Essen in der Bibel: Das tägliche Brot und Berge von Wein
Von Speisevorschriften, Opfertieren und dem Abendmahl

Essen in der Bibel: Das tägliche Brot und Berge von Wein

Im Alten wie im Neuen Testament wird oft gegessen oder über Essen gesprochen. Das liegt nicht zuletzt an der alltäglichen Lebenserfahrung der Menschen der biblischen Zeit. Doch für Jesus bedeutete Essen stets mehr als bloße Nahrungsaufnahme: Bei ihm sind Mähler Zeichen für eine neue Zeit.

Von Christoph Paul Hartmann |  Bonn - 15.08.2020

Bei der Lektüre der Bibel fällt es oft gar nicht so direkt auf, dabei ist das Thema allgegenwärtig: Essen. Dauernd isst Jesus mit den unterschiedlichsten Leuten, auch in seinen Gleichnissen spielt Nahrung eine große Rolle – das kleine Senfkorn ist nur das bekannteste Beispiel.

Dass die Nahrung und deren Aufnahme nicht nur im Neuen Testament, sondern in der gesamten Bibel eine wichtige Rolle spielt, kommt nicht von ungefähr, sagt die Bibelwissenschaftlerin Sabine Bieberstein: "Genug zu Essen und zu Trinken zu haben, ist für die Zeit der Bibel nicht selbstverständlich." In der bäuerlich geprägten Gesellschaft zur Zeit Jesu hängt die Verfügbarkeit von Nahrung zu einem großen Teil von günstigem Wetter ab; die Menschen sind also von der Erfahrung geprägt, dass das Überleben ihrer Familien nicht in ihrer Hand liegt. Deswegen gehen sie mit Nahrung sehr sorgfältig um – und das Thema beherrscht ihr Denken.

Was die richtige Nahrung ist, thematisiert die Bibel schon ganz am Anfang. Als Gott den Menschen erschafft, ist die Ansage klar: "Siehe, ich gebe euch alles Gewächs, das Samen bildet auf der ganzen Erde, und alle Bäume, die Früchte tragen mit Samen darin. Euch sollen sie zur Nahrung dienen." (Gen 1,29) Das Konzept dahinter würde man heute Frutarismus nennen, also eine Form des Veganismus. Ist das also die göttliche Vorschrift für die Ernährung? Nein, findet Bieberstein: "Hier wird eher ein paradiesisches Ideal dargestellt, in dem Menschen und Tiere nur Pflanzen essen." Schon nach der Sintflut ändern sich die Regeln, als Gott Noah und seiner Familie sagt: "Alles, was sich regt und lebt, soll euch zur Nahrung dienen." (Gen 9,3)

Tiere mit gespaltenen Klauen

Doch bei dieser recht simplen Regel bleibt es nicht. Im orthodoxen Judentum gelten bis heute Speisevorschriften, die im Alten Testament aufgezählt werden. "Alle Tiere, die gespaltene Klauen haben, Paarzeher sind und wiederkäuen, dürft ihr essen." (Lev 11,3) Kamele, Klippdachse, Hasen und Wildschweine sind dagegen tabu, weil sie unrein sind. Genauso bei Meerestieren: Hier geht nur in Ordnung, was Flossen und Schuppen hat (Lev 11,9-10). Bei den Vögeln erwartet den Leser eine lange Verbotsliste: Unter anderem verschiedene Eulenarten, Storch und Fledermaus stehen darauf. Weiterhin wird angemerkt: "Alle Kleintiere mit Flügeln und vier Füßen seien euch ein Gräuel." (Lev 11,20)

Schatten von Kamelreitern in der Wüste.

Kamele durften nur geritten, nicht aber gegessen werden.

Woher kommen diese Vorschriften, die den Verzehr von Tieren anhand ihrer Klauenform festlegen? Es gibt mehrere Deutungsansätze: Dass es hygienische, ästhetische oder moralische Gründe sind, die die Israeliten zu diesen Vorschriften veranlassen. Vielleicht steht auch im Vordergrund, sich mit dem eigenen Speiseverhalten von anderen Kulturen abzugrenzen. Was aber recht sicher ist: Die Bibel hat diese Vorschriften nicht originär festgesetzt. Die Forschung geht davon aus, dass mit diesen Speisevorschriften nur ein bereits bestehendes Essverhalten nachträglich in ein göttliches Gebot gegossen wurde.

Jesus macht in den Evangelien dann mit seinem oft eher laxen Umgang mit diesen Speisegeboten von sich reden. Er wird mit dem Satz zitiert: "Nichts, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen, sondern was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein." (Mk 7,15) Das weist auf eine Neuinterpretation der Begriffe "rein" und "unrein" hin: "Im Alten Testament werden diese Begriffe nicht moralisch gedacht, sondern sind eine Ordnungskategorie: Rein ist, was die göttliche Ordnung erfüllt – alles andere nicht", sagt Bieberstein. Jesus deutet die Kategorien dann moralisch – und setzt einen anderen Schwerpunkt: Der Mensch wird nicht mehr durch die Regelbefolgung rein, sondern durch das, was er denkt und tut.

Die gemeinsame Feier

Das Essen nimmt bei Jesus eine andere Stellung ein. Er isst ganz bewusst und häufig mit vielen unterschiedlichen Menschen. "Er will demonstrieren: Gottes neue Welt hat begonnen. Standesunterschiede verlieren also ihre Gültigkeit, und alle sollen gemeinsam feiern", sagt Bieberstein. Gemeinsam mit anderen Zeichen wie der Heilung von Menschen oder der Austreibung von Dämonen sind die Mähler also ein Zeichen für eine neue Zeit, die angebrochen ist.

Das zeigt sich auch in dem, was gegessen wird. Die normale Ernährung der Menschen im Nahen Osten dieser Zeit ist vorwiegend vegetarisch und besteht aus viel Gemüse, Früchten, Obst, Nüssen und Oliven beziehungsweise deren Öl; dazu kommt immer als Grundnahrungsmittel Brot. Fleisch gibt es nur sehr selten, denn Schafe und Kühe werden in erster Linie wegen ihrer Wolle oder Milch gehalten, für ihr Fleisch geschlachtete Tiere fallen als Quellen dieser Sekundärprodukte aus. Zudem ist bei der Schlachtung etwa eines Lammes mit einem Mal sehr viel frisches Fleisch da, das sehr schnell verdirbt. Es muss also ein besonderer Anlass sein, bei dem viele Menschen anwesend sind, damit sich die Schlachtung überhaupt lohnt. In einem solchen Zusammenhang erklärt sich dann auch etwa die Reaktion des Bruders des verlorenen Sohnes, als für seinen zurückgekehrten Bruder ein Mahl gegeben und das Mastkalb geschlachtet wird.

Jesus lässt Wasser in Weinkrüge füllen - und es wird Wein draus.

Bei der Hochzeit zu Kana wandelt Jesus Wasser zu Wein.

Ein weiteres wichtiges Symbol ist der Wein. Er gehört zum jüdischen Paschamahl konstitutiv dazu und gilt nicht zuletzt als Symbol der Feier – mit Brot und Wein des Letzten Abendmahls sind also die Erfüllung grundlegender Bedürfnisse und die Feier des Reiches Gottes gemeint. Jesus nimmt also bewusst diese beiden Nahrungsmittel und macht sie zu seinem Leib und Blut. Dass nach der Darstellung des Johannesevangeliums Jesus sein öffentliches Wirken auf der Hochzeit zu Kana mit der Vermehrung von Wein beginnt, ist kein Zufall. Im alttestamentlichen Buch Amos wird eine Endzeitvision entworfen, "da triefen die Berge von Wein und alle Hügel fließen über." (Am 9,13) Es geht im Konzept des Johannesevangeliums hier also um eine endzeitliche Freude, weil mit Jesus die messianische Heilszeit angebrochen ist.

Das geopferte Fleisch auf dem Markt

Da dieses Gefühl, Nahrung in Fülle zu haben, nicht alltäglich ist und von der Gnade Gottes abhängt, wird in der Bibel auch von Fleisch als Opfergabe gesprochen. Opfernde Gläubige wenden sich gleich in zweierlei Hinsicht an Gott: Einerseits danken Sie ihm durch das Opfer, andererseits wird er auch beim gemeinsamen Verzehr des geopferten Fleisches als Teilnehmer am gemeinsamen Mahl begriffen.

Über die Opferpraxis entbrennen im frühen Christentum allerdings auch Diskussionen, wie etwa auch der Apostel Paulus im Ersten Korintherbrief erkennen lässt. Die Frage ist, ob Christen das Fleisch auf dem Markt in Korinth kaufen dürfen. Das kommt nämlich fast ausschließlich aus den heidnischen Tempeln. Vom geopferten Fleisch wird ein Teil verbrannt, einen Teil essen die Opfernden und den größten Teil bekommen die Priester, die wiederum einen großen Teil davon verkaufen – das stellt eine wichtige Einnahmequelle für sie dar. So landet das Fleisch auf dem Markt. Manche Christen argumentieren, dass das an sich kein Problem sei, schließlich gäbe es diese Götter ja nicht, denen geopfert werde. Christen könnten dieses Fleisch also problemlos essen. Andere Stimmen in der Gemeinde haben da jedoch ein komisches Gefühl. Deshalb rät der Apostel nach eingehender Auseinandersetzung (diese Frage erörtert er über mehrere Kapitel), dass dieses Fleisch lieber nicht gegessen werden sollte, bevor manchen Gläubigen damit vor den Kopf gestoßen werde.

Die Nahrung und deren Aufnahme kommt in der Bibel in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen vor. Durch alle Bücher zieht sich jedoch der Gedanke, dass ausreichend zu Essen und Trinken nicht einfach so hingenommen werden können, sondern ihre Herkunft hinterfragt und wertgeschätzt wird. Gedanken, die Menschen auch heute noch beschäftigen.

Von Christoph Paul Hartmann