Ein Rollstuhlfahrer ist mit einem Rucksack in der Stadt unterwegs
120 Kilometer langer Weg für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen

Pilgern für alle – mit dem Rollstuhl auf Pilgerreise

Pilgerwege sind in der Regel für Fußpilger und Radfahrer konzipiert. Im Südwesten Deutschlands gibt es nun den ersten Pilgerweg über mehrere Etappen, der auch für Menschen mit Mobilitätseinschränkung geeignet ist.

Von Beate Steger |  Speyer - 31.05.2020

Eine Pilgerreise, egal ob in Spanien, Norwegen oder Deutschland, erfordert immer auch eine Portion Mut. Ein Pilger kann seine Reise nie bis ins letzte Detail planen, und das macht mitunter auch den Reiz des Unterwegsseins aus. So ist aber auch leicht vorstellbar, dass noch ein wenig mehr Courage dazu gehört, sich als Rollstuhlfahrer oder mit Einschränkungen in der Mobilität auf den Weg zu machen. In diesem Fall muss der Pilger sich nicht nur dem Wetter, den Begegnungen und den kleinen unplanbaren Erlebnissen stellen, sondern muss immer auch einen Weg finden, der ihn bestenfalls mit keinen oder zumindest mit keinen unüberwindbaren Hindernissen konfrontiert.

Doch viele Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, möchten sich dem Wagnis stellen und auch einmal dieses viel umschriebene Pilgergefühl erfahren. In den zurückliegenden Jahren haben Tourismusverbände, Jakobusgesellschaften und Projektgruppen diese Nachfrage verstärkt gespürt und versucht, darauf zu reagieren und neue Angebote zu konzipieren.

Als ein neuer Trend hat sich herausgebildet, zumindest kurze Teilstrecken auch barrierefrei zu gestalten. Doch eine längere Strecke am Stück, auf der man von A nach B und weiter nach C pilgern und dabei wirklich barrierefrei unterwegs sein kann, sowie einen dazu gehörenden ausführlichen Pilgerführer gab es bisher in Deutschland noch nicht. "Pilgern für alle. Barrierefrei unterwegs", ist der Titel des Führers. Er begleitet Pilger über 120 Kilometer auf dem Weg von Worms nach Lauterbourg im Elsass.

Zahlreiche behördliche Auflagen für barrierefreien Pilgerweg

Bereits vor acht Jahren hatten sich der Theologe Martien van Pinxteren, Mitglied der Jakobusgesellschaft Rheinland-Pfalz-Saarland, und andere Pilgerbegeisterte mit dem Gedanken beschäftigt, einen barrierefreien Pilgerweg ins Leben zu rufen. Auf die Wegstrecke konnten sich die Beteiligten schnell einigen: Vom Kaiserdom in Worms über den Kaiserdom Speyer bis zur deutsch-französischen Grenze, bis Lauterbourg im Elsass sollte die Strecke verlaufen, ausgelegt auf neun Etappen.

Doch von den ersten Planungen bis zur Realisierung des Weges sollte noch einige Zeit vergehen. Zu Beginn gab es die Idee, den Pilgerweg ordentlich auszuweisen, also durchgehend zu beschildern. Doch für einen barrierefreien Pilgerweg müssen zahlreiche behördliche Auflagen erfüllt werden, und das war den ehrenamtlich Engagierten nicht möglich. Dabei wäre es sicher ein aussagekräftiges und schönes Symbol gewesen, als Wegzeichen eine Jakobsmuschel, versehen mit einem stilisierten Rollifahrer, zu entdecken. "Es gibt mittlerweile mehr als 90 verschiedene Wegzeichen im großen Netz der Jakobswege in Deutschland, und da wäre es auf ein weiteres sicher nicht angekommen", so Mitsch Schreiner, selbst Rollstuhlfahrer und einer der Mitinitiatoren des Weges.

Ein Rollstuhlfahrer steht mit seinem Handbike an einem See

Mit einem Handbike mit Elektroantrieb ist Mitsch Schreiner, einer der Mitinitiatoren und selbst Rollstuhlfahrer, einen großen Teil der Strecke abgefahren.

Es wurde zumindest schnell klar, dass der Pilgerweg nicht mit einem eigenen Wegzeichen markiert werden kann. Doch an Aufgeben dachte niemand, das Projekt sollte weiter vorangetrieben werden. Man einigte sich darauf, einen Pilgerführer zu erarbeiten, der mit Blick auf den Aspekt Barrierefreiheit sehr detailliert, genau und verlässlich sein muss.

Wenn jemand alleine im Rollstuhl unterwegs ist, muss er sich voll und ganz auf die Beschreibung des Weges verlassen können. Zum Beispiel kann eine längere Strecke über Kopfsteinpflaster zu einem großen Problem werden, ebenso eine zu hohe Bordsteinkante. "Für uns Rollstuhlfahrer gibt es im Alltag immer wieder schier unüberwindliche Hindernisse", erzählt  Mitsch Schreiner von seinen eigenen Erfahrungen. "Selbst kleinste Stufen können zu großen Steinen werden, die du einfach nicht mehr schaffst, weil du schon so lange unterwegs bist und keine Kraft mehr hast, noch mal den Rollstuhl nach hinten zu kippen und dabei nicht die Balance zu verlieren." Der Pilgerweg kann und darf herausfordernd sein, aber es soll auch eine Reise sein, bei der man den Kopf frei bekommt, bei der man die Gedanken schweifen lassen kann und einfach nur genießt.

Um einen Weg zu konzipieren, der den Bedürfnissen von Rollstuhlfahrern oder Menschen mit Mobilitätseinschränkungen gerecht wird, war es wichtig, dass ein Rollstuhlfahrer die Strecke im Vorfeld abfährt. Denn nur so konnte die Alltagstauglichkeit erprobt und getestet werden. Mitsch Schreiner erklärte sich dazu bereit und machte sich mit dem Rollstuhl auf den Weg. Er wurde von Klaus-Jürgen Tischendorf mit dem Rad begleitet. Schreiner war auf kurzen Teilabschnitten mit dem manuellen Rollstuhl unterwegs, den größten Teil der Strecke aber mit einem Handbike mit Elektroantrieb.

Jede Straße und jede Abzweigung werden genau benannt

Der Pilgerführer wurde in mühsamer Kleinarbeit erstellt. Dazu wurden im ersten Schritt die Informationen von Mitsch Schreiner und Klaus-Jürgen Tischendorf zusammengetragen. Der gesamte Pilgerweg wurde dann ein weiteres Mal Kilometer für Kilometer mit dem Rad abgefahren. Aus all diesen Informationen wurde eine detaillierte Beschreibung erstellt, die jede Straße und Abzweigung genau benennt. Zum Teil verläuft der Pilgerweg auf vorhandenen Rad- oder Wanderwegen, deren Beschilderung bei der Beschreibung weiterhelfen kann. GPS-Tracks, die während der "Testreisen" aufgezeichnet wurden, vervollständigen die Beschreibung und können auf Wunsch kostenlos genutzt werden.

Es ist möglich, nur nach den GPS-Tracks zu pilgern, doch bietet der Pilgerführer mehr Informationen als nur die reinen und notwendigen Wegbeschreibungen. So liegen am barrierefreien Pilgerweg zahlreiche interessante Sehenswürdigkeiten und besondere Naturlandschaften, die zu einer Pause und intensiveren Betrachtung einladen. Wie zum Beispiel das Lutherdenkmal gleich zu Beginn des Weges. Es erinnert an den Reichstag zu Worms im Jahr 1521, als Luther seine Thesen vor Kaiser Karl V. verteidigte. Einen Besuch lohnen natürlich auch der Wormser Dom und der große jüdische Friedhof, der älteste in Europa.

Ein Rollstuhlfahrer fährt eine Rampe herunter

"Selbst kleinste Stufen können zu großen Steinen werden, die du einfach nicht mehr schaffst, weil du schon so lange unterwegs bist und keine Kraft mehr hast, noch mal den Rollstuhl nach hinten zu kippen und dabei nicht die Balance zu verlieren." – Um das zu vermeiden, testet Mitsch Schreiner selbst die Strecke.

Zum Teil war es nicht vermeidbar, dass einige Passagen des Weges durch nicht ganz so schöne Gebiete führen, wie beispielsweise durch das Industriegebiet von Worms, um dann auf den Fahrradweg nach Bobenheim-Roxheim zu gelangen.  Doch damit liegt der Weg in der Tradition aller Pilgerwege, denn auch in Spanien gibt es nicht nur wunderschöne Strecken auf den Jakobswegen. Den Verantwortlichen ist es trotzdem gelungen, schöne, naturbelassene Wegstrecken zu finden, die auch mit Gehhilfe oder Rollstuhl bewältigt werden können. Mitsch Schreiner war als Betroffener bei der Konzeption sehr wichtig und konnte vielfältige Erfahrungen einbringen, da er bereits an dem Informationsheft "Südwestpfalz barrierefrei" mitgearbeitet hat. Darin werden die Schönheiten der Pfalz für Menschen mit Mobilitätseinschränkung vorgestellt.

Der barrierefreie Weg verläuft zum Teil auch auf dem bereits vorhandenen und ausgeschilderten Pfälzer Jakobsweg. Auf dieser Wegstrecke können sich die Pilger auf Spurensuche nach dem heiligen Jakobus begeben. In Schifferstadt lohnt sich der Besuch der Jakobskirche. In Speyer ist der große bronzene Jakobspilger in der Maximilianstraße sehenswert, in Germersheim sollte ein Stopp bei der katholischen Pfarrkirche St. Jakobus eingeplant werden. Hier ist auf dem Vorplatz eine schöne Pilgerfigur zu bewundern.

Beim Suchen nach der geeigneten Strecke wurde darauf geachtet, dass nicht nur asphaltierte und betonierte Wege Teil des barrierefreien Pilgerwegs sind. Bei der Planung wurde zudem immer mit berücksichtigt, dass die einzelnen Etappen und Teilstrecken nicht zu lang sind. Der Pilgerweg führt an Wiesen und Feldern entlang sowie durch längere Waldstücke. Mancherorts finden sich Naturfreundehäuser, die zur Einkehr einladen. Am Weg gibt es auch einige Hofläden, in denen man sich mit Proviant versorgen kann.

Buchtipp

Pilgerführer: Pilgern für Alle – Barrierefrei unterwegs, Pilgerführer über neun Etappen und 120 Kilometer, erschienen im Pilgerverlag Speyer. Zu bestellen direkt beim Verlag für 14,80 Euro, Tel.: 06232-31830 oder per E-Mail: info@pilgerverlag.de

Eine grüne und schöne Landschaft bietet die Etappe von Herxheim bei Landau nach Kandel. Mit dem Bienwald wird das größte zusammenhängende Waldgebiet der Oberrheinischen Tiefebene unter die Räder genommen, in dem man Bachauenwälder, kleine Moore oder sogar Dünen findet.

Ein besonderes Augenmerk legt der Pilgerführer auf die Dinge, die für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen zusätzlich wichtig sind. Es wird deshalb auf eine große Anzahl von barrierefreien Toiletten verwiesen, die bei den Etappenbeschreibungen gelistet sind. Ebenso gibt es Hinweise auf barrierefreie Restaurants oder Unterkünfte, die sich auf Rolli-Pilger freuen. Der Pilgerführer ist im April 2020 erschienen und richtet sich auch an Radfahrer, Familien, die mit Kinderwagen pilgern möchten –  an alle Pilger, die gerne auf einem schönen Weg zwischen Worms und Lauterbourg unterwegs sein möchten.  Auf jeden Fall will er für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen ein Anreiz sein, Mut zu fassen und sich als Pilger auf den Weg zu machen. In einem Grußwort würdigen die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer und der Landesbeauftragte für die Belange behinderter Menschen, Matthias Rösch, den neuen Pilgerführer, weil er "gleichberechtigte spirituelle Teilhabe" ermögliche. Die "Macher" des Pilgerführers wünschen allen Nutzern ein "Buen Camino".

Von Beate Steger

Das Magazin "der pilger"

In der neuesten Ausgabe des Magazins "der pilger" wirft Zukunftsforscher Matthias Horx einen Blick in die Zukunft: Wie kann das Leben nach Corona aussehen? Welche Chancen und Hoffnungen bietet der Neustart nach dem Lock-Down. Mit vielen Tipps und Anregungen für die Zeit der Corona-Krise. Weitere Themen in der Sommer-Ausgabe: Hoch und Heilig – ein neuer Pilgerweg in Österreich, Pflanz einen Baum und stärke die Natur, Dorfleben: Perspektiven für Jung und Alt im unterfränkischen Friesenhausen, und Schwester Birgit aus dem Franziskanerinnen-Kloster Reute verrät, welche Kraft im Schwarzkümmel steckt.