Schild der Serie Lindenstraße
Heute letzte Folge der TV-Kultserie

Pfarrer: Das habe ich von der Lindenstraße für die Seelsorge gelernt

Die Lindenstraße hat Fernsehgeschichte geschrieben. Ein Fan der langlebigen Kultserie ist Pfarrer Herbert Aneder aus der Diözese München und Freising. Er hat nahezu alle der 1758 Lindenstraßen-Folgen gesehen und dabei auch viel für seine Arbeit als Seelsorger gelernt, wie er im Interview erzählt.

Von Roland Müller |  Buchbach - 29.03.2020

Heute Abend wird die 1758. Folge der Lindenstraße ausgestrahlt. Damit endet eine der langlebigsten Serien des deutschen Fernsehens. Pfarrer Herbert Aneder aus Buchbach bei Erding hat die Lindenstraße über ihre mehr als 34 Jahre lange Geschichte gespannt verfolgt und ist zu einem Fan der Serie geworden.

Frage: Was fasziniert Sie an der Serie Lindenstraße?

Aneder: Ich finde es bemerkenswert, dass die Lindenstraße alltägliche Geschichten von ganz normalen Menschen erzählt – sozusagen von Lieschen Müller und Otto Normalverbraucher. Interessante Themen, die jeden der Zuschauer ebenso betreffen könnten, werden in anrührenden Geschichten miteinander verwoben. Von der Wiege bis zur Bahre, von Teenagersorgen bis zum Generationenkonflikt, einfach alles hatte seinen Platz. Die größte Faszination hat auf mich jedoch immer ausgeübt, wie mit dem Thema Sterben umgegangen wurde. Einige Sterbeszenen haben mich persönlich sehr berührt, teilweise auch zu Tränen gerührt. Diese Folgen habe ich mir mehrmals angeschaut.

Frage: Was hat Sie an diesen Szenen so berührt?

Aneder: Ich finde beeindruckend, wie natürlich dort mit dem Sterben umgegangen wird. Eine der anrührendsten Szenen der ganzen Lindenstraße war für mich die Leukämie-kranke Mutter, die von ihrer Tochter und der ganzen Familie beim Sterben begleitet wurde. Sterbeszenen wie diese habe ich in meiner Arbeit als Pfarrer immer wieder selbst erlebt. Jeder Todesfall ist natürlich anders, aber ab und zu wurde ich durchaus an eine Szene der Lindenstraße erinnert.

Frage: Was konnten Sie daraus für die Seelsorge mitnehmen?

Aneder: Gerade bei Todesfällen ist es wichtig, einfach da zu sein und das Leid gemeinsam auszuhalten. Die Lindenstraße hat mich gelehrt, in solchen Situationen nicht einfache Erklärungen abzuliefern oder große Worte zu machen, sondern schweigend präsent zu sein, mitzuweinen oder die Hände zu halten.

Frage: Gibt es auch religiöse Spuren in der Serie?

Aneder: Die gab es immer wieder. Spannend finde ich, dass in den Anfangsjahren der Lindenstraße die Figur eines katholischen Pfarrers im Drehbuch stand, der meiner Ansicht nach recht gut Seelsorge betrieben hat. Schließlich hat er sich in eine Frau verliebt und seine Berufung aufgegeben. Danach ist er aber nicht besonders glücklich geworden und wurde mit einer Bratpfanne erschlagen. Das war schon sehr schräg! Außerdem gibt es die Person der Gabi Zenker. Sie ist eine gläubige Frau geworden, die durch schwere Schicksalsschläge zu Gott gefunden hat: Aber vorher musste sie erleben, dass ihr erster Mann an Aids gestorben ist sowie ihr Sohn entführt und daraufhin getötet wurde. Dieses Leid hat sie der Kirche nähergebracht und in der Serie wurde sie auch beim Beten gezeigt. Selbst der Kirchgang wurde gezeigt und mit kritischen Fragen anderer Personen versehen. Aber auch der Islam wurde thematisiert. So gab es etwa das Vorhaben, eine Moschee in der Lindenstraße zu bauen, mit den kontroversen Diskussionen, die das mit sich brachte.

Pfarrer Herbert Aneder
Bild: © Privat

Herbert Aneder ist Pfarrer in Buchbach bei Erding und Fan der Serie Lindenstraße.

Frage: Wie haben Sie die Darstellung der religiösen Themen wahrgenommen?

Aneder: Den Bratpfannenmord habe ich als sehr übertrieben in Erinnerung. Aber ansonsten hat die Rolle dieses Priesters durchaus authentisch gewirkt. Bei manchen Beerdigungen habe ich mir jedoch gedacht, dass die dort gezeigten Pfarrer kein gutes Bild abgegeben haben.

Frage: Weshalb?

Aneder: Ich versuche bei jedem Todesfall in der Predigt auf den Verstorbenen einzugehen und eine persönliche Atmosphäre zu schaffen. Die Gläubigen merken sehr schnell, wenn sich jemand intensiv vorbereitet hat. Bei Kollegen höre ich jedoch manchmal Standardansprachen, die immer wieder sehr ähnlich vorgetragen werden und unpersönlich sind. Das habe ich auch in der Lindenstraße wahrgenommen.

Frage: Nun endet die Lindenstraße. Welche Gefühle hinterlässt das bei Ihnen?

Aneder: Ich finde es sehr schade, dass die Serie zu Ende geht. Allerdings habe ich auch den Eindruck, dass wir in einer sehr schnelllebigen Zeit leben, in der es wohl für die Produzenten schwer wird, aktuelle Themen aufzugreifen, die in Geschichten gekleidet werden, aber dann schon längst wieder überholt sind. In besonderer Weise denke ich an die große Tagesaktualität zurück, die es in der Lindenstraße immer gab. So berichteten Medien, dass vor einer Bundestagswahl mehrere Varianten gedreht wurden, um die aktuellen Hochrechnungen und den Ausgang der Wahl aufzugreifen. Teilweise wurden die Wahlergebnisse auch in der Serie gezeigt. Das hat mich stets fasziniert. Man konnte meinen, diese Szenen wurden erst kurz zuvor gedreht, obwohl sie bereits Monate vor aufgenommen worden waren.

Frage: Welcher Charakter aus der Lindenstraße ist Ihnen besonders ans Herz gewachsen und welchen können Sie nicht ausstehen?

Aneder: Abneigend bin ich Onkel Franz gegenüber, der mir mit seinen rechten Äußerungen immer wieder sauer aufgestoßen ist. Ein wechselndes Gefühl ist bei Else Kling vorhanden: Manchmal fand ich sie sehr sympathisch, gleichzeitig war sie aber auch ein richtiges Tratschweib. Die ausgleichende und besonnene Art der Gabi Zenker hat mir sehr zugesagt. Ich bin ein Fan von Mutter Beimer – die wohl bekannteste Bewohnerin der Lindenstraße. Es gibt sicherlich kaum einen Deutschen, der sie nicht kennt. Die Lindenstraße hat schließlich Fernsehgeschichte geschrieben.

Von Roland Müller