Kurz nach seinem 95. Geburtstag

Befreiungstheologe Ernesto Cardenal gestorben

Aktualisiert am 02.03.2020  –  Lesedauer: 
Befreiungstheologe Ernesto Cardenal gestorben
Bild: © KNA

Managua ‐ Johannes Paul II. hatte ihm einst die Ausübung des priesterlichen Dienstes verboten, mehr als 30 Jahre später hob Papst Franziskus die Sanktionen auf: Wenige Wochen nach seinem 95. Geburstag ist der Befreiungstheologe Ernesto Cardenal nun gestorben.

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Ernesto Cardenal, Dichter, Befreiungstheologe und ehemaliger nicaraguanischer Kultusminister, ist tot. Laut Berichten spanischer und nicaraguanischer Medien starb er am Sonntag im Alter von 95 Jahren in Managua an den Folgen eines Nieren- und Herzversagens. Der mit zahlreichen Preisen geehrte Priester war bis ins hohe Alter als Schriftsteller aktiv. Auch Deutschland gehörte zu jenen Ländern, in denen er bis zuletzt eine treue Leserschaft fand.

Als "bedeutenden Fürsprecher und Anwalt der Armen" sowie als "einflussreiche Stimme für Frieden und Gerechtigkeit in Lateinamerika" würdigte das katholische Lateinamerika-Hilfswerk Cardenal. "Ernesto Cardenal hatte eine Gabe, die Schöpfung in den alten Worten der Bibel und der Psalmen neu zu preisen. Das war und bleibt poetisch. Er war ein Mystiker unserer Zeit", erklärte Adveniat-Hauptgeschäftsführer Pater Michael Heinz am Montag in Essen.

Immer wieder übte Cardenal, eine der schillerndsten Figuren Lateinamerikas, scharfe Kritik an der Situation in seiner Heimat. Den früheren und heutigen Präsidenten Daniel Ortega, mit dem er einst acht Jahre in der Regierung gesessen hatte, verglich er später mit Adolf Hitler und sprach von "Staatsterrorismus".

Cardenal nannte sich selbst "Sandinist, Marxist und Christ". Papst Johannes Paul II. hatte ihm 1985 die Ausübung des priesterlichen Dienstes verboten, weil er nach dem Sturz der Somoza-Diktatur Minister der Revolutionsregierung war. Im Februar 2019 hob Papst Franziskus das Verbot wieder auf. Bereits zuvor hatte Cardenal Sympathien für den ersten Papst aus Lateinamerika bekundet: "Er ist dabei, die Dinge im Vatikan auf den Kopf zu stellen. Nein, genauer ausgedrückt: Er stellt die Dinge, die verkehrt herum stehen, wieder auf die Füße."

Preise und Ehrungen

Für sein literarisches Werk erhielt Cardenal 1980 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und 2012 den spanischen Königin-Sofia-Preis für Iberoamerikanische Literatur. 2017 bekam er die Ehrendoktorwürde der Bergischen Universität Wuppertal.

Nach dem Literaturstudium in New York beteiligte sich Cardenal 1954 am gescheiterten Putsch gegen den Somoza-Clan. 1957 trat er ins Trappistenkloster Gethsemany im US-Bundesstaat Kentucky ein. 1966 gründete er auf der Insel Solentiname im Nicaragua-See eine an radikal-urchristlichen Idealen orientierte Gemeinschaft. Aus den dortigen Erfahrungen entstand sein wohl bekanntestes Buch, das "Evangelium der Bauern von Solentiname". Allein im deutschsprachigen Raum verkaufte der Wuppertaler Peter-Hammer-Verlag weit mehr als eine Millionen Bücher. Mit dem verstorbenen österreichischen Ex-Show-Master Dietmar Schönherr gründete Cardenal in seiner Geburtsstadt Granada eine Einrichtung. Sie soll die europäischen, indianischen und afrikanischen Kulturelemente Nicaraguas miteinander verbinden. (tmg/KNA)

2.3., 9:25 Uhr: Ergänzt um Stellungnahme von Adveniat.