiungen aus, die als "Geheimnisse von Fatima" bekannt wurden. Unter anderem sagte sie zweien von ihnen einen frühen Tod und dem dritten ein langes Leben voraus.

Im Frühjahr 1919 wurde mit dem Bau einer Kapelle begonnen. Unmittelbar darauf starb erst Francisco, keine elf Jahre alt. Bald darauf folgte Jacinta, drei Wochen vor ihrem zehnten Geburtstag. Papst Franziskus hat die beiden am 13. Mai 2017, dem 100. Jahrestag der ersten Erscheinung, vor Ort heiliggesprochen; seither können sie weltweit für ihr vorbildliches Leben verehrt werden. So hielt sich etwa der Junge Francisco trotz Todesdrohungen an das ihm von Maria auferlegte Schweigegebot über die Offenbarungen.

Was den beiden Marto-Kindern an Lebenszeit auf der Erde fehlte, bekam die dritte Seherin, ihre Cousine Lucia dos Santos (1907-2005), dazu. Sie lebte als Ordensfrau in Coimbra und starb im Februar 2005 mit fast 98 Jahren - nur wenige Wochen vor Johannes Paul II. (1978-2005), dem großen Fatima-Mystiker auf dem Papstthron. Am 13. Mai 1928 wurde der Grundstein für die von Maria geforderte Rosenkranz-Basilika gelegt. 1953 wurde die Basilika mit ihrem Arkadengang geweiht; hier liegen alle drei Hirtenkinder begraben.

Marienerscheinungen waren Hoffnungszeichen

Laut einer 1941 verfassten Niederschrift von Schwester Lucia enthielt der erste Teil der "Geheimnisse von Fatima" die Vorhersage eines weiteren Weltkriegs. Das zweite Geheimnis bestand darin, dass sich Russland nach einer Weihe an das "Unbefleckte Herz Mariens" bekehren werde. Für den dritten Teil der Weissagung verfügte Lucia, dass der Text nicht vor 1960 veröffentlicht werden dürfe. Tatsächlich publizierte erst Johannes Paul II. das "dritte Geheimnis" - zur Seligsprechung von Jacinta und Francisco am 13. Mai 2000. Der Text enthält auch die Vision eines "Bischofs in Weiß", der von Schüssen getroffen zusammenbricht.

Schwester Lucia und Johannes Paul II. sahen darin einen klaren Bezug auf das Papstattentat von 1981. Dass der Anschlag vom Petersplatz ausgerechnet am 13. Mai, dem Fatima-Tag, erfolgte, war ihnen kein Zufall. Bis zuletzt waren sie überzeugt, die Rettung des Papstes sei dem Beistand Marias zu verdanken. Eine Kugel aus der Waffe des Attentäters Ali Agca ließ der Papst fortan in der Marienkrone von Fatima aufheben.

Die Erscheinungen von 1917 konnten Portugals stark bedrängtem Klerus als Hoffnungszeichen neuen Rückhalt in der Bevölkerung verschaffen. Politisch aber wurde die Lage des Landes immer schlechter. Auf Drängen des traditionellen Verbündeten Großbritannien hatte sich Portugal 1917 in den Krieg hineinziehen lassen - und wurde vernichtend geschlagen; eine Hungersnot folgte. In 16 Jahren Republik seit 1910 verschliss Portugal 50 Regierungen, bis 1926 das Militär putschte. Dessen Regime mündete in die über vier Jahrzehnte dauernde faschistische Herrschaft unter Antonio Salazar.

Von Alexander Brüggemann (KNA)