Religion und Wissenschaft: Eine Brücke aus spirituellen Gedanken
Von Schöpfer und Schöpfung

Religion und Wissenschaft: Eine Brücke aus spirituellen Gedanken

Als Christ und Physiker hat Markolf H. Niemz einen spirituellen Blick auf die Wissenschaft. Religion und Wissenschaft müssen sich aus seiner Sicht nicht ausschließen. Daraus ergibt sich ein besonderes Potential, schreibt er in seinem Gastbeitrag. Und es löst die alte Frage von Huhn und Ei.

Von Markolf H. Niemz |  Mannheim - 27.07.2020

Wir bedienen uns heute vor allem zweier Quellen, um der Wahrheit im Kosmos auf die Spur zu kommen: Religion (ein "Zurückbinden" auf Früheres) und Naturwissenschaft. Auf den ersten Blick könnten diese beiden Quellen unterschiedlicher kaum sein. Religionen gehen dogmatisch vor: Ihr Fundament ist der Glaube; er stützt sich auf überlieferte Texte, die nicht weiter hinterfragt werden. Naturwissenschaften sind demgegenüber pragmatisch und äußerst lernfähig: Ihr Fundament sind überprüfbare Fakten; ihre Theorien werden stets an jüngste Erkenntnisse angepasst und fordern explizit zum kritischen Hinterfragen auf.

Tatsächlich hat es den Anschein, als klafften die Wege so auseinander, dass sie uns nie und nimmer zum selben Ziel führen können. Und doch sollten wir uns immer wieder bewusst machen, dass sich Religionen und Naturwissenschaften mit ein und derselben Welt befassen und es somit auch nur ein gemeinsames Ziel geben kann.

Vor einiger Zeit hat mich der deutsche Mystiker Willigis Jäger ein äußerst weises Bild gelehrt: Die Religionen, die Naturwissenschaften und auch der Buddhismus als Lebensphilosophie sind Wegweiser, die uns auf der Suche nach der Wahrheit Orientierung geben können. Die Wahrheit ist unser wahres Ziel. Wichtig ist: Die Wahrheit ist niemals außerhalb, sondern stets mitten unter uns. Sie lässt sich am besten vom Gipfel eines hohen Berges erfassen, den wir auf unterschiedlichen Wegen erklimmen können. Manche Wege sind länger, andere kürzer. Der Weg der Naturwissenschaften ist der kürzeste, weil sie sich mit der Mathematik einer nüchternen, aber sehr präzisen Sprache bedienen.

Streit um Jesus Christus

Der naturwissenschaftliche Weg hat den großen Vorteil, dass er ohne Personifizierung des Göttlichen auskommt. Er lässt folglich keine Feindseligkeiten entstehen. Christentum, Islam und Judentum haben gemeinsame Wurzeln, aber ihre Anhänger streiten sich über die Bedeutung eines Jesus von Nazareth. Die Christen betrachten ihn als Sohn Gottes, die Muslime als Propheten Gottes. Nach jüdischer Auffassung könne ein Mensch nicht göttlich sein; außerdem hätten die Christen mit "Gottes Sohn" ein verbotenes Bild von Gott. In diesem Punkt ist der christliche Glaube tatsächlich inkonsistent, denn auch in der Bibel steht, dass wir uns kein Bild von Gott machen sollen.

Bild: © Privat

Prof. Dr. Markolf Niemz arbeitet am Mannheim Biomedical Engineering Laboratories der Universität Heidelberg.

Eine Personalie ist der Hintergrund für blutige Glaubenskriege. Jesus würde sich im Grab umdrehen, wenn er noch könnte! Doch dieser Konflikt lässt sich auflösen, wenn wir den "Sohn" als namenlose Metapher begreifen: als "Ei" oder "Schöpfung". Tatsächlich lässt sich die christliche Dreifaltigkeit so interpretieren: Gott ist Schöpfer ("Vater"), Schöpfung ("Sohn") und Kreativ-Sein ("Heiliger Geist"). Der Heilige Geist steht für "Atem" oder "Wind", also für das, was dem Kosmos Leben einhaucht.

Und damit komme ich zum zentralen Punkt meines Weltbildes. Es ist der Punkt, an dem Religion und Naturwissenschaft in meinem Kopf aufeinandertreffen – nicht als Kontrahenten, sondern als Verbündete. Es geht um das, was Gläubige als "Gott", Albert Einstein als "Kausalität der Natur" und Werner Heisenberg als "zentrale Ordnung" bezeichnen. Um sich diesem "Etwas" zu nähern, möchte ich zunächst die Antwort auf eine uralte, philosophische Frage verraten, mit der ich mich als Teenager zum ersten Mal konfrontiert sah: Was kam zuerst – das Huhn oder das Ei? Damals dachte ich wie fast alle Menschen, dass das Rätsel keine vernünftige Lösung haben kann. Falls das Huhn zuerst da war, woraus soll dieses allererste Huhn geschlüpft sein? Falls das Ei zuerst da war, wer soll dieses allererste Ei gelegt haben?

Lösung für ein uraltes Problem

Tatsächlich gibt es aber eine Lösung, und diese Lösung ist verblüffend einfach, wenn Sie mal den Dreh herausgefunden haben. Sie lautet: Es gibt weder das Huhn noch das Ei. Hühner von heute unterscheiden sich genetisch von denen, die vor hundert oder vor Millionen Jahren gelebt haben. Das gilt auch für Eier. Hühner und Eier entwickeln sich mit jeder Generation weiter. Deshalb schlage ich vor, von Verbformen ("huhnend", "eiend") zu sprechen. Unsere Substantive haben einen großen Nachteil – sie verschleiern, dass sich das Leben entfaltet!

Huhn und Ei sind also nicht zwei, sondern ein großes, sich entfaltendes Ganzes. Was wir eben über Hühner und Eier gelernt haben, ist kein Einzelfall. Charles Darwin lehrt uns in seiner Evolutionstheorie, dass alles Leben ein großes, sich entfaltendes Ganzes ist. Somit war es Darwin, der – ohne es zu wissen – das Fundament geschaffen hat, auf dem wir heute die Huhn-oder-Ei-Frage korrekt beantworten können.

Markolf H. Niemz hat das Buch "Die Welt mit anderen Augen sehen" geschrieben.

Doch die eigentliche Pointe kommt erst jetzt: Mutter Natur zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich gerne rekursiver Algorithmen bedient. Das sind wiederkehrende Muster. Beispielsweise zeigt die Entwicklung eines Fötus im Mutterleib viele Parallelen zur Evolution des Lebens auf der Erde. Nun ersetzen Sie doch bitte einfach mal "das Huhn" durch "Schöpfer"; und "das Ei" durch "Schöpfung". Unsere Frage "Was kam zuerst – das Huhn oder das Ei?" wird dann zu: "Was kam zuerst – Schöpfer oder Schöpfung?"

Schöpfer und Schöpfung bedingen sich gegenseitig

Und schon begreifen wir, dass sich auch Schöpfer und Schöpfung gegenseitig bedingen können. Wie ein Huhn ein Ei legt, aus dem ein leicht verändertes Huhn schlüpft, so kann auch ein Schöpfer eine Schöpfung "legen", aus der ein leicht veränderter Schöpfer "schlüpft". Ein Gott, der Schöpfer und Schöpfung zugleich ist, entfaltet sich. Doch weshalb sollte nicht auch Gott fühlen und lernen dürfen? Vielleicht durch alles, was lebt? Also durch uns? Diese Auffassung von "Gott" mag revolutionär klingen, aber sie ist es nicht. In den mystischen Traditionen aller Weltreligionen wird sie praktiziert – auch in der christlichen Mystik.

Das Leben fasziniert mich. Wie fast alle Menschen will auch ich wissen, woher wir kommen, warum wir hier sind und wohin wir eines Tages gehen. Beruflich forsche ich viel mit Licht, denn es übt eine ebenso große Faszination auf mich aus. Ich begreife Licht als das Gedächtnis unserer Welt. Es speichert alles, was jemals im Kosmos geschieht. Doch so richtig spannend wird es, wenn wir nach dem Wesen von Licht fragen: Was ist Licht? Weder die Naturwissenschaften noch die Geisteswissenschaften können diese scheinbar einfache Frage beantworten. Setzen die Weltreligionen deshalb das Licht mit dem Göttlichen gleich?

Eines wissen wir aber über das Licht, und das verdanken wir dem Physiker Albert Einstein: In allem Licht hat jede räumliche und jede zeitliche Distanz den Wert Null. Meditieren Sie darüber, was für eine wertvolle Botschaft in diesem einen Satz steckt! Er bedeutet, dass das Licht mit allem im Kosmos vertraut ist, weil für das Licht alles "hier" ist. Er bedeutet auch, dass sich das Licht allem im Kosmos bewusst ist, weil für das Licht alles "jetzt" ist. Wenn wir nun diese zwei Aussagen zusammenfassen, folgt sofort: Ein Gott, der Zugriff auf den Lichtspeicher hat, liebt uns alle und weiß alles! Und schon haben wir von moderner Physik zur Religion eine Brücke gebaut – nicht aus Stahl und Beton, sondern aus spirituellen Gedanken.

Von Markolf H. Niemz

Buchtipp

Markolf H. Niemz: Die Welt mit anderen Augen sehen. Ein Physiker ermutigt zu mehr Spiritualität (Gütersloher Verlagshaus, Juli 2020)