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Kniefall und "bible posing": Kraftvolles Zeichen oder peinliche Geste?

Ein Kniefall oder das Hochhalten der Bibel: Religiöse Gesten von Päpsten und Politikern zeigen Wirkung. Aber die dahinterstehende Botschaft muss glaubwürdig sein, kommentiert Christof Haverkamp. Andernfalls sind sie nicht sinnvoll.

Von Christof Haverkamp |  Bonn - 18.06.2020

Präsidenten nutzen religiöse Gesten und symbolische Inszenierungen ebenso wie Päpste und Protestierer. Sie setzen bewusst die Macht der Bilder ein und können damit eine kraftvolle Botschaft aussenden. Oder aber schlicht peinlich wirken.

Donald Trump jedenfalls überzeugte nicht, als er vor zwei Wochen vor der Sankt John’s Kirche in Washington eine Bibel hochhielt. Das wirkte befremdlich, zumal der US-Präsident direkt zuvor auch noch friedliche Demonstranten mit Tränengas vom Platz vertreiben ließ. Mit der Botschaft Jesu, mit Nächstenliebe und dem Inhalt der Bergpredigt hatte dieser dreiminütige Fototermin nichts, aber auch gar nichts zu tun.

Die eilig gereichte Heilige Schrift vor der Kulisse einer Kirche hat der Präsident schlicht für seine Zwecke missbraucht. Der peinliche Auftritt überzeugte wohl nur Trumps fromme fundamentalistische Freunde. Hätte er die Bibel doch lieber gründlich gelesen. Kein Wunder, dass viele Bischöfe unterschiedlicher Konfessionen in den stärker religiös geprägten USA heftig protestiert haben. Brücken bauen, Gräben überwinden in einer durch Rassismus tief gespaltenen Nation: So gelingt das nicht.

Wie anders wirkte Johannes Paul II. auf seinen zahlreichen Auslandsreisen, wenn er auf dem Flughafen den Boden küsste. So bekundete der Papst seinen Respekt vor den Menschen des Gastlandes, und das wirkte sympathisch. Oder der französische Staatspräsident Francois Mitterand, der 1984 auf einem Soldatenfriedhof in Verdun Kanzler Helmut Kohl die Hand ausstreckte und damit zur Versöhnung beitrug. Eindrucksvoll wirkte auch Willy Brandt 1970 in Polen, als er am Ehrenmal für die Toten des Warschauer Ghettos niederkniete. Gesten, die mehr sagen als tausend Worte.

In vielen Religionen ist der Kniefall ein seit Jahrhunderten praktiziertes Ritual. Es drückt Demut aus, wer sich klein Macht, zeigt Größe. Ein Sportler wie der Football-Profi Colin Kaepernick zeigte ebenfalls Stärke, als er aus Solidarität niederkniete, oder Polizisten, die den Mut zum Kniefall fanden. Religiöse Gesten sind daher nur sinnvoll, wenn sie glaubwürdig sind. Die Bibel wie eine Waffe zu benutzen ist das Gegenteil davon.

Von Christof Haverkamp

Der Autor

Christof Haverkamp ist Pressesprecher und Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der katholischen Kirche in Bremen und Senderbeauftragter der katholischen Kirche bei Radio Bremen.

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