Der Bischof von Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst.
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Oberhirte ermuntert zu Zuversicht

Bischof Fürst: "Wir haben die Menschen nicht im Stich gelassen"

Bischof Gebhard Fürst war immer dafür, dass Gläubige so schnell wie möglich wieder persönlich Messen mitfeiern können. Im Interview erzählt er, warum er trotzdem nicht zur Leichtsinnigkeit rät – und warum die Jogginghose auch beim Online-Gottesdienst nicht die beste Idee ist.

Von Michael Jacquemain (KNA) |  Rottenburg - 30.05.2020

Der Rottenburger katholische Bischof Gebhard Fürst weist Vorwürfe zurück, die Kirchen hätten während der Corona-Pandemie die Menschen im Stich gelassen. Im Interview zeigte er sich am Freitag positiv überrascht über die Kreativität der Gemeinden im Umgang mit der Seuche.

Frage: Herr Bischof Fürst, welchen Eindruck haben Sie: Hat die katholische Kirche sich bislang insgesamt ordentlich durch die Pandemie gekämpft?

Fürst: Wir sind in einer Krise, wie ich sie in meinem Leben noch nie erlebt habe. Die ganze Welt ist lahmgelegt. Für eine solche Krise gab es keinen Masterplan, keine Vorerfahrung. Das gilt für alle Verantwortungsträger in Staat, Gesellschaft und Kirche. Weil wir als Kirche ganz stark auf Begegnung und persönliche Kommunikation angewiesen sind, hat uns der Shutdown bis ins Mark erschüttert. Aber wir haben das Menschenmögliche getan und dabei vieles neu buchstabieren gelernt.

Frage: Neu sind die vielen digitalen Angebote - etwa Livestreams als Brücke zu Menschen zuhause. Was soll davon künftig bleiben? Welche Auswirkungen hat die neu entdeckte digitale Kreativität auf die Kirche?

Fürst: Es ist erfreulich und tröstlich, welche digitale Kreativität die 1.020 Gemeinden in Württemberg als kleine Zellen des Glaubens entwickelt haben. Das war Ausdruck des Bemühens von Hauptamtlichen, Ehrenamtlichen und Gruppen, den Menschen bei aller Abschottung, Einsamkeit, Ohnmacht und Ratlosigkeit nahe zu sein. Ich war sehr positiv überrascht.

Frage: Für die Eucharistiefeier...

Fürst: ... gilt das ganz besonders. Zwei Monate ohne Messfeier und Kommunionempfang - das ist für viele eine nur schwer erträgliche Situation. Das Streaming hat viele erreicht und Nähe vermittelt, getröstet, Kraft und Hoffnung gegeben. Wir müssen allerdings wachsam sein, dass die Internet-Messe nicht zum Konsumartikel wird. Die Messe en passant, frei Haus geliefert.

Durch den Mangel an Eucharistiefeiern muss uns neu bewusst werden, was sie für uns, für die Kirche als Volk Gottes bedeutet. Um das jüngste Konzil zu zitieren: "Die Eucharistiefeier ist Ursprung, Mitte, Zentrum und Ziel allen kirchlichen Handelns." Ohne diese Feiern steht der Generator für Kraft, Freude und Hoffnung still. Die Quelle unseres Kirche-Seins würde versiegen. Überraschenderweise warnt Jürgen Habermas die Kirche vor einem "Abschied vom Sakrament" und weist darauf hin, dass der "rituelle Kern des Gottesdienstes für das Überleben der Religion eine wichtige, wenn es nicht ausschlaggebende Rolle" spielt.

Frage: Es gab Diskussionen, ob Jogginghose und Unterhemd für die Teilnahme an Onlinemessen angemessen sind. Haben Sie Verständnis für solche Debatten?

Fürst: Die Diskussion ist nicht abwegig. Ich würde es so sagen: Die Begegnung mit dem Heiligen erfordert eine innere Haltung, die sich auch in äußerem Verhalten ausdrückt. Grundsätzlich ist das Interesse an der Messfeier aber immer ein wichtiges Zeichen innerer Verbundenheit.

 Markierte Kirchenbänke in Zeiten von Corona

Für Gottesdienste gelten in der Corona-Pandemie besondere Vorgaben.

Frage: Unterschiedliche Ansichten gab es bei den deutschen Bischöfen über die Frage, wann wieder die reale Teilnahme an Messen möglich sein sollte. Wie haben Sie die Diskussion erlebt? Zeigen die Gottesdienste im Elsass und in Hessen nicht überdeutlich, wie problematisch Feiern sein können?

Fürst: Ich war und bin ein Verfechter einer möglichst frühen Ermöglichung der Mitfeier der Eucharistie. Denn es besteht die Gefahr einer Entwöhnung von dieser Quelle des Glaubens. Natürlich dürfen wir nicht leichtsinnig mit den Gefährdungen durch das Virus umgehen. Die Begegnung mit Gott darf nicht durch Unachtsamkeit zu Krankheit oder gar zum Tod führen.

Aber ich bin optimistisch, dass das nicht passiert, wenn die Regularien und Vorgaben eingehalten werden. Die jüngsten Negativ-Beispiele aus Hessen und Niedersachsen wirken eher so, dass das dort nicht geschehen ist. Ich persönlich tue alles dafür, dass die Regeln befolgt werden. Es gibt eine Hotline für Fälle, wenn irgendetwas nicht richtig funktioniert. Die Gefahren nehmen wir sehr ernst.

Frage: Viele haben den Kirchen zuletzt öffentlich vorgeworfen, die Menschen in der Coronakrise im Stich gelassen zu haben. Stimmt das?

Fürst: Den Kirchen generell Versagen vorzuwerfen ist für mich nicht nachvollziehbar. Unsere Seelsorger und die Kräfte in den karitativen Diensten waren sehr präsent, das mediale Angebot wurde auf allen Kanälen extrem ausgebaut. Vielleicht hätten wir trotzdem manches noch angemessener, hilfreicher, menschenfreundlicher und heilsamer machen können. In Extremfällen konnten wir wegen der konkreten Situation manche Menschen nicht beim Sterben begleiten - aber wir haben alles versucht und getan, um niemand im Stich zu lassen.

Trotz anfänglich großer Schwierigkeiten wurden Patienten persönlich besucht. Es gab einen riesigen Bedarf an Gesprächen. Wo dies nicht vor Ort möglich war, wurden alternative Zugangswege gesucht. Für all das bin ich sehr dankbar.

Frage: Was würden Sie bei der nächsten Pandemie anders machen wollen?

Fürst: Als Christ würde ich sagen, es gibt Lerneffekte für die Zeit nach der Pandemie: Wir machen gerade die Erfahrung, dass wir nicht überheblich sein dürfen - trotz allen Wissens, aller Medizin, aller Technologie. Menschen bleiben gefährdet, verwundbar, verletzbar. Die existenziellen Fragen, die jetzt auftreten, dürfen wir nicht wegzurationalisieren versuchen. Wir sollten unser Lebensrisiko nicht von Versicherungen abhängig machen, sondern wissen und darauf vertrauen, dass wir als Menschen in Gott versichert sind. Wir können uns nicht selbst erlösen. Bei aller Wahrnehmung menschlicher Verantwortung müssen wir immer auch besonders auf Gott vertrauen und in ihm unsere Sicherheiten finden.

Als Bürger würde ich sagen: Wir sollten die Gesundheitsvorsorge und die darin arbeitenden Menschen stärken. Wir sollten solidarischer über die Grenzen Europas hinweg sein - die vielen leeren Krankenhausbetten zur Intensivbehandlung hier und die große Not anderswo, das spricht Bände. Wir sollten uns mehr als globale Menschheits- und Schicksalsgemeinschaft verstehen.

Frage: Heftig wogen schon jetzt die Diskussionen über die finanziellen Folgen der Krise. In vielen Bistümern gibt es Haushaltssperren. Sind Sie auch besorgt oder optimistisch, dass die Diözesen die Lage im Griff behalten?

Fürst: Wir sind alle in einer wirtschaftlich schwierigen Situation. Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit, Insolvenzen schaffen eine unwägbare Situation. Wir tun in der Diözese Rottenburg-Stuttgart alles Menschenmögliche, um uns für unsere Entscheidung mit Blick auf den anstehenden Doppelhaushalt 2021/2022 kompetent zu machen. Für konkrete Zahlen ist es zu früh.

Aber wir haben keinen Anlass zu Panik und Angst, dass wir morgen untergehen. Wir sollten uns in der ganzen Gesellschaft vor den Strudeln des Negativen hüten, vor der self-fulfilling prophecy, und zuversichtlich in die Zukunft schauen - und leben aus der Hoffnung heraus, zu der Christen berufen sind.

Von Michael Jacquemain (KNA)