Eine Frau hält in einem Badezimmer einen Blister mit Antibabypillen in den Händen. Sie spiegelt sich im Badezimmerspiegel.
"Die Pille" bis heute beliebtestes Verhütungsmittel in Deutschland

Von der Kirche verdammt, von Frauen gefeiert: 60 Jahre "Antibabypille"

Freiheit mit Nebenwirkungen: Die Antibabypille hat das Leben von Frauen und ihr Recht auf körperliche Selbstbestimmung massiv verändert. Damals wie heute ernten hormonelle Verhütungsmittel massive Kritik – nicht nur vonseiten der Kirche.

Von Denise Thomas (KNA) |  Bonn - 09.05.2020

Während viele Frauen ihr heute skeptisch gegenüberstehen, revolutionierte ihre Einführung vor 60 Jahren die weibliche Sexualität grundlegend. Die Rede ist von der sogenannten Antibabypille, im Volksmund auch einfach "die Pille" genannt. Am 9. Mai 1960 ließ die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA "Enovid" das Präparat zur hormonellen Empfängnisverhütung zu - ein Meilenstein in Bezug auf die körperliche Selbstbestimmung der Frau. Viele Frauen feierten diese Entwicklung, doch es regte sich auch Widerstand.

Die Forschung zur hormonellen Empfängnisverhütung in den Vereinigten Staaten wurde maßgeblich durch die Frauenrechtlerinnen Margaret Sanger und Katharine McCormick vorangetrieben. Letztere stellte dem Wissenschaftler Gregory Pincus Geld zur Verfügung, der damit gemeinsam mit seinem Kollegen John Rock und mit den Vorarbeiten der Chemiker Carl Djerassi und Franc Colton das Mittel "Enovid" entwickelte. Es enthielt das Schwangerschaftshormon Progesteron und das weibliche Hormon Östrogen, das während des weiblichen Zyklus den Eisprung verhindert. 

1961 kam das Kontrazeptivum unter dem Namen "Anovlar" in der Bundesrepublik auf den Markt - zunächst als Mittel gegen Menstruationsbeschwerden und nur für verheiratete Frauen, die bereits mehrere Kinder hatten. Die empfängnisverhütende Wirkung der Pille wurde im Beipackzettel als Nebenwirkung aufgelistet. Für die meisten Frauen war die Pille also entsprechend schwer zu bekommen, zumal nur wenige Ärzte sie verschrieben.

"Pillen-Paul"

Während Ärzte und konservative Politiker der Pille mit Skepsis gegenüberstanden, wehrte sich vor allem die katholische Kirche massiv gegen die Einführung dieses Verhütungsmittels. In seinem Schreiben "Humanae Vitae" vom 25. Juli 1968 verurteilte der damalige Papst Paul VI. die Geburtenkontrolle durch künstliche Verhütungsmittel. Er betonte außerdem die Untrennbarkeit von Geschlechtsverkehr und Fortpflanzung: "Ihrem Wesen nach ist die eheliche Liebe auf die Weitergabe und den Erhalt menschlichen Lebens ausgerichtet", hieß es in der Enzyklika. Seine ablehnende Haltung brachte ihm auch den Beinamen "Pillen-Papst" ein.

Papst Paul VI. im Portrait

Mit seiner Enzyklika "Humanae vitae" räumte Papst Paul VI. erstmals in einem lehramtlichen Dokument der romantischen Liebe eine fundamentale Bedeutung ein.

Erst als die Vereinten Nationen 1968 das Recht auf Familienplanung proklamierten und mehr Studienergebnisse zur Pille vorlagen, lockerten zumindest die deutschen Ärzte ihre ablehnende Haltung gegenüber dem Präparat. Seitdem nutzten immer mehr Frauen in Deutschland die Pille zur Empfängnisverhütung und konnten so ungewollte Schwangerschaften verhindern. Zudem konnten sie nun planen, wann sie Mutter werden wollten. Das führte dazu, dass Frauen allgemein unabhängiger wurden. So stieg beispielsweise die Zahl der Frauen mit Abitur und Universitätsabschluss an, da sie selbstbestimmt später eine Familie gründen konnten und Zeit für Ausbildung und Beruf hatten.

Freiheit mit Nebenwirkungen

Noch heute ist die Pille das beliebteste Verhütungsmittel in Deutschland. Wobei mit "die Pille" mittlerweile meist eine sogenannte Mikropille gemeint ist. Statt Progesteron und Östrogen setzt sie sich aus dem Gelbkörperhormon Gestagen sowie Östrogen zusammen und enthält deutlich weniger Hormone als die "Antibabypille". Laut einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung im Januar verhüten 47 Prozent der 18- bis 49 Jährigen mit der Pille. Gegenüber einer entsprechenden Erhebung von 2011 verlor das Kontrazeptivum damit um sechs Prozentpunkte.

Überproportional stark nahm laut dem Bericht die Nutzung der Pille bei den 18- bis 29-Jährigen ab, und zwar um 16 Prozentpunkte auf 56 Prozent. Dagegen stieg unter jüngeren Erwachsenen der Anteil derer, die mit dem Kondom verhüten, um 7 Prozentpunkte auf 58 Prozent.

Das könnte mit der öffentlichen Debatte um die Nebenwirkungen der Pille in den vergangenen Jahren zusammenhängen. Vor allem der Pharmahersteller Bayer stand in der Kritik, nicht ausreichend auf verheerende Nebenwirkungen seiner Pillen-Präparate wie Thrombosen, Lungenembolien und Schlaganfälle hinzuweisen. In der Öffentlichkeit wandelte dieser Skandal das Bild der Pille - vom einst befreienden Gleichgerechtigkeitsbringer zum gefährlichen Hormon-Hammer.

Von Denise Thomas (KNA)