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Standpunkt

Der Vatikan zementiert Klerikalismus und Machtstrukturen

Mit der Intervention des Vatikans bei der Bistumsreform in Trier ist die Debatte um Macht und Klerikalismus nun um eine Facette reicher. Sie schadet der Kirche allerdings gleich doppelt, kommentiert Björn Odendahl.

Von Björn Odendahl |  Bonn - 11.06.2020

Wozu dient die Weihe? Zum Herrschen? Zum Dienen? Als Ausdruck von Berufung oder Charisma? Geht es nach Papst Franziskus, dann sieht er die Weihe zumindest bei Frauen kritisch, weil er gerade sie nicht "klerikalisieren" möchte. Andererseits argumentieren zahlreiche Reformgegner, dass die Weihe so gar nichts Klerikalistisches oder Ermächtigendes hat, wenn Einzelne sie nicht aktiv dafür missbrauchen.

Mit der Intervention des Vatikans bei der Bistumsreform in Trier ist die Debatte um Macht und Klerikalismus nun um eine Facette reicher. Denn moniert hat die römische Zentrale weniger die sonst so kritisch beäugten Großpfarreien an sich. Vielmehr geht es um die Rolle des Pfarrers als Teil eines Leitungsteams mit Laien sowie die Stellung der anderen Priester. De facto heißt das: Dass der leitende Pfarrer mit Laien als fast gleichberechtigten Partnern entscheidet, ist für den Vatikan mindestens problematisch. Noch schwieriger wird es aber dann, wenn es in diesen neuen Pfarreien Priester ohne Leitungsaufgaben gibt, die möglicherweise auch noch Laien unterstellt sind.

Den Priestern wieder mehr Raum für die pastoralen und sakramentalen Aufgaben zu schaffen, stand – auch wenn die Gespräche konstruktiv gewesen sein sollen – römischerseits also weniger im Fokus. Auch keine Rede davon, die Rolle der Laien zu stärken und ihnen dort mehr Teilhabe zu ermöglichen, wo es die Weihe nicht so dringend braucht wie etwa in der Eucharistiefeier. Vielmehr pocht Rom auf die Verknüpfung von Weihe und Leitungsamt. Bei stark rückläufigen Priesterzahlen ist das mindestens kurzsichtig.

Für die Kirche ergibt sich daraus ein doppeltes Problem: Ganz unmittelbar wird etwa die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals erschwert. Schließlich sind der Missbrauch und dessen Vertuschung auch auf jene systemisch bedingten Ursachen zurückzuführen, die – folgt man nun den Wünschen des Vatikans – zementiert würden.

Mittel- bis langfristig beraubt man die Kirche vor Ort aber auch ihres Potenzials. In der säkularen Welt haben Unternehmen längst erkannt, dass das klassische Top-Down-Prinzip, das man sich als Pyramide mit einem omnipräsenten und -potenten Chef an der Spitze vorstellen kann, längst ausgedient hat. Zu schnell ändern sich in der fragmentierten und individualisierten Gesellschaft die äußeren Faktoren, als dass dieses starre System darauf reagieren könnte. Stattdessen setzt man auf flache Hierarchien und Teams, deren Mitglieder das Know-how auf ihrem jeweiligen Fachgebiet einbringen. Will man Innovationen und kreative Ideen, um Menschen wieder mit Christus und seiner Kirche in Kontakt zu bringen, sollte das in den Pfarreien genauso gelten – egal, ob die Experten nun geweiht sind oder nicht. Das gilt für das Bistum Trier, aber auch für alle anderen Diözesen.

Von Björn Odendahl

Der Autor

Björn Odendahl ist Chef vom Dienst bei katholisch.de.

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