Das Fest der Kreuzerhöhung – und die dramatische Geschichte dahinter
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Zum Herrenfest am 14. September

Das Fest der Kreuzerhöhung – und die dramatische Geschichte dahinter

Heute ist das Kreuz weltweit das Erkennungsmerkmal der Christen. Doch was geschah mit der Reliquie, die Kaiserin Helena als das Kreuz Jesu identifizierte? Im Laufe der Jahrhunderte wollten es viele besitzen: Das Kreuz wurde verschenkt, verschleppt, verteilt – aber vor allem verehrt.

Von Valerie Mitwali |  Bonn - 14.09.2020

Es ist der 13. September 335 in Jerusalem: In der Heiligen Stadt herrscht großer Trubel, die Großen des Reichs sind angereist und in den Straßen drängeln sich die Pilgerströme. Vor genau 15 Jahren will Kaiserin Helena hier das Kreuz Jesu gefunden haben. Ihr Sohn Konstantin gab daraufhin den Auftrag, an eben dieser Stelle eine Kirche zu errichten. Nun ist es soweit: Die Auferstehungskirche (im Westen besser bekannt als Grabeskirche) wird feierlich eröffnet. Dass nach Jahrhunderten der Verfolgung ausgerechnet ein Kaiser das wichtigste christliche Heiligtum erbauen lässt, können sich die Gläubigen nur durch ein Wunder erklären. Kann es noch besser kommen? Es kann.

Eine neue Tradition entsteht

Denn am Tag nach der Kirchweihe hat der Jerusalemer Patriarch Makarios I. das richtige Gespür für den richtigen Moment. Er ruft seine Kleriker und trägt zusammen mit ihnen das sogenannte Wahre Kreuz auf eine Anhöhe. Dort zeigen (erhöhen) sie es, damit auch die bislang vergeblich Wartenden es sehen und verehren können. Daher der Name des Festes: Kreuzerhöhung. Schnell entwickelt sich daraus eine neue Tradition mit eigenem Ritus: Jedes Jahr am Tag nach dem Weihefest der Auferstehungskirche wird das Wahre Kreuz dem Volk zur Verehrung ausgestellt. Bald bitten weitere Bischöfe um Kreuzpartikel für ihre Gemeinden. Selbst Bistümer ohne eigene Reliquien ahmen bald den Jerusalemer Ritus der Kreuzerhöhung nach. So viele Gläubige strömen jedes Jahr zu diesem Fest, dass die Kreuzerhöhung gegenüber der eigentlichen Kirchweihe seit Mitte des 6. Jahrhundert in den Vordergrund tritt.

Im Jahr 614 gerät die christliche Welt jedoch aus den Fugen. Die Armeen der Perserkönigs Chosrau II. fallen in das Heilige Land ein und erobern Jerusalem. Zu ihrer reichen Kriegsbeute gehört auch das Kreuzreliquiar, welches sie zusammen mit dem Jerusalemer Patriarchen Zacharias in die persische Königsstadt Ktesiphon (im heutigen Irak) verschleppen. Das Wahre Kreuz schenkt Chosrau II. seiner Lieblingsfrau Schirin, die selbst Christin ist und der Assyrischen Kirche des Ostens angehört. Die römischen Christen aber sind schockiert.

Schirin, die Lieblingsfrau des Perserkönigs Chosrau II.

Der oströmische Kaiser Herakleios sammelt daraufhin seine Truppen und eröffnet im Jahr 622 die Gegenoffensive. Zwar sind die Perser den römischen Truppen militärisch überlegen, doch Herakleios ist für sein strategisches Geschick bekannt. Vor allem die Stimmung unter den Soldaten ist bemerkenswert, berichtet der Schreiber Georg von Pisidien. Sie sind überzeugt, nicht einfach gegen einen Feind des Reiches, sondern gegen einen Feind des Christentums in die Schlacht zu ziehen. Es folgt ein blutiger Rachefeldzug, der sich über mehrere Jahre zieht. Nach der Entscheidungsschlacht bei den Ruinen von Ninive (im heutigen Irak) im Jahr 627 muss der Perserkönig Chosrau II. fliehen und wird vom eigenen Adel gestürzt. Sein Sohn und Nachfolger Kavadh II. Siroe bietet Herakleios umgehend Verhandlungen an.

Die feierliche Rückführung des Wahren Kreuzes

Im Jahr 629/30 schließen beide Seiten einen Friedensvertrag, in welchem sich die Perser zur Rückgabe eroberter Gebiete (inklusive Heiliges Land) verpflichten. Vor allem aber müssen sie die Kreuzreliquie wieder abgeben. Kurz darauf zieht Herakleios als glänzender Sieger feierlich in Jerusalem ein, um das Wahre Kreuz in die Auferstehungskirche zurück zu bringen. In dieser Zeit wird das Fest der Kreuzerhöhung auch von der Kirche in Rom übernommen. Der oströmische Kaiser steht auf dem Höhepunkt seiner Macht und wird selbst im entfernten Frankenreich zur christlichen Legende. "Perserbesieger", "neuer Alexander" und sogar "heiliger Herakleios" wird er fortan genannt.

Doch der Triumph hat einen hohen Preis: Nach dem Ende des langen Krieges sind große Teile Ostroms verwüstet, praktisch alle Ressourcen aufgebraucht und die Staatskassen leer. Zeitgleich betritt mit dem neu entstandenen Islam auf der arabischen Halbinsel eine neue Großmacht die Weltbühne. Bereits im Jahr 635 erobern muslimische Truppen Damaskus, woraufhin die kostbare Kreuzreliquie in die oströmische Hauptstadt Konstantinopel (in der heutigen Türkei) in Sicherheit gebracht wird. Nur zwei Jahre später fällt das belagerte Jerusalem kampflos unter muslimische Herrschaft. Das Wahre Kreuz aber wird zunächst in Europa und später weltweit verteilt. Die größten heute bekannten Kreuzreliquien befinden sich in Rom, auf dem Berg Athos, in Brüssel, Venedig, Gent, Paris und Limburg.

Die heutige Auferstehungskirche (Grabeskirche) in Jerusalem.

In der Ostkirche zählt die Kreuzerhöhung zu den "Zwölf Großen Festen" des Kirchenjahres und nimmt eine besondere Stellung im Leben der Orthodoxen ein. Die Gläubigen gedenken sowohl der Auffindung des Kreuzes durch Kaiserin Helena als auch dessen Rückführung durch Kaiser Herakleios. Auf einen vorgeschriebenen Fastentag folgt das eigentliche Fest der Kreuzerhöhung, dem sich eine achttägige Festoktav anschließt. Eine Vielzahl regionaler Traditionen begleitet den Feiertag.

Bis zur Liturgiereform im Jahr 1960 beging die römisch-katholische Kirche alljährlich am 3. Mai ein eigenes Fest der Kreuzauffindung. Papst Johannes XXIII. legte es mit dem Fest der Kreuzerhöhung zusammen. Heute gedenken Katholiken beider Ereignisse immer am 14. September. Als sogenanntes Herrenfest verdrängt die Kreuzerhöhung sogar den Sonntag, wenn sie auf diesen Wochentag fällt. Wer als Katholik den Jerusalemer Ritus der Kreuzerhöhung erleben möchte, sollte sich noch etwas gedulden: Die meisten Elemente haben sich in der Kreuzverehrung der römischen Karfreitagsliturgie erhalten.

Von Valerie Mitwali