Michael Berentzen
Bild: © KSHG Münster
Nach vielbeachtetem Antrag bei der Synodalversammlung

Pfarrer Berentzen: Darum braucht es eine Kirche ohne Titel

Für seinen Antrag zur titellosen Ansprache hat Hochschulpfarrer Michael Berentzen bei der ersten Synodalversammlung viel Zustimmung erhalten. Im katholisch.de-Interview erläutert er, was er sich von einer Kirche ohne Titel verspricht und welche Hoffnungen Studenten in den Synodalen Weg setzen.

Von Roland Müller |  Münster - 09.03.2020

Michael Berentzen ist Studierendenpfarrer in Münster und Teilnehmer der Synodalversammlung des kirchlichen Reformprozesses. Beim ersten Treffen des Synodalen Wegs in Frankfurt am Main stellte er einen Änderungsantrag zur Geschäftsordnung, der für Aufsehen sorgte: Die Teilnehmer der Synodalversammlung sollten sich künftig ohne akademische oder kirchliche Titel ansprechen. Im Interview erläutert der Hochschulseelsorger, wie es zu diesem Antrag kam.

Frage: Herr Berentzen, Ihr Antrag zur Änderung der Geschäftsordnung wurde zwar abgelehnt, erhielt mit 40 Prozent aber erstaunlich viel Zustimmung...

Berentzen: Ja, das stimmt. Ich war selbst ein wenig erstaunt. Im Vorfeld der Synodalversammlung hatte ich bei einigen Freunden nachgefragt, ob dieser Antrag wohl sinnvoll wäre und sie haben mich dazu ermutigt, ihn einzubringen – obwohl ich damit gerechnet habe, dass er nicht durchkommt. Ich denke aber, dass es so viel Zustimmung gab, weil mein Antrag ein Thema berührt hat, das viele bewegt: der Wunsch nach einem Miteinander auf Augenhöhe, also etwas, von dem vor Beginn des Synodalen Wegs vielfach gesprochen wurde.

Frage: Was wollten Sie mit dem Antrag erreichen?

Berentzen: Mit dem Verzicht auf die Titel hätte man hervorheben können, dass es bei den Beratungen nicht um das Amt oder die akademische Ausbildung geht, sondern viele verschiedene kirchliche Perspektiven zusammenkommen. Aus diesem Gesamtbild der Kirche in Deutschland können sich tragfähige Entscheidungen entwickeln. Viele haben dem Antrag wohl Sympathie entgegengebracht, weil er für den Traum einer geschwisterlichen Kirche steht. Nicht umsonst sprechen wir uns im Gottesdienst als Schwestern und Brüder an. Unsere Kirche kann nur Kirche Jesu Christi sein, wenn Menschen, die in ihr Autorität zugeschrieben bekommen, auf Macht und Einfluss verzichten und somit das, was ihnen zukommt, in einen größeren Raum stellen. Nur so wird auch am Ende der Synodale Weg gelingen können, denn das Kirchenrecht bietet den Bischöfen die Möglichkeit, die Beschlüsse des Reformprozesses umzusetzen oder eben nicht.

Frage: Warum sind Sie davon ausgegangen, dass der Antrag nicht angenommen wird?

Berentzen: Formen der titellosen Ansprache, wie sie in einigen Unternehmen etabliert sind, weil es dort um flache Hierarchien und gemeinsame Ziele geht, sind in der Kirche etwas Neues. Manche Firmen haben uns damit einiges voraus. Von Leitung wird dort verlangt, sich in dieser Firmenkultur in den Dienst des Unternehmensziels zu stellen, man spricht dabei von Servant Leadership. Diese Kulturelemente sind in der Kirche noch fremd, deswegen habe ich vermutet, dass mein Antrag nicht angenommen wird. Ich wollte die Aufmerksamkeit aber trotzdem auf diesen Punkt lenken. Die Ansprache mit Titeln ist in der Kirche sehr verbreitet, besonders mit Blick auf das Amt: Herr Pfarrer, Herr Bischof, Herr Kardinal. Nach der Erfahrung der ersten Synodalversammlung bin ich jedoch sehr zuversichtlich, dass in den Beratungen das bessere Argument mehr Einfluss haben wird als der höhere Titel. Aber natürlich braucht diese Entwicklung hin zu einem Dialog auf Augenhöhe viel Zeit.

Michael Berentzen predigt beim Semesterabschlussgottesdienst im Dom
Bild: © KSHG Münster

Studierendenpfarrer Michael Berentzen predigt beim Semesterabschlussgottesdienst der KSHG Münster im Paulus-Dom. Er wurde 1983 geboren und ist Priester des Bistums Münster. Berentzen leitet gemeinsam mit einer Pastoralreferentin die Katholische Studierenden- und Hochschulgemeinde (KSHG) Münster. Er ist Teilnehmer der Synodalversammlung und Mitglied des Forums zu Sexualität und Partnerschaft.

Frage: Woran machen Sie diese Entwicklung fest?

Berentzen: Die Atmosphäre in der Synodalversammlung war von einer Bereitschaft zum Zuhören geprägt. Dadurch hat sich ein Klima gebildet, das viele Menschen, Jugendliche wie Bischöfe, zur offenen Aussprache ermutigt hat: Die Synodalen haben sich getraut zu sagen, was sie wirklich denken, erleben und wichtig finden. Das an sich hat schon eine neue Wirklichkeit erzeugt. Meine Zuversicht ist, dass jetzt das Handeln folgt. Wir werden dabei an Grenzen stoßen, die wir in Deutschland nicht mit Beschlüssen überschreiten, zu denen wir aber Vorschläge machen können. Wenn wir ganz ehrlich hinschauen, ist noch viel mehr in unserer Kirche möglich, als wir jetzt für möglich halten.

Frage: Welche Reaktionen haben Sie im Nachhinein auf Ihren Änderungsantrag bekommen?

Berentzen: Es gab sehr viele Resonanzen, die meisten positiv. Mich haben aber auch kritische Rückmeldungen erreicht: Etwa, was es für eine Theologieprofessorin bedeuten kann, die einen langen Weg zu dieser Position hatte, wenn sie von einem Bischof nicht mehr mit diesem Titel angesprochen wird. Titel machen also eine erbrachte Leistung sichtbar und stehen im besten Fall für Kompetenz. Trotzdem stehe ich nach wie vor hinter meinem Vorschlag, denn er will die Gemeinsamkeiten betonen und die bestehenden Unterschiede in den Hintergrund rücken. Die Gemeinsamkeit des Unterwegs-Seins im Glauben und in der Nachfolge Jesu wäre hervorgehoben worden und die Unterschiede, die ohnehin bestehen, dadurch nicht angegriffen. Auch viele Studierende in der Hochschulgemeinde fanden meinen Antrag gut. Sie kennen die Frage des Umgangs mit Titeln aus dem Studium: Es gibt Dozentinnen und Dozenten, die sehr stark auf ihren Titeln beharren. Andere suchen vor allem das Gespräch mit den Studierenden und verzichten auf den Gebrauch von Titeln.

Frage: Das Titel-Wesen ist in der Kirche sehr stark entfaltet. Hat sie sich damit in eine missliche Situation verrannt?

Berentzen: Mein Eindruck ist, dass es immer mehr Priester und Bischöfe gibt, die für ein größeres Miteinander in der Kirche eintreten und ihr Amt als Dienst verstehen wollen. Andererseits wird das sehr schnell gesagt und kann überspielen, dass Macht einfach Macht bleibt und auch missbraucht werden kann. Und selbst wenn das nicht passiert, hängen doch viele Menschen von denen ab, die Macht haben – auch in der Kirche. Der Synodale Weg ist daher eine hervorragende Möglichkeit, die Aufteilung von Macht einzuüben und so zu einer synodalen Kirche zu werden. Außerdem erkennen immer mehr Gläubige kirchliche Amtsträger nicht mehr an, wenn sie nicht mit natürlicher Autorität und dienendem Charakter auf die Menschen zugehen. Das erlebe ich etwa bei den Studierenden sehr stark. Die neuen Generationen werden da etwas in der Kirche verändern.

Frage: Interessieren sich die Studierenden in der Hochschulgemeinde überhaupt für den Synodalen Weg?

Berentzen: Ich erlebe ein hohes Interesse am Synodalen Weg – bis dahin, dass sich eine Gruppe von Studierenden getroffen hat, um den Livestream der Synodalversammlung gemeinsam zu verfolgen und sich darüber auszutauschen. Mich erreichen viele Rückmeldungen von Studierenden, die von der Gemeinde- und Verbandsarbeit geprägt sind, aber auch von vielen, die die Beratungen eher aus einer außerkirchlichen Perspektive beobachten. Alle stellen sich die Frage, ob sie der Kirche überhaupt noch etwas zutrauen können und machen das auch am Ausgang des Synodalen Wegs fest. Viele interessieren sich für den Glauben, kritisieren aber die Institution, die sich darum gebildet hat. Die Studierenden fragen sich, ob die Kirche überhaupt noch Antworten auf ihre eigenen Lebensfragen geben kann und ob diese Antworten in die heutige Zeit passen oder vielleicht doch eher ins 19. Jahrhundert gehören. Daran machen nicht wenige fest, ob sie in der Kirche bleiben beziehungsweise ihr weiterhin zuhören.

Preacher-Slam der KSHG Münster
Bild: © KSHG Münster

Eine der regelmäßigen Veranstaltungen der KSHG Münster ist ein sogenannter Preacher-Slam.

Frage: Was geben die Studierenden Ihnen mit für die Arbeit in der zweiten Synodalversammlung oder im Forum Sexualität und Partnerschaft, zu dem Sie gehören?

Berentzen: Als Hochschulpfarrer bin ich auf besondere Weise Anwalt der Studierenden und ihrer Themen. Vielen ist die Frage wichtig, welche Verantwortung Frauen in der Kirche übernehmen dürfen. Sie wissen natürlich, dass die Ämterfrage nicht in Deutschland entschieden wird, und doch wünschen sie sich, dass wir uns als Ortskirche dazu eindeutig positionieren. Viele können einfach nicht verstehen, dass die Amtskirche den Frauen die Partizipation in diesem Maße verwehrt, ohne dabei für sie verständlich machen zu können, warum sie von Leitungsstrukturen ausgeschlossen werden. Ein weiteres Thema ist die Sexualmoral – auch, weil viele Studierende mitten in einer Orientierungsphase stehen und sich selbst verstehen wollen. Das erlebe ich unter anderem in vielen Seelsorgegesprächen, in denen es um einen verantwortungsvollen Umgang mit Sexualität und Partnerschaft geht. Ich nehme dabei einen großen Wunsch nach Begleitung wahr.

Frage: Die Studierenden wünschen sich also, dass die Kirche an ihrem Leben Anteil nimmt?

Berentzen: Ganz genau: Die Studierenden, mit denen ich in Kontakt stehe, wollen, dass Kirche für sie da ist und viele von ihnen gestalten Kirche vor Ort aktiv mit. Darüber sollten wir uns als Kirche freuen, weil es unser Anspruch ist, Menschen zu begleiten, und nicht, sie mit Verboten zu konfrontieren. Ich erlebe aber auch, dass diese Verbote kein Thema unter den Studierenden sind, da sie an keiner Stelle merken, dass die Amtskirche ein ernstzunehmender Gesprächspartner auf diesem Gebiet ist. Die offiziellen Verlautbarungen der Kirche zur Sexualmoral sind für sie nicht hilfreich, auch wenn das eigentlich ein Kriterium der Lehre sein müsste. Das betrifft vor allem den Umgang der Kirche mit Homosexualität, ein Thema, das mir in meinem pastoralen Alltag immer wieder begegnet. Das ist aus Sicht vieler Studierenden – und das kann ich sehr gut verstehen – ein Punkt, bei dem sich die Amtskirche gegen ein Menschenrecht stellt, nämlich gegen das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. Das wollen die Studierenden, wie viele andere Gläubige auch, nicht akzeptieren und darin stehe ich an ihrer Seite. Die Kirche baut einen sehr großen Druck gegenüber Schwulen und Lesben auf und vermittelt den Eindruck einer Minderwertigkeit. Ich bin immer wieder mit homosexuellen Studierenden im Gespräch, die sich zwar immer noch mit der Kirche verbunden fühlen, aber sich durch das, was sie bis heute verkündet, verletzt fühlen. Andere haben sich längst deswegen abgewendet.

Frage: Wird der Synodale Weg bei diesen Punkten zu einer Annäherung an die Lebenswirklichkeit der Menschen führen?

Berentzen: Ich denke, wir müssen sehr konkrete Beschlüsse fassen, und die Bischöfe wären gut beraten, wenn sie bei der Umsetzung den Menschen vertrauen, die bei der Entscheidungsfindung beteiligt sind. Alles vom Glauben daran getragen, dass wir in der Multiperspektivität dem viel näherkommen können, wie das Reich Gottes in unserer Wirklichkeit real und greifbar für Menschen wird.

Frage: Konkrete Beschlüsse in welchen Bereichen?

Berentzen: Bei allen vier Foren-Themen sehe ich Beschlussmöglichkeiten. Beim Thema Macht sollten wir uns für mehr Gewaltenteilung in der Kirche aussprechen, aber auch eine gute Kultur der Rückmeldung für Menschen in kirchlichen Leitungsfunktionen institutionalisieren. Möglichkeiten, Frauen an der Führung der Kirche partizipieren zu lassen, gibt es schon heute viele. Einige Theologinnen und Theologen denken darüber nach, wie die Leitung eines Bistums multiprofessionell aufgestellt werden kann, also wie theologisch verantwortet ein Bischof unabhängig von Geschlecht und Weihe Personen in die Leitung gleichberechtigt mit einbeziehen könnte. Wir müssen den Anspruch haben, überall dort, wo Beschlüsse gefasst werden, mehr Synodalität umzusetzen. Genauso wichtig ist natürlich die Frage nach der Leitung auf den unteren Ebenen: Ich leite die Hochschulgemeinde hier in Münster gemeinsam mit einer Pastoralreferentin und das funktioniert sehr gut. Warum sollte es das auch nicht? In vielen deutschen Bistümern wird in diese Richtung experimentiert. Die Synodalversammlung könnte allen Diözesen diese Maßnahmen ans Herz legen. Im Bereich Sexualmoral ist es nicht so sehr entscheidend, welche Papiere wir beschließen, denn die lesen die meisten Menschen sowieso nicht. Aber Signale sind wichtig, wie etwa die Einführung einer Liturgie für Paare, die nicht das Ehesakrament suchen, sondern einen Segen Gottes für ihre Beziehung. Dabei wäre es irrelevant, ob sie gleich- oder verschiedengeschlechtlich sind, ob sie vorher schon einmal verheiratet waren oder nicht. Auch an diesem Punkt könnten sehr konkrete Beschlüsse gefasst werden.

Von Roland Müller