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Standpunkt

Kirchendiagnostik in der Selbstbestätigungsfalle

Bei der Interpretation der jüngst veröffentlichten Kirchenaustrittszahlen tappten viele Interpreten in eine Selbstbestätigungsfalle, kommentiert Andreas Püttmann. Er plädiert für einen anderen Blick auf die Zahlen.

Von Andreas Püttmann |  Bonn - 06.07.2020

Die hohen Kirchenaustrittszahlen 2019 lösten ein großes Medienecho aus. Viele Interpreten tappten in die Selbstbestätigungsfalle: Den einen ist der Aderlass Beleg für ihr Deutungsmuster vom katholischen "Reformstau" bei Machtverteilung, Sexualmoral, Zölibat oder Kirchensprache, den anderen für die Nutzlosigkeit einer "zeitgeistig" liberalen, klimaseligen, migrationsnaiven "Marx/Bätzing-Kirche". "Man schaue sich nur die Kirchen- und Katholikentage an oder das ZK der Deutschen Katholiken, den Rat der EKD oder die Deutsche Bischofskonferenz: Der (synodale) Holz- und Irrweg des rot-rot-grünen Berliner Senats mit etwas Weihrauch“, ätzte Peter Hahne. Schuld sind immer die anderen. Kirche hat gefälligst zu sein wie man selbst ideologisch tickt, sonst taugt sie nichts.

Diagnostiker einer akuten "Vertrauenskrise" haben ein kurzes Gedächtnis. Schon 1993 brachte nur jeder vierte Westdeutsche und jeder achte Ostdeutsche der Kirche "sehr" oder "ziemlich viel" Vertrauen entgegen. 2009 nannte sich nur ein Sechstel der Katholiken gläubig und ihrer Kirche "eng verbunden", fast die Hälfte nicht mal "kritisch verbunden". 2018 bekundeten 17 Prozent der Katholiken weder eine Kirchenbindung noch christlichen Glauben. Wenn trotzdem pro Jahr nur 1 Prozent (+/-) austritt, ist nicht zu fragen, warum "wieder so viele" die Kirche verließen, sondern warum es so wenige sind. Nur 30 Prozent der Bevölkerung interessieren sich für religiöse Themen. Da sind 60 Prozent religiös Gebundene relativ viel. Und wenn nur 3 (!) Prozent der Konfessionslosen sich "religiös suchend" nennen, greift die Annahme, die Kirchen machten für eine konstante religiöse Nachfrage nur das falsche Angebot, viel zu kurz.

Erstaunlich wenige Austritte – das klingt nach Entlastung der Kirchen. Tatsächlich macht es die Herausforderung radikaler als selbst kritischste Analysten meinen. In der Welt als "globalem Dorf" (McLuhan) ist Glauben an eine der verschiedenen Religionen schwieriger geworden. Konformitätsstützen tradierter Leitkultur fallen weg. Ein rationaler Agnostizismus oder pragmatischer Aufschub der "letzten Fragen" scheint vielen Menschen der redlichste Umgang mit spiritueller Vielfalt oder schlicht das Bequemste zu sein. Christliche Antizeugnisse, Irrtümer und unheilige Allianzen in Geschichte und Gegenwart – von Trump und Bolsonaro bis Kaczynski und Putin – geben Skeptikern den Rest.

Das Tun des Guten und die Bereitschaft, an geeigneter Stelle auch seine geistlichen Quellgründe offenzulegen, dürfte die wirksamste Antwort auf die Glaubenskrise sein. Sie ersetzt nicht das aufrichtige Ringen um Lehre und Gestalt der Kirche. Nur sollte man davon nicht zu viel für den "Erfolg" des Christentums erwarten. Weder liberale noch konservative Konzepte sind bisher erfolgreich gegen den Trend. Sicher scheint nur: Im Selbstbestätigungsmodus auf hohem Ross oder im je eigenen kirchenpolitischen Schützengraben gäben Christen eine Karikatur von Nachfolge Christi ab.

Von Andreas Püttmann

Der Autor

Andreas Püttmann ist Politikwissenschaftler und freier Publizist in Bonn.

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