Theologe fordert kritischen Blick auf kirchliche Ehelehre

Wucherpfennig: Homosexuelle können auf andere Weise fruchtbar sein

Ansgar Wucherpfennig, Direktor der Hochschule Sankt Georgen.
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Der Frankfurter Jesuit und Theologe Ansgar Wucherpfennig spricht sich mit Blick auf Homosexuelle dafür aus, den Fruchtbarkeitsbegriff zu weiten. "Darunter kann man viel mehr als nur die Zeugung von Nachkommen fassen", sagte der Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen dem Essener Bistumsmagazin "Bene" (Ausgabe März/April). Es sei auch ein Zeichen gelebten Glaubens und somit von Fruchtbarkeit, wenn "jemand sich als Homosexueller in der Schwulenszene offen zum Katholischsein" bekenne. Er kenne außerdem homosexuelle Menschen, die Fruchtbarkeit lebten, indem sie sich um alte Menschen kümmerten oder sozial engagierten.

Laut Wucherpfennig reicht die Bibel als Quelle für kirchlichen Stellungnahmen zur Homosexualität nicht aus. Es sei zwar wichtig, die christliche Tradition zu erhalten. "Dennoch sind Erkenntnisse der heutigen Humanwissenschaften zu berücksichtigen und die oft schmerzenden Erfahrungen der Glaubenden zu hören", so der Jesuit. Gemäß dem Katechismus der Katholischen Kirche sind homosexuelle Handlungen "in sich ungeordnet" (2357) und homosexuelle Menschen zur "Selbstbeherrschung" aufgerufen (2359).

Wucherpfennig äußerte sich auch zum Thema kirchliche Segensfeiern für Homosexuelle. Er könne es nachvollziehen, wenn es Leid verursache, dass diese "nur in der geheimen Kammer oder hinter vorgehaltener Hand stattfinden" könnten. Dabei wäre eine kirchliche Anerkennung solcher Segensfeiern im Rahmen der bestehenden Lehre "durchaus möglich", so der Theologe. Denn auch in diesen Beziehungen liege "viel Segensfähiges" wie etwa "Treue, Berücksichtigung der gegenseitigen Freiheit, Gleichheit, Gegenseitigkeit und Verbindlichkeit".

Durch Ehesakrament könne nicht "alles geheiligt" werden

Gleichzeitig fordert Wucherpfennig eine kritische Betrachtung der kirchlichen Ehelehre. Es könne nicht sein, dass durch das Sakrament der Ehe "alles geheiligt" werde. Das sei vor allem dann fragwürdig, wenn jemand in der Ehe Gewalt erfahre. "Die Kirche muss in ihrer Lehre Werte in Beziehungen nachvollziehbar begründen und etablieren, die gleichgeschlechtlich und andersgeschlechtlich Liebende gleichermaßen verpflichten", betonte der Theologe. Zudem müsse die Kirche akzeptieren, dass Ehen auch scheitern können. Es brauche andere Lösungen als diejenige, die Partnerschaft für ungültig zu erklären, sagte Wucherpfennig mit Blick auf die Möglichkeit der Eheannullierung. Für viele Menschen, deren Ehe gescheitert ist, sei 'ungültig' nicht die passende Kategorie. "Die erlebte Beziehung hatte für sie auch im Nachhinein viel Wichtiges und sogar Bereicherndes, auch wenn sie sich dann eingestehen mussten, dass sie sie nicht weiterleben konnten."

Wucherpfennig hatte sich wiederholt kritisch zum Umgang der Kirche mit Frauen und Homosexuellen geäußert. Im Herbst 2018 erlangte er deutschlandweite Bekanntheit, als ihm der Vatikan zunächst nicht die erforderliche Unbedenklichkeitserklärung ("Nihil obstat") für eine dritte Amtszeit als Rektor der Jesuitenhochschule Sankt Georgen erteilte. Die Unbedenklichkeitserklärung wurde nach Aussage der Jesuiten schließlich erteilt, nachdem Wucherpfennig eine Erklärung abgegeben habe, als Ordensmann und Priester dem authentischen Lehramt der Kirche verpflichtet zu sein. "Wo es seine Ämter verlangten, lege er die Lehre der Kirche über die Möglichkeit der Weihe von Frauen und von Segnungsfeiern für gleichgeschlechtliche Paare vollständig und verständnisvoll dar", hieß es. (mal)