Die Brandschäden in Tabgha.
Vor fünf Jahren wurde das Kloster Ziel eines Brandanschlags

Prior von Tabgha: "Wer Angst hat, kann in diesem Land nicht leben"

Das Feuer habe sich in sein Herz gebrannt – doch Angst habe Pater Jonas Trageser keine. Fünf Jahre nach dem Brandanschlag auf das Benediktinerkloster Tabgha am See Genezareth in Israel spricht er über die Ereignisse und seine Folgen.

Von Andrea Krogmann (KNA) |  Tabgha - 18.06.2020

In der Nacht des 18. Juni 2015 setzten ultranationalistische jüdische Jugendliche Teile des Benediktinerklosters Tabgha in Brand und richteten großen Schaden an. "Das Feuer hat sich auch in meine Seele eingebrannt, aber die enorme Solidarität hat das sehr bald geheilt", sagt Pater Jonas Trageser fünf Jahre später im Interview. Der 70-jährige Benediktiner entdeckte in der Brandnacht das Feuer. Seit dem 23. Mai leitet er die deutschsprachige Gemeinschaft aus derzeit sieben Mönchen am See Genezareth als Prior.

Frage: Pater Jonas, was ist in jener Nacht vor fünf Jahren geschehen?

Jonas Trageser: Wegen der andauernden Sommerhitze hatte ich die Tür meines Zimmers leicht geöffnet. Ich habe einen leichten Schlaf und bin von einem merkwürdigen Ton wachgeworden. Ich dachte zunächst an einen Rohrbruch. Das Rohr war in Ordnung, nur der Ton hielt an. An der Klostertür angekommen, brannte diese schon von innen und Benzin lief unter ihr durch. Ich konnte die Tür löschen, sah aber zwei weitere große Brandherde und schlug Alarm. Eine Gruppe älterer Gäste in unserer Begegnungsstätte hatte bereits die Feuerwehr gerufen, die aus Tiberias jedoch 25 Minuten brauchte. Bis dahin reichten die Flammen sechs Meter hoch in den Nachthimmel. Mitbruder Zacharias hat ein Übergreifen der Flammen auf das Kirchendach verhindert, indem er Wasser darauf sprühte. Im Tun haben sich unsere Kräfte mobilisiert, oder, wie es eine Volontärin formulierte: Wir haben einfach nur reagiert.

Frage: Die Kirche blieb verschont.

Trageser: Aber große Teile des Neubaus, darunter der Empfang, erlitten erheblichen Schaden. Teile mussten vollständig abgetragen und neu aufgebaut werden. Ein Schwelbrand nach den Löscharbeiten beschädigte zusätzlich den Laden, so dass wir vieles wegwerfen mussten. Zu dem Gebäudeschaden kam der Sachschaden. Der Wiederaufbau hat den Bauherrn und Besitzer, den Deutschen Verein vom Heiligen Lande, 1,6 Millionen Euro gekostet. Vor allem aber stellte sich uns die Frage nach den Tätern. "Falsche Götzenbilder müssen zerschlagen werden", haben sie in roter Farbe auf Hebräisch an unsere Klosterwand gesprüht. Das zielte direkt auf uns und unsere Präsenz hier im Dienst für alle. Es hat uns nachdenklicher gemacht darüber, was in diesem Land möglich ist, im Guten wie im Schlechten.

Ein Porträtfoto von Pater Jonas Trageser

Pater Jonas Trageser ist der Prior des Benediktinerklosters Tabgha (Israel).

Frage: Hat der Anschlag auch Angst hinterlassen?

Trageser: Ich bin kein ängstlicher Typ und kann auch heute noch ruhig schlafen. Überdies: Wer Angst hat, kann in diesem Land nicht leben, denn es bietet eine Plattform für Extreme, denen auch wir ausgesetzt sind. Trotzdem hat sich das Feuer auch in meine Seele gebrannt, aber die enorme Solidarität, die wir nach dem Anschlag erleben durften, hat das geheilt. Diese Solidarität von Menschen aller Religionen und aus dem ganzen Land ebenso wie aus dem Ausland hat uns sehr getröstet und fast erdrückt. Es gäbe viele Geschichten zu erzählen, wie die des jüdischen Fischzüchters aus Bet Schean, der mit fünf Broten, zwei Fischen und einem Transparent zu uns kam. Auf dem hatte er neben einem Zitat aus dem Neuen Testament auf Hebräisch seine Scham über den Anschlag ausgedrückt - und uns eine ganze Ladung gefrorener Fische geschenkt.

Frage: Und die Behörden?

Trageser: Die hohe Medienpräsenz und die klare Verurteilung der Tat durch Staatspräsident Reuven Rivlin haben großen Druck erzeugt. Der Inlandsgeheimdienst Schin Bet wurde eingeschaltet. Es gab Hinweise auf vier oder fünf strafrechtlich minderjährige Täter und einen Drahtzieher. Letztlich konnte einem Täter die Tat nachgewiesen werden. Er wurde zu sechs Jahren Haft und einer Geldbuße von umgerechnet 13.000 Euro verurteilt. Der Staat Israel zahlte nach zähen Verhandlungen 400.000 Euro für den Wiederaufbau, die gleiche Summe haben wir innerhalb kurzer Zeit durch weltweite Spenden erhalten.

Frage: Was hat sich für das Leben im Kloster Tabgha seither geändert?

Trageser: Auf rein praktischer Ebene herrscht eine erhöhte Aufmerksamkeit. Wir haben einen Nachtwächter, Sicherheitskameras, was auch unsere festen Ausgaben erhöht. In Tiberias gibt es inzwischen einen Polizeibeamten, der für die Klöster am See der direkte Ansprechpartner ist. Aber wir sind nach wie vor hier, sind nach wie vor ein Pilgerort und ein Ort, an den Touristen kommen.

Das Kloster Tabgha in Israel nach einem Brandanschlag. Man sieht die Tür, die Pater Joans löschen konnte sowie den in roter Farbe an die Wand gesprühten Spruch in hebräischer Schrift.

Frage: Der Anschlag fiel in eine Zeit zahlreicher Übergriffe auf nichtjüdisches Eigentum im Land. Für einen weiteren Brandanschlag, bei dem in Duma eine palästinensische Familie getötet wurde, ist kürzlich ein extremistischer jüdischer Siedler schuldig gesprochen worden. Hat die Aufmerksamkeit für den Anschlag in Tabgha etwas verändert?

Trageser: Wenn es diese ultranationalistischen Gruppen gibt, dann wusste der Staat davon. Es bleibt also die Frage, warum so lange gewartet wurde, bis etwas passiert. Für Duma kann ich nur hoffen, dass dort Recht und Gerechtigkeit geschieht, so wie ich das Gefühl habe, dass es bei uns geschehen ist. Insgesamt scheint die Situation ruhiger geworden zu sein.

Frage: Wie sieht Tabghas Zukunft aus?

Trageser: Es ist wichtig, dass wir nach der Corona-Pandemie wieder zu einer gewissen Normalität zurückkehren und den gesamten Platz einschließlich unsers Gästehauses und der Begegnungsstätte öffnen können, die für unseren Lebensunterhalt sorgen und gleichzeitig unsere Aushängeschilder sind: Gastfreundschaft in vielfacher Hinsicht. Tabgha ist ein Ort des Autausches und des Teilens - von Zeit, Brot und der Schrift. Die Begegnung mit Menschen und der Blick in ihre Gesichter sind dafür zentral.

Von Andrea Krogmann (KNA)