Der zerstörte Liebfrauendom in München
Vor 75 Jahren endete in Deutschland der Zweite Weltkrieg

Die Kirche in der "Stunde Null": Zwischen Aufbruch und Besinnung

Als am 8. Mai 1945 der Zweite Weltkrieg in Europa endete, lag Deutschland materiell und moralisch in Trümmern. Die katholischen Bischöfe wurden Ansprechpartner der Besatzer und Fürsprecher der Bevölkerung. Doch sie räumten bald ein, dass auch Glieder der Kirche während des Kriegs versagt hatten.

Von Matthias Altmann |  Bonn - 08.05.2020

Die Worte des Münchner Erzbischofs lesen sich ziemlich lapidar. "Am letzten April etwa 18.00 Uhr ist der Krieg zu Ende", notiert Kardinal Michael von Faulhaber am 30. April 1945 in sein Tagebuch. Es ist der Tag, an dem US-amerikanische Soldaten die bayerische Landeshauptstadt besetzen – und endgültig von der Nazi-Herrschaft befreien. Doch Faulhaber scheint das, zumindest seinen Tagebucheinträgen nach, kaum bewegt zu haben. Wie ein nüchterner Chronist schreibt er die Ereignisse der letzten Kriegstage auf. Auch am 8. Mai, als die deutsche Wehrmacht endgültig kapituliert, notiert er lediglich: "Heute, 15.00 Uhr, erklärt Churchill [englischer Premierminister, Anm. d. Red.], der Krieg ist aus, abends spricht der englische König 21.00 Uhr, und 24.00 Uhr ist der Krieg faktisch zu Ende."

Ein Krieg, der Deutschland moralisch und materiell in Schutt und Asche legte – und auch in der katholischen Kirche tiefe Spuren hinterließ. Die Nazis hatten Geistliche gegängelt und versucht, das kirchliche Leben zu sabotieren. Über 400 deutsche Priester wurden bis 1945 in ein Konzentrationslager gebracht, 107 kamen dort um. 63 weitere Priester wurden hingerichtet oder ermordet. Einzelne Christen oder Geistliche, die sich für Verfolgte einsetzten, bezahlten dies mit ihrem Leben: So etwa der Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg, der sich öffentlich mit den deutschen Juden solidarisierte. Der Regensburger Domprediger Johann Maier wurde noch in den letzten Tagen von den Nazis umgebracht, weil er sich für eine kampflose Freigabe der Stadt einsetzte, um unnötiges Leid zu verhindern.

Bernhard Lichtenberg war während der NS-Zeit Dompropst der Berliner Hedwigs-Kathedrale und setzte sich für verfolgte Juden ein. 1996 wurde er von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen.

Es war allerdings auch ein Krieg, zu dem sich die Bischöfe nicht eindeutig zu positionieren schienen. Sie protestierten nicht, als Hunderttausende deutscher Soldaten – darunter auch Tausende Katholiken – 1939 in den Krieg zogen. Manche bischöfliche Einzelmeinung erweckte sogar den Anschein von kriegsbefürwortender Rhetorik. Der Münsteraner Bischof Clemens August von Galen etwa rechtfertigte den Krieg unter Verweis auf den "ungerechten Gewaltfrieden" von Versailles nach dem Ersten Weltkrieg. Und als 1941 der Feldzug der Wehrmacht gegen Sowjetrussland begann, sagte Kardinal Michael von Faulhaber: "Gewaltig und furchtbar ist das Ringen gegen diesen Weltfeind und tiefsten Dank zollen wir unseren todesmutigen Soldaten für alles, was sie in diesem Kampf Großes leisten und Schweres dulden." 

Dennoch erhob das deutsche Episkopat mehrfach seine Stimme gegen die Nazi-Politik. Kardinal von Faulhaber war 1937 einer der "Ghostwriter" der Enzyklika "Mit brennender Sorge" von Papst Pius XI. Von Galen protestierte 1941 gegen die Vernichtung vermeintlich "lebensunwerten Lebens", 1943 verurteilte die Freisinger Bischofskonferenz im so genannten "Dekaloghirtenbrief" allgemein die Tötung von "Menschen fremder Rassen und Abstammung". Gleichzeitig betonte sie das grundsätzliche Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Der Rottenburger Bischof Joannes Baptista Sproll hatte sich 1938 geweigert, bei der Volksabstimmung zur Angliederung Österreichs an das Deutsche Reich teilzunehmen – und wurde deshalb von den Machthabern aus seinem Bistum verbannt.

An der Seite der traumatisierten Bevölkerung

In der nun angebrochenen "Stunde Null" hatte es für die deutschen Bischöfe oberste Priorität, die kirchliche Struktur und das kirchliche Leben zu sichern und an der Seite der traumatisierten Bevölkerung zu stehen. Bischof von Galen schrieb zwei Tage nach der Kapitulation einen Brief an seine Dechanten und gab darin die Losung für die anstehende Zeit vor: "Für Christus Zeugnis geben durch Leben und Wort, das ist zu jeder Zeit und erst recht in dieser Zeit des Neuaufbaus die allgemeine Parole für uns und für unsere Gläubigen."

Für die alliierten Besatzer, zumindest im Westen, waren die Bischöfe wichtige Ansprechpartner bei der Koordinierung des Wiederaufbaus. Alles andere – Vereine, Konzerne, Parteien – gab es entweder nicht mehr oder galt wegen seiner NS-Beziehungen als belastet. Vertreter der katholischen Kirche wurden diesbezüglich hingegen als unbedenklich angesehen. Behilflich war dabei sicher auch ihre internationale Vernetzung. Aus den Tagebucheintragen Faulhabers geht hervor, dass ein US-General mit einem Empfehlungsschreiben seines Heimatbischofs bei ihm vorstellig wurde.

Das Foto wurde am 1.8.1932 aufgenommen.

Aus den Tagebucheinträgen des Münchner Kardinals Michael von Faulhaber lassen sich einige Erkenntnisse zur Lage der Kirche in Deutschland unmittelbar nach Kriegsende ableiten.

Das kirchliche Leben war während des Kriegs zwar nie unterbrochen, vor allem in den letzten Kriegsjahren aber stark eingeschränkt. Bald nach der deutschen Kapitulation erfuhr es einen spürbaren Aufschwung. Zahlreiche Gläubige kamen in den zerbombten Kirchenbauten zusammen, um dort gemeinsam Messe zu feiern. Oft fanden Gottesdienste auch in Ausweichräumen oder Notkirchen statt. Inmitten der Trümmerlandschaften der zerstörten Städte nahmen Tausende Katholiken an feierlich ausgestatteten Prozessionen teil. Die ersten Nachkriegswallfahrten erfreuten sich großer Beliebtheit, die amerikanischen Besatzungsbehörden stellten Sonderzüge für Teilnehmer religiöser Massenveranstaltungen bereit. Für die zurückkehrenden Soldaten wurden "Einkehrtage" abgehalten, ehemalige Führerinnen des Bundes Deutscher Mädel von Ordensschwestern 'umgeschult'; auch die Freizeit- und Seelsorgeangebote der Kirche fanden bei den 'vaterlosen' Jugendlichen großen Anklang.

Die Bischöfe engagierten sich einerseits für eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung, andererseits setzten sie sich auch dafür ein, dass inhaftierte NSDAP-Mitglieder freigelassen wurden. Kardinal Faulhaber etwa erklärte gegenüber den amerikanischen Besatzungsbehörden, eine pauschale Bestrafung aller Parteimitglieder sei nicht mit "der Demokratie" vereinbar. Auch verwahrte sich das deutsche Episkopat gegen die These der Kollektivschuld der Deutschen am Zweiten Weltkrieg und den begangenen Verbrechen der Nationalsozialisten. "Wenn man heute es so darstellt, als ob das ganze deutsche Volk und jeder von uns sich schuldig gemacht habe durch die Gräueltaten, die von Mitgliedern unseres Volkes im Kriege begangen sind, dann ist das ungerecht", sagte der Münsteraner Bischof von Galen am 1. Juli 1945 bei der Wallfahrt in Telgte.

Der Papst stärkt die deutschen Bischöfe

Rückendeckung für den Kurs der deutschen Bischöfe gab es auch von Papst Pius XII. Anfang Juni 1945 hielt er vor dem Kardinalskollegium eine öffentliche Ansprache, in der er das "satanische Gespenst des Nationalsozialismus" als Einbruch von außen in die deutsche Geschichte verteufelte und den "tatkräftigen Widerstand des nicht einverstandenen Teiles des deutschen Volkes" lobte. Auch er lehnte es ab, von einer Kollektivschuld zu sprechen.

Manche Bischöfe beklagten nach Kriegsende zwar öffentlich die NS-Verbrechen, relativierten diese allerdings mit dem Verweis auf das Leid der Deutschen wegen der Kriegsfolgen. Als sich die deutschen Oberhirten im August 1945 in Fulda zu einer Konferenz trafen, formulierten sie ein gemeinsames Hirtenwort. Darin lobten sie einerseits "die unerschütterliche Treue", mit der Klerus und einfache Gläubige zur Kirche gestanden hätten. Andererseits benannten sie das Versagen vieler einzelner Katholiken klar – ließen aber offen, ob auch die Kirche in Deutschland als Ganze versagt hatte. "Wir beklagen es zutiefst: Viele Deutsche, auch aus unseren Reihen, haben sich von den falschen Lehren des Nationalsozialismus betören lassen, sind bei den Verbrechen gegen menschliche Freiheit und menschliche Würde gleichgültig geblieben; viele leisteten durch ihre Haltung den Verbrechen Vorschub, viele sind selber Verbrecher geworden", heißt es darin wörtlich.

Linktipp: Deutsche Bischöfe bekennen Mitschuld am Zweiten Weltkrieg

Kurz vor dem 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs haben die deutschen Bischöfe in einem historischen Schritt eine Mitschuld ihrer Vorgänger am Krieg bekannt. Das am Mittwoch vorgestellte Dokument "Deutsche Bischöfe im Weltkrieg" listet deutlich die Versäumnisse der Oberhirten während der NS-Zeit auf.

Deutlicher waren zuletzt ihre Nachfolger: In einem Dokument, das anlässlich des 75. Jahrestags des Kriegsendes veröffentlich wurde, bekennt sich die Deutsche Bischofskonferenz zu einer Mitschuld der katholischen Bischöfe Deutschlands am Zweiten Weltkrieg. "Indem die Bischöfe dem Krieg kein eindeutiges 'Nein' entgegenstellten, sondern die meisten von ihnen den Willen zum Durchhalten stärkten, machten sie sich mitschuldig am Krieg", steht dort geschrieben. Auch gegen "die ungeheuerlichen Verbrechen an den als 'rassenfremd' diskriminierten und verfolgten Anderen, insbesondere den Juden", habe sich aus der Kirche in Deutschland kaum eine Stimme erhoben.

Der grundsätzliche Widerspruch zur NS-Ideologie, der Verweis auf die Märtyrer der Konzentrationslager und die Anwaltschaft der Bischöfe für das eigene Volk hätten der Mehrheit lange Zeit als hinreichende Antwort auf die Fragen nach der Mitverantwortung und Schuld im Krieg und im Nationalsozialismus gegolten. Doch das reiche längst nicht mehr aus, betonen die Bischöfe. "Heute blicken wir mit Trauer und Scham auf die Opfer und diejenigen, deren existentielle Fragen angesichts der Verbrechen des Krieges ohne angemessene Antwort aus dem Glauben blieben."

Dennoch bleibt festzuhalten: Die katholische Kirche spielte in der "Stunde Null" und beim Wiederaufbau Deutschlands, auch dem moralischen, eine große Rolle. Die Bischöfe genossen in der Nachkriegsgesellschaft großes Vertrauen. Viele Geistliche versuchten Hoffnung zu verbreiten und richteten den Blick nach vorne. Die Bevölkerung erkannte sie im Gegenzug als Fürsprecher an. Bestes Beispiel ist der Kölner Erzbischof Josef Frings, dessen Rechtfertigung des Kohlenklaus, für den sich der Ausdruck "fringsen" einbürgerte, ihn weit über das Rheinland hinaus populär machte.

Von Matthias Altmann