Westminster Cathedal
Symbol neuen Selbstbewusstseins für Englands Katholiken

Westminster Cathedral: Grundsteinlegung vor 125 Jahren

Englands Katholiken waren lange eine verachtete Minderheit, die sich meist aus armen irischen Einwanderern und der Arbeiterschicht rekrutierte. Ein neues Selbstbewusstsein ließ im 19. Jahrhundert neue Bauten entstehen.

Von Alexander Brüggemann (KNA) |  London - 28.06.2020

Sehr reich und sehr mächtig war Englands Kirche im Mittelalter - wie man bis heute an den monumentalen Kathedralbauten aus dieser Zeit sehen kann. Doch noch mächtiger war König Heinrich VIII. Er brach 1533 mit dem Papst in Rom, weil der sich weigerte, des Königs Ehe zu annullieren. Als Oberhaupt einer neuen Staatskirche setzte sich Heinrich VIII. 1534 selbst ein. Kirche und Kathedralen - das hieß in England fortan anglikanisch.

Schattendasein der Katholiken

Nach blutigen Religionskriegen standen die Katholiken, Englands größte Minderheit, unter dem Generalverdacht des Landesverrats und führten über Jahrhunderte ein Schattendasein. Zumeist waren es irische Einwanderer, in mehreren Wellen als Hungerleider eingetroffen. Katholiken - das waren Ausländer, Unterprivilegierte aus der Arbeiterklasse.

Linktipp: John Henry Newman – ein heiliger Unruhestifter

Vom Gegner der katholischen Kirche zum Heiligen – John Henry Newman hat in seinem Leben einen extremen Wandel hingelegt. Im Oktober 2019 wurde der Engländer heiliggesprochen. Der Zeitpunkt hätte ihm gefallen, glaubt Newman-Experte Roman Siebenrock.

Noch bis 2015 schloss ein Gesetz von 1701 jeden von der Thronfolge aus, der "die päpstliche Religion bekennt oder einen Papisten heiratet". Intellektuell spielte der britische Katholizismus - wenige Beispiele wie die anglikanischen Konvertiten John Henry Newman (1801-1890) oder Gilbert Keith Chesterton (1874-1936) ausgenommen - bis in die 1950er Jahre praktisch keine Rolle.

Erst mit dem sogenannten Catholic Relief Act von 1791 durften Katholiken wieder Gottesdienst feiern, Religionsunterricht abhalten und unauffällige Kirchen bauen. 1850 wurde eine katholische Hierarchie mit Bischöfen wiedererrichtet. Diese brauchten auch neue Bischofskirchen. Die symbolträchtigste unter ihnen: die bis heute unvollendete Westminster Cathedral im Herzen Londons. Vor 125 Jahren, am 29. Juni 1895, wurde der Grundstein gelegt.

Ein Gesetz verbot, den wieder entstehenden römisch-katholischen Diözesen den gleichen Namen zu geben wie den anglikanischen, vormals historisch katholischen. So ist der katholische Bischofssitz von London nach dem Stadtteil Westminster benannt. Daher wird ausgerechnet die katholische Bischofskirche mit dem sehr katholischen Patrozinium "Heilig Blut" gern mit Westminster Abbey verwechselt, der mittelalterlichen Krönungskirche des Königshauses.

Schon der erste katholische Erzbischof in der Hauptstadt, Nicholas Wiseman (1802-1865), begann Spenden für den Bau einer repräsentativen Kathedrale zu sammeln. Doch die Suche nach einem geeigneten Grundstück und die architektonischen Grundentscheidungen gestalteten sich schwierig. Erst 1884 wurde man fündig, auf dem Gelände eines früheren Gefängnisses. Mit Entwurf und Ausführung wurde der Architekt John Francis Bentley (1839-1902) beauftragt.

Ziegelbau in italienisch-byzantinischen Formen

Er entschied sich für einen ungewöhnlichen Ziegelbau in italienisch-byzantinischen Formen, ganz ohne Stahl und Beton; und für einen 83 Meter hohen Glockenturm, der später auch Kulisse eines Alfred-Hitchcock-Films werden sollte. Seine Studienreise nach Italien führte Bentley unter anderem nach Venedig. Wegen eines Cholera-Ausbruchs in Istanbul musste er seinen Besuch der Hagia Sophia aber canceln.

1895 begannen in Westminster die Arbeiten. Eröffnet wurde die Kathedrale 1903, quasi pünktlich zum Tod von Kardinal Herbert Vaughan, dessen Totenmesse in seiner neuen Bischofskirche gefeiert wurde. Aber offiziell geweiht wurde sie erst im Juni 1910. Die Innenausstattung des 110 Meter langen Gotteshauses ist bis heute nicht abgeschlossen.

Das liegt auch daran, dass vor allem kostbare Materialien verwandt wurden, so für Hochaltar und Baldachin verschiedenfarbiger Marmor, Lapislazuli, Perlen und Gold. Viele Mosaiken der aufwendigen Seitenkapellen sind Kunstwerke der "Arts and Crafts"-Bewegung, der englischen Spielart des Jugendstils, und geben biblische Szenen wieder.

Queen Elizbath II. in Windsor.

Queen Elizabeth II. nahm in der Westminster Cathedral als erste anglikanische Monarchin seit der Kirchenspaltung im 16. Jahrhundert an einem katholischen Gottesdienst teil.

Der Architekt Bentley war kein Freund allzu lange vorgefertigter Pläne. Daher wird die Innenausstattung bis heute zu nicht geringen Teilen von den jeweiligen Stiftern und Künstlern mitbestimmt. Die beiden jüngsten Mosaiken sind der Heiligen Familie (2003) und den Mitarbeitern der Dombauhütte (2006) gewidmet.

Elizabeth II., Johannes Paul II., Benedikt XVI.

In den vergangenen gut vier Jahrzehnten hat Westminster Cathedral mehrere kirchenhistorische Ereignisse erlebt: 1977 besuchte Königin Elizabeth II., immerhin anglikanisches Kirchenoberhaupt, die Hauptkirche der einstigen "Papisten" beim Besuch einer Blumenschau - sehr britisch! Und am Andreastag 1998, dem Tag des englischen Nationalheiligen, nahm sie hier als erste anglikanische Monarchin seit der Kirchenspaltung im 16. Jahrhundert an einem katholischen Gottesdienst teil.

Auch Päpste gaben sich die Ehre: Johannes Paul II. bei seinem eigentlich historisch undenkbaren England-Besuch 1982 - wie auch Benedikt XVI. im September 2010. Letzterem gelang wenige Monate später ein weiterer Scoop: In Westminster Cathedral wurden im Januar 2011 drei vormals anglikanische Bischöfe als Priester in die katholische Kirche aufgenommen. Wie sich die Zeiten ändern.

Von Alexander Brüggemann (KNA)