Warum Sexualerziehung in der Grundschule sinnvoll ist
Workshop des Vereins "My Fertility Matters" in Kooperation mit den Bistümern

Warum Sexualerziehung in der Grundschule sinnvoll ist

Mit Sexualität werden Kinder oft bereits in der Grundschule konfrontiert. Damit sie Gesehenes oder Gehörtes einordnen können, bietet ein Verein in Kooperation mit den Bistümern sexualpädagogische Workshops an. Denn wenn Kinder nicht über dieses Thema sprechen, kann das schwerwiegende Folgen haben.

Von Melanie Ploch |  Speyer - 15.07.2020

Für Kinder ist es immer aufregend, wenn es im Grundschulunterricht um etwas geht, bei dem sie anfangs oft kichern oder bestimmte Begriffe nur beschämt aussprechen können: den Sexualunterricht. Manchmal lernen sie dabei zum ersten Mal etwas darüber, wie sich ihr Körper in den kommenden Jahren verändern wird oder wie es überhaupt möglich ist, dass eine Frau nach neun Monaten mit größerem Bauch plötzlich einen Säugling in der Hand hält.

In Kooperation mit einigen Bistümern bietet der Verein "My Fertility Matters" ("Meine Fruchtbarkeit hat Bedeutung") sexualpädagogische Workshops an. So auch in der Diözese Speyer: Der früheste Workshop, die "KörperWunderWerkstatt" findet in der vierten Klasse statt. Das ist nicht zu früh, findet MFM-Koordinatorin Alexandra Dellwo-Monzel. Manche Eltern haben aber Sorgen. Nach einem Elternabend, bei dem sie alles ausführlich erklärt und auch Ausschnitte aus dem Workshop gezeigt bekommen, werde die Skepsis meist überwunden, sagt die Koordinatorin. "Die Eltern sagen oft, dass sie selbst nochmal viel gelernt und sich so etwas früher auch gewünscht hätten." Im Lehrplan vorgesehen ist der konkrete Sexualunterricht in der Grundschule in der dritten und vierten Klasse.

Mehr noch, würde man Kinder in dem Alter nicht aufklären, hätte das schwerwiegende Folgen, sagt sie: "In der Grundschule kursieren manchmal schon Videos mit sexuellem Inhalt. Dadurch kommen die Schüler in Kontakt mit Sexualität und können das nicht einordnen. Das Ganze wird negativ besetzt, da sie den Bezug zum eigenen Körper oder auch zu fremden Körpern nicht positiv sehen können."

Erste Informationen durch ältere Geschwister

Deshalb findet sie es sinnvoll, schon in jungen Jahren damit zu beginnen, "bevor sie Bruchstückhaftes von anderen oder älteren Kindern erfahren und wo sie noch über die spannenden Vorgänge in ihrem Körper staunen können ". Denn bereits Grundschüler werden ohnehin zudem dadurch mit dem Thema konfrontiert, dass erste körperliche Veränderungen beginnen. "So erfahren sie früh genug, wie ihr Körper funktioniert und darüber hinaus, was wann in der Pubertät passiert, etwa was ein erster Samenerguss oder die erste Blutung ist. Sie lernen, das gesamte Thema positiv zu sehen. Wenn ich meinen Körper mag, kann ich auch besser auf ihn aufpassen", erklärt Dellwo-Monzel.

Entstanden ist MFM aus der natürlichen Familienplanung. Deshalb sei MFM auch ein christliches Konzept, da die Wertschätzung des Entstehens neuen Lebens von Beginn an im Vordergrund stehe. In den meisten Bistümern sei es an das Referat Ehe und Familie angeschlossen, im Bistum Speyer an die Schulabteilung.

Auch wenn das Thema zu den Aufgaben des Sexualunterrichts zählt: Verhütung spielt im Workshops "KörperWunderWerkstatt" noch keine Rolle.

Für einen Schulvormittag reisen Referenten von MFM an. "Die Schüler stellen sehr viele Fragen und es ist für sie einfacher, das mit einem Fremden zu besprechen." Denn anfangs gehen die Grundschüler oft mit Unsicherheit in den Workshop und sind aufgeregt. Deshalb werden sie zunächst gefragt, was sie überhaupt bereits zum Thema wissen, erklärt die Koordinatorin. "Die meisten sagen: 'Ich weiß noch gar nichts.' Manche Kinder wissen schon etwas durch ihre Geschwister. Andere kennen schon einzelne Veränderungen: 'Da bekommt man Pickel.'" Auf dieser Basis thematisiert der Workshop die Veränderungen in der "KörperWunderWerkstatt". "Wir nennen es so, um den Kindern viele Bilder zu geben, weil in einer Werkstatt viel gebaut und modelliert wird und neue Leitungen verlegt werden." So sollen die Kinder mitnehmen, dass viel mit ihrem Körper passiert – auch über Jahre hinweg – und dass sie sich nicht darum sorgen müssen, etwas könne bei ihnen nicht stimmen.

Die Gruppe arbeitet dabei auf bildhafte Weise mit Gegenständen und Karten, sodass die Viertklässler merken, dass sie ganz normal über alles sprechen können: "Irgendwann im Workshop merke ich, wie der Schalter umgelegt ist und die Kinder gar nicht mehr merken, über welches Thema sie sprechen. Sie öffnen sich so in den Workshops, dass sie ganz normal von Penis, Scheide, Spermium und Eizelle sprechen können." Dabei decke der Inhalt auch den Lehrplan ab, sodass die Lehrerinnen und Lehrer unterstützt werden. Verhütung beispielsweise ist dabei jedoch noch kein Thema, auch wenn das im Lehrplan der Schulen als eine der Aufgaben des Sexualunterrichts gesehen wird. Das würde die gelernte Wertschätzung wieder zunichtemachen und werde deshalb erst in späteren Workshops behandelt, sagt Dellwo-Monzel.

Normalerweise nach Geschlecht getrennt

Wegen der Corona-Pandemie konnten die Workshops erst vor den Sommerferien wieder starten. Bedingt dadurch sei das Konzept ein wenig verändert worden. Normalerweise fänden diese nach Geschlechtern getrennt statt, jetzt sind Mädchen und Jungen gemeinsam in den Workshops, damit die eingeteilten Klassengruppen bestehen bleiben können. Doch das klappe trotzdem, berichtet Dellwo-Monzel. Zudem müsse jetzt mehr Abstand gehalten werden, etwa im Umgang mit verschiedenen Arbeitshilfen. Am Ende des Workshops erhalte jedes Kind einen eigenen Umschlag mit weiteren Materialien.

Das "Allerschönste" an den Workshops sei, findet Dellwo-Monzel, dass die Kinder gestärkt und selbstbewusst herausgehen. "Sie sagen dann, wie toll sie sind und sind begeistert davon, dass sie zu Beginn ihres Lebens so groß waren wie ein Nadelpieks. Einige Kinder sagen anfangs, dass manches schon ekelig sei – aber sie lernen, dass eben nicht alles ekelig ist und es besser anzunehmen." Wertschätzung spiele eine große Rolle: "Nur was ich schätze, kann ich schützen", lautet der Leitgedanke von MFM.

"My Fertility Matters"

Der Verein "My Fertility Matters" möchte Menschen dabei helfen, einen positiven Bezug zu ihren Körpern und ihrer Fruchtbarkeit zu ebnen. Die meisten MFM-Zentralen sind in Trägerschaft der (Erz)-Bistümer. Neben den Workshops der "KörperWunderWerkstatt", die sich an Schüler der 4. Klasse richtet, gibt es die "Zyklusshow" für Mädchen der 5. Und 6. Klasse, "Agenten auf dem Weg" für Jungen desselben Alters sowie den Workshop "WaageMut", der sich an Jugendliche und junge Erwachsene ab der 8. Klasse richtet und die Fruchtbarkeit von Frau und Mann thematisiert.

Von Melanie Ploch