Marcial Maciel Degollado
Vor 100 Jahren wurde der Ordensgründer Marcial Maciel geboren

Der wohl perfekteste Kriminelle im Priesterkragen

Die Legionäre Christi galten einst als erfolgreichste Ordensgründung des 20. Jahrhunderts. Heute tragen die Mitglieder schwer an der Last, die ihnen ihr Gründer hinterlassen hat. Marcial Maciel wurde heute vor 100 Jahren geboren.

Von Ludwig Ring-Eifel (KNA) |  Bonn - 10.03.2020

Marcial Maciel Degollado hatte die Gabe, fast alle, die mit ihm in Berührung kamen, zu faszinieren und zu missbrauchen. Die einen missbrauchte er sexuell. Die anderen, indem er von ihnen Geld als Spende annahm oder ihnen Geld als Spende gab. Damit wob er in der Kirche ein Netzwerk von Korrumpierten, die ihn vor Entlarvung schützten. Er lebte ein konsequentes Doppelleben. Der von ihm gegründete Priesterorden der Legionäre Christi trägt bis heute schwer an dieser Last.

Um ihn annähernd zu begreifen, muss man Maciels Jugend ansehen. Er wuchs auf nach dem blutigen Jahrzehnt der mexikanischen Revolutionen, in der Milizen einander bekämpften und mehr Präsidenten durch Putsch oder Mord als durch Wahlen aus dem Amt schieden. Das erste politische Ereignis, von dem der junge Marcial hörte, war der niedergeschlagene "Cristeros"-Aufstand der katholischen Bauernmilizen von 1926 bis 1929.

Demütigung und Missbrauch durch die Familie

Die 20 Jahre später von ihm gegründeten Legionäre Christi sollten deren vergeblichen Kampf für die katholische Sache gegen einen laizistischen Staat fortsetzen. Die Koordinaten eines militanten Kulturkampfs verinnerlichte er früh und nutzte sie, um für seinen Orden zu werben.

Die zweite prägende Erfahrung war die Demütigung durch den Vater und die Brüder. Er wurde ausgepeitscht und sexuell missbraucht. Der Rettungsanker war seine geistliche Verwandtschaft. Gleich vier Brüder seiner Mutter hatten es als Priester bis zum Bischof geschafft, einer von ihnen brachte ihn in ein Priesterseminar.

Papst Johannes Paul II. segnet Marcial Maciel

Papst Johannes Paul II. sah Marcial Maciel als Verbündeten für die gemeinsame Sache gegen den gottlosen Laizismus und Kommunismus.

Maciel setzte die erlittenen sexuellen Erfahrungen als Täter mit anderen fort – und wurde dafür aus dem Seminar entlassen. Doch ein zweiter Onkel verhalf ihm 1944 zur Priesterweihe. Wieder sammelte er Jugendliche und junge Männer um sich, mit denen er nicht nur geistlich verkehrte. Dies war die Keimzelle der Legionäre Christi.

Sie verehrten Maciel als "Unseren Vater" und schworen einen "Eid der Nächstenliebe", der ihnen verbot, etwas Schlechtes über ihn zu sagen. Dieser Eid ging in die Ordensregeln ein und sorgte dafür, dass selbst ehemalige Mitglieder trotz Missbrauchs keine Vorwürfe gegen Maciel erhoben.

Kardinal setzt süchtigen Maciel wieder als Ordensoberer ein

1946 reiste Maciel nach Rom und hatte 10.000 US-Dollar aus Spenden dabei. Die gab er Kardinal Clemente Micara, der nach dem Krieg für den Wiederaufbau der zerstörten Kirchen sorgte. In ihm hatte Maciel seither einen Fürsprecher. Er half ihm, als er nach Bekanntwerden seiner Morphiumsucht im Jahr 1956 als Ordensoberer abgesetzt wurde. Gleich nach dem Tod Pius' XII. setzte der Kardinal Maciel klammheimlich wieder ein.

Maciel war im Kalten Krieg ein erfolgreicher Spendensammler für die konservativen Legionäre. Der Orden wuchs, Schulen, Seminare und eine Universität wurden gegründet. Reiche Mexikaner und US-Amerikaner spendeten Millionensummen. Missbrauch, Unterschlagung und Drogenkonsum blieben die dunkle Seite, sie kam später ans Tageslicht. In der jüngsten Aufarbeitung sprechen die Legionäre von 60 Missbrauchs-Opfern des Gründers in der Ordensgemeinschaft.

So wollen die Legionäre Christi Vertrauen zurückgewinnen

Wie erfindet sich eine Gemeinschaft neu, deren Gründer sich als Missbrauchstäter herausgestellt hat? Dieser Aufgabe musste sich das Regnum Christi in den vergangenen Jahren stellen. Im Interview spricht Pater Valentin Gögele, Ordensprovinzial für West- und Mitteleuropa, über den Erneuerungsprozess – und über das neue Miteinander in der Gemeinschaft.

1976 fiel dann aber doch ein Schatten des Verdachts auf ihn. Durch einen Priester, den Maciel schon als Kind missbraucht hatte, wurde ein Bischof in den USA aufmerksam. Der schrieb 1976 nach Rom, aber dann starb Papst Paul VI., und unter Johannes Paul II. begann eine neue Zeit.

Papst Johannes Paul II. sah in Maciel Verbündeten

Der sah Maciel als Verbündeten für die gemeinsame Sache gegen den gottlosen Laizismus und Kommunismus. Selbst als gegen Ende die Beweise immer erdrückender wurden, hielt der greise Papst zu ihm. Ermittlungen von Kardinal Joseph Ratzinger gegen Maciel versandeten. Der Deutsche hatte als einziger die Annahme großzügiger Spenden stets verweigert.

Und so kam es 2005 zu einem Pontifikatswechsel, der Maciel nicht in die Karten spielte. Als Ratzinger Papst wurde, verbannte er den inzwischen 86-Jährigen wegen der Schwere seiner Schuld in ein zurückgezogenes Leben ohne priesterliche Funktionen. Erst nach Maciels Tod im Januar 2008 kam die Wahrheit zum Vorschein, auch dank der Recherchen des amerikanischen Journalisten Jason Berry. Bis heute ist nicht geklärt, wer im Vatikan wann was davon wusste und nichts dagegen unternahm.

Von Ludwig Ring-Eifel (KNA)