Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf
"Auf Traditionen allein können wir unser Christsein nicht mehr bauen"

Nicht nur Institution sein: Bischof Kohlgraf fordert Wandel der Kirche

Von einer traditionsreichen Einrichtung hin zu einem Ort für Glaubenserfahrungen: So muss sich die katholische Kirche nach Ansicht des Mainzer Bischofs Peter Kohlgraf wandeln, wenn sie eine Zukunft haben möchte. Auch an die Priester hat er einen Rat: weniger "gewandte Worte" und "schlaue Argumentationen".

Mainz - 10.08.2020

Die katholische Kirche sollte sich nach Ansicht des Mainzer Bischofs Peter Kohlgraf stärker von einer traditionsreichen Einrichtung hin zu einem Ort für Glaubenserfahrungen wandeln. "Wenn das Christentum nur noch Institution ist, ein Sammelbecken großartiger Theorien, dann bleibt es nicht aus, dass Menschen der Kirche und dem Christentum den Rücken kehren, dass es nach und nach uninteressant wird", sagte Kohlgraf am Wochenende bei einer Priesterweihe, wie das Bistum mitteilte. "Auf Traditionen allein können wir unser Christsein und Kirchesein nicht mehr bauen", betonte Kohlgraf.

Der Mainzer Bischof lenkte den Blick auf Glaubenserfahrungen: "Jemand muss Erfahrungen im Glauben machen, er muss erfahren, wie schön es sein kann, an Gott zu glauben, wie gut es ist, zu einer Glaubensgemeinschaft zu gehören, dann wird er sich für den Glauben interessieren, dann wird er Christ bleiben."

Ausgangspunkt von Kohlgrafs Predigt war ein Zitat des Jesuiten Karl Rahner (1904-1984), der als einer der bedeutendsten katholischen Theologen des 20. Jahrhunderts gilt: "Der Christ von morgen wird ein Mystiker sein, oder er wird gar nicht mehr sein. Er wird jemand sein, der Gott erfahren hat, oder er wird aufhören, Christ zu sein." Kohlgraf sagte: "Wir spüren heute deutlich, dass Karl Rahner Recht hatte: Wir müssen heute mehr als nach Gewohnheiten nach den wirklichen Gründen des Glaubens suchen und Menschen diese Gründe überzeugend anbieten."

Das sollten die Priester tun

Wer Priester werde, solle "an Gottes Gegenwart erinnern, aber nicht mit gewandten Worten oder mit schlauen Argumentationen", so Kohlgraf. Ein Priester solle andere teilhaben lassen "an seinen Glaubenserfahrungen, an seinen Fragen und seiner Gottesnähe, an seinen Zweifeln durchaus, damit Gott nicht schöne Theorie bleibt". Wenn heute eine moderne Verkündigungssprache gefordert werde, gehe es "nicht um eine schöne neue Verpackung". Vielmehr brauche es Menschen, die "etwas erfahren" hätten und aus dieser Erfahrung heraus lebten - also "Zeugen" oder "Mystiker", so Kohlgraf. Der Bischof weihte den Karmeliten Bruder Severin Tyburski im Mainzer Dom zum Priester.

Zuletzt hatte Kohlgraf zur Vatikan-Instruktion über die Zukunft von Pfarrgemeinden deutlich kritisch Stellung bezogen. Er könne diesen "Eingriff" in sein bischöfliches Amt "nicht so einfach hinnehmen". Der Bischof betonte, nach dem römischen Schreiben sorge er sich "um die vielen (noch) Engagierten". "Bald werden sie genug davon haben, wenn ihr Engagement nur misstrauisch beäugt und von oben herab bewertet wird." Er höre, "dass zunehmend keine Motivation mehr herrscht, in einer Kirche mitzumachen, die so auftritt". Außerdem sorge er sich angesichts von Priestermangel und Überforderung im Blick auf Verwaltung und Bürokratie um die Priester seines Bistums, so der Bischof. Die Instruktion vom 20. Juli besagt unter anderem, dass Laien von der Gemeindeleitung ausgeschlossen sind, und betont stattdessen die Leitungsrolle des Pfarrers. Die deutschen Bischöfe, Theologen und Verbände reagierten mehrheitlich mit Kritik auf das Papier und bezeichneten es unter anderem als realitätsfern und rückwärtsgewandt. (tmg/KNA)