Gebet und Weihwasser schützen nicht vor dem Coronavirus
Warum die Kirche auf die Wissenschaft hören sollte

Gebet und Weihwasser schützen nicht vor dem Coronavirus

Sind Priester, die sich den Ratschlägen von Gesundheitsbehörden widersetzen, wirklich Helden? Nein, kommentiert katholisch.de-Redakteur Felix Neumann. Schutzmaßnahmen gegen das Coronavirus dürften nicht gegen Frömmigkeitsformen ausgespielt werden.

Von Felix Neumann |  Bonn - 12.03.2020

"Wer im selben Becken wie ein Corona-Patient badet, ist vor Ansteckung sicher, weil Lourdes kein Ort der Sünde, sondern des Glaubens ist", heißt es in einer Petition an den Rektor der französischen Wallfahrtsstätte, die unter anderem von Erzbischof Carlo Maria Viganò unterstützt wird. Lourdes solle die ohnehin noch laxen Sicherheitsmaßnahmen außer Kraft setzen und die Becken wieder öffnen, in denen Gläubige im Quellwasser aus der Mariengrotte baden. Solcher Aberglaube ist zum Glück nicht die Regel im kirchlichen Umgang mit der Corona-Krise.

Die meisten Verantwortlichen reagieren umsichtig, geben Sicherheitsmaßnahmen für Gottesdienste aus, verschieben Veranstaltungen und größere Gottesdienste. In Krisengebieten werden Gottesdienste ganz ausgesetzt. Die einschlägigen sich katholisch gebenden Portale sind voll von skandalisierender Berichterstattung über umsichtiges Handeln von dort missliebigen Bischöfen, die sich von Gesundheitsbehörden beraten lassen. Priester, die sich widersetzen und an der Mundkommunion festhalten, werden gefeiert. Besonders uneinsichtige Bischöfe schränken das öffentliche kirchliche Leben nicht ein, sondern veranstalten erst recht trotzig Prozessionen gegen das Virus.

Unterhalb der Ebene des aktiven Widerstands gegen den Infektionsschutz gibt es die Ebene der Gleichgültigkeit und Ignoranz. Wird schon nicht so schlimm kommen. Das bisschen Weihwasser, die paar Leute im Gottesdienst, die Handvoll Menschen, die auf Mundkommunion bestehen: Was soll da schon passieren, es ist noch immer gut gegangen, und denkt an die großen Pestheiligen, die schlimmere Epidemien mitgemacht haben. (Und daran gestorben sind.)

Glaubt der Wissenschaft

"Believe the science", "Glaubt der Wissenschaft", ist einer der Slogans, die zu den Protesten über die Untätigkeit der politischen Verantwortlichen angesichts der Klimakrise gehören. "Believe the science" ist auch im Umgang mit der Corona-Krise ein guter Slogan – gerade in der Kirche, gerade als Handlungsmaxime für Verantwortungsträger. Experten geben seit Tagen die Devise aus, die Kurve flach zu halten. Damit ist gemeint: Infektionen möglichst vermeiden und hinauszögern, um das Gesundheitssystem nicht zu überfordern.

Viele Weihwasserbecken in den Kirchen sind derzeit leer.

Dass viele Menschen infiziert werden, ist kaum zu vermeiden. Wohl aber lässt sich unterstützen, dass nicht mehr als nötig gleichzeitig die knappen Ressourcen in den Krankenhäusern nutzen müssen: Die gleiche Menge an Infizierten über einen längeren Zeitraum gestreckt macht den Unterschied aus zwischen Zuständen wie in Italien, wo Ärzte wie in Kriegsgebieten entscheiden müssen, welchen Patienten man überhaupt noch helfen kann, und einer kritischen Lage, die noch handhabbar ist. Wer hier mit Weihwasser und Wundern wissenschaftlich fundierten Handlungsempfehlungen wegwischen will, handelt gegen das Gemeinwohl.

Pestheilige: Vorbild im Glauben, nicht im Handeln

Die Bewältigung einer Epidemie braucht das Zutun aller und wird einige Einschränkungen im Alltag bedeuten, und ja: auch wenn es um Mitte und Höhepunkt des christlichen Lebens geht, die Eucharistie. Der Bischof von St. Pölten hat die Gläubigen erst von der Sonntagspflicht dispensiert, jüngst wurden alle öffentlcihen Gottesdienste in Österreich abgesagt. Das ist keine Kapitulation vor der Welt oder Kleingläubigkeit: Die Reaktionen auf eine Pandemie müssen heute anders sein als bei vormodernen massenhaften Krankheitsausbrüchen. Immer noch ist das Heiligengedenken geprägt von heroischen selbstlosen Männern und Frauen, die ohne Rücksicht auf ihre eigene Gesundheit zu den Kranken gingen und dabei oft ihr eigenes Leben verloren. Diese Heilige sind heute noch ein Vorbild im Glauben. Sie können aber nur begrenzt ein Vorbild im Handeln sein. Rücksichtslosigkeit gegenüber der eigenen Gesundheit ist bei einer exponentiell wachsenden Krankheitsausbreitung Rücksichtslosigkeit gegenüber der Allgemeinheit.

Besonnene Stimmen kommen aus den Orden. Ihre Spiritualität kann eine Richtschnur für Christen sein, wie man mit einer Pandemie umgeht. Mit dem heiligen Benedikt verweist Anselm Grün darauf, dass ein achtsamer Umgang miteinander eine spirituelle Tugend ist, "damit wir uns schützen, um andere zu schützen, dass wir uns Mühe geben, damit andere von Mühen befreit werden." Gelassen bleiben und nicht in Panik verfallen heißt nicht, sorglos weiterzumachen wie zuvor. Dem heiligen Ignatius, dem Gründer der Jesuiten, wird ein Zitat zugeschrieben, das Vertrauen auf Gott und Eigenverantwortung verschränkt: "Handle so, als ob alles von dir abhinge, in dem Wissen aber, dass in Wirklichkeit alles von Gott abhängt." Es geht nicht darum, Gebet, Gottesdienst und Buße kleinzureden und beiseite zu schieben; sie stärken jeden einzelnen Christen und sind weiterhin notwendig, auch wenn sich vieles aus Verantwortung für eine Eindämmung der Epidemie verändert. Es geht nicht darum, den Heilswillen und das Heilshandeln Gottes zu leugnen. Gebete und die Hoffnung auf Wunder sind aber kein Infektionsschutz und ersetzen auch nicht verantwortliches Handeln auf Grundlage des Standes der Forschung. Gott handelt vor allem durch die Hände seiner Gläubigen in der Welt.

Von Felix Neumann