Predigt statt Pistole: Wie aus einem Polizisten ein Priester wurde
Die Waffe gegen das Wort Gottes getauscht

Predigt statt Pistole: Wie aus einem Polizisten ein Priester wurde

Die Wege ins Priesteramt sind so verschieden wie jede Biografie. Marco Leonhart war 20 Jahre Polizist, bevor er Theologie studierte. Ein Gespräch über Gott, eine Richtungsentscheidung und eine besondere Freundschaft.

Von Christopher Beschnitt (KNA) |  - 28.07.2020

Das Bistum Augsburg hat einen neuen Priester mit ungewöhnlichem Lebensweg: Der kürzlich geweihte Marco Leonhart aus Pforzen im Ostallgäu war zuvor 20 Jahre Polizist. Als Beamter arbeitete der 46-Jährige lange Zeit in München als Personenschützer und sorgte bei Veranstaltungen für die Sicherheit von Prominenten wie Angela Merkel. Doch 2011 kündigte Leonhart, begann ein Theologiestudium und wird nun Kaplan in Illertissen bei Ulm. Diesen Wandel erklärt er im Interview. Außerdem spricht der Geistliche über eine besondere Freundschaft, die aus seiner Leibwächter-Zeit erhalten ist.

Frage: Herr Leonhart, was macht die Predigt reizvoller als die Pistole?

Leonhart: Ich habe als Polizist irgendwann gemerkt: Es gibt noch etwas Tieferes im Leben, etwas, das innerlich wirklich meine Sehnsucht stillt. Nicht die Dienstwaffe hat mir dieses Gefühl beschert, mit der ich im Einsatz nie schießen musste, sondern der Glaube an Jesus Christus.

Frage: Wie entstand dieses Gefühl?

Leonhart: Ich komme zwar aus einem katholischen Elternhaus, habe aber nach meiner Firmung die kirchliche Bindung größtenteils verloren. 2001 erlitt ich dann beim Fußball eine schwere Verletzung und musste beim Sport, den ich bis dahin sehr intensiv betrieben hatte, pausieren. In dieser Phase kam in mir eine Sehnsucht danach auf, mich mehr für Menschen einzusetzen. Ich ließ mich zum Hospizhelfer ausbilden. Außerdem entdeckte ich wieder das Gebet und las in der Bibel. Ich unternahm auch Wallfahrten, ging zu Glaubenskursen und Exerzitien. Da habe ich gemerkt: Das tut mir gut, ich komme irgendwo an.

Frage: So wurde Ihnen klar, Sie wollen Priester werden?

Leonhart: Nein, gar nicht. Ich habe erst mal erkannt: Gott gibt es wirklich und ich kann mein Leben mit ihm zusammen gestalten. Zu dieser Erkenntnis führte kein Ereignis, das war ein langer Prozess. Ich habe zunehmend verspürt: Gott will mehr von mir, wie auch immer. Damit habe ich zunächst gehadert - ich war Beamter auf Lebenszeit, da kündigt man nicht mal eben. Doch Gott hat immer wieder angeklopft. Am Ende wollte und konnte ich mich meiner Berufung nicht entziehen.

Frage: Was ist Ihre Berufung?

Leonhart: Ich möchte ein Brückenbauer zwischen Gott und den Menschen sein und sie zum christlichen Glauben ermutigen. Es gibt nichts Größeres als die Liebe Gottes. Sie trägt durchs ganze Leben und gibt Kraft in allen Lagen.

Frage: Was haben Sie für das Priesteramt aufgegeben, was gewonnen?

Leonhart: Früher hatte ich eine Freundin, für meine Hobbys wie Motorradfahren oder Golfen bleibt jetzt kaum mehr Zeit. Mir fehlt aber nichts, denn ich habe nichts verloren, sondern Größeres gewonnen. Im Zölibat etwa sehe ich eine geistliche Chance: nämlich die, völlig frei zu sein für die besondere Aufgabe des Priesteramts.

Meine Eltern standen von Anfang an dahinter. Durch meinen Weg sind sie auch noch mehr in den Glauben hineingewachsen.

Zitat: Marco Leonhart

Frage: Wie hat Ihr Umfeld auf Ihre Neuorientierung reagiert?

Leonhart: Anfangs haben schon viele Leute gefragt, ob ich mir das alles gut überlegt hätte. Heute sagen sie: "Ich merke, du machst das Richtige!" Meine Eltern standen von Anfang an dahinter. Durch meinen Weg sind sie auch noch mehr in den Glauben hineingewachsen.

Frage: Warum sind Sie eigentlich einst Polizist geworden?

Leonhart: Ich bin meinem Vater nachgefolgt, auch meine Schwester war Polizeibeamtin. Neben der Familientradition war mir der Einsatz für Recht und Gerechtigkeit wichtig. Außerdem war ich schon immer sehr sportlich, da passte dieser Beruf gut.

Frage: Was war Ihr schönster, was Ihr schlimmster Einsatz?

Leonhart: Am schönsten war es immer, erfolgreich Hilfe leisten zu können, etwa wenn ich jemanden nach einem Unfall lebend aus einem Auto bergen konnte. Schlimm fand ich es, einen Suizid nicht verhindern zu können. Das war ein einschneidendes Erlebnis.

Frage: Was aus Ihrer Polizei-Zeit hilft Ihnen als Priester?

Leonhart: Die Erfahrung im Umgang mit Menschen: Was braucht der Mensch, der gerade vor mir steht? Welche Hilfe ist nötig? Gerade in traumatischen Situationen sind diese Kompetenzen sehr hilfreich. Wie früher werde ich ja auch heute immer wieder zu unbekannten Adressen gerufen, jetzt aber zum Beispiel, um die Krankenkommunion zu spenden.

Frage: An Ihrer Weihe nahm auch Charlotte Knobloch teil, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Welche Beziehung pflegen Sie zueinander?

Leonhart: Ich war viele Jahre als ihr Personenschützer im Einsatz. Da sitzt man natürlich oft zusammen im Auto und führt Gespräche - und so ist zwischen uns eine Freundschaft entstanden, die auch nach meiner Kündigung bei der Polizei nicht abgebrochen ist.

Frage: Hat Frau Knobloch eine Rolle für Ihre Hinwendung zur Religion gespielt?

Leonhart: Gute Frage! Man fragt sich natürlich aus Interesse gegenseitig aus über Feste und Traditionen, das schon. Aber jetzt, wo Sie's sagen: Ich begleitete Frau Knobloch mehrmals nach Israel. Als wir auch das christliche Viertel besuchten und an der Grabeskirche vorbeikamen, hat mich das sehr berührt. Ohne Charlotte Knobloch wäre ich da wohl nicht gewesen.

Von Christopher Beschnitt (KNA)