Kohlgraf warnt vor Erstarken nationalistischen Gedankenguts in Europa
Mahnende Worte zum Kriegsende vor 75 Jahren auch von Marx und Koch

Kohlgraf warnt vor Erstarken nationalistischen Gedankenguts in Europa

Vor 75 Jahren endeten der Zweite Weltkrieg in Europa und die Diktatur, die ihn entfesselt hatte: Die deutschen Bischöfe Kohlgraf, Marx und Koch warnen eindringlich vor vergleichbaren Ideologien heute – und untermauern die Verantwortung der Kirche.

Mainz/München/Berlin - 06.05.2020

Der Mainzer Bischof und Präsident von Pax Christi Deutschland, Peter Kohlgraf, sieht ein "Erstarken nationalen und nationalistischen Gedankenguts" in Europa. Es sei Zeit, "sich an Europa als gemeinsames Friedensprojekt zu erinnern", mahnte Kohlgraf am Mittwoch in einer Erklärung zum 75. Jahrestag des Weltkriegsendes am 8. Mai. Rassismus und die Abwertung anderer sowie Gewalt und Diskriminierung dürften "nicht gesellschaftsfähig werden". Die Kirche müsse gerade in diesen Tagen ihre Aufgabe als "globales Sakrament des Heiles und des Friedens" wahrnehmen, sagte der Bischof weiter. Die Corona-Pandemie zeige "schmerzlich und überdeutlich, dass wir als Menschen zusammengehören, und dass wir als eine Familie ein gemeinsames Haus bewohnen". Es müsse in Verantwortung, Gerechtigkeit und Frieden aufgebaut werden.

Der Pax-Christi-Präsident forderte zugleich nukleare Abrüstung. "Heute erleben wir eine neue Hinwendung zur atomaren Aufrüstung bei den Großmächten", so Kohlgraf. Diese Aufrüstungsbemühungen könne man nur ablehnen. Der Bischof bezog sich auf Papst Franziskus, der eine Abschaffung der Atomwaffen mit den Worten gefordert habe: "Wer mit Auslöschung droht, schafft keinen Frieden." - Pax Christi ("Friede Christi") ist eine Friedensbewegung in der katholischen Kirche, die sich als ökumenisch versteht. Entstanden ist die Bewegung am Ende des Zweiten Weltkrieges in Frankreich. Die deutsche Sektion ist Mitglied des weltweiten Friedensnetzes Pax Christi International.

Marx: Aus NS-Verbrechen folgt Auftrag für heutige Gesellschaft

Auch der Münchner Kardinal Reinhard Marx äußerte sich zum Ende von Weltkrieg und NS-Diktatur vor 75 Jahren. Aus dem Horror der NS-Verbrechen folgt nach seinen Worten "ein Auftrag an uns heute, achtsam und aufmerksam füreinander zu sein". Jedes menschliche Leben sei kostbar, sagte Marx am Mittwoch aus Anlass der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau vor 75 Jahren. Der Erzbischof von München und Freising sprach von der Notwendigkeit, "aufeinander zu achten, jedes menschliche Leben zu schützen und für den Frieden und die Gerechtigkeit für alle Menschen und Völker einzutreten". Der Kardinal betonte: "Unabhängig von Religion, Konfession und Geschlecht: Wir sind eine Menschheitsfamilie!"

Dachau wurde Marx zufolge während der NS-Schreckensherrschaft zum Ort eines "ungeheuerlichen, unvergleichlichen Zivilisationsbruchs". Bis heute sei ihm "unbegreiflich, wie in einem christlich geprägten Land wie Deutschland solche Verbrechen möglich waren", ergänzte Marx. Er fügte an: "Was danach geschehen ist, das neue Miteinander, die neue Solidarität, das ist auch heute immer wieder neu zu erkämpfen."- Das NS-Regime hatte ab dem 22. März 1933 etwa 206.000 Menschen aus 34 Nationen in das Konzentrationslager nordwestlich von München sowie in seine später errichteten Außenlager verschleppt. Das Lager gehörte zu den ersten in Hitler-Deutschland und wurde zum Modell für die späteren Orte des SS-Terrors. Am 29. April 1945 befreiten Soldaten der US-Armee das KZ. Insgesamt starben von den seit 1933 eingelieferten Häftlingen mehr als 40.000 in dem Lager. Zudem deportierte die SS viele Menschen von Dachau weiter in NS-Vernichtungslager.

Zum 75. Jahrestag des Weltkriegsendes rief auch der Berliner Erzbischof Heiner Koch zum Widerstand gegen völkisches Denken und autoritäre Herrschaft auf. "Wir sind gehalten, der Entzweiung des Nationalismus, des 'völkischen' Denkens und 'autoritärer Herrschaft' entschieden entgegenzutreten", erklärte Koch am Dienstag in Berlin. "Dazu dürfen wir nicht schweigen, nie." Zudem mahnte der Erzbischof zum Gedenken der Opfer. "Wir erinnern an die Toten dieses Kriegs, an das sinnlose Quälen und Morden, an den Holocaust, wir erinnern an Hunger, Flucht und Vertreibung von so vielen Menschen." Am 8. Mai 1945 hätten vermutlich in Berlin keine Glocken geläutet, so Koch, da die Kirchen zerstört und die Glocken zu Waffen umgeschmolzen gewesen seien. Wenn am Freitag um 18.00 Uhr die Kirchenglocken läuten, "gilt dieser Gebetsruf in ganz besonderer Weise den Opfern und mahnt uns an unseren Auftrag." (tmg/KNA)