Schachfigur
Standpunkt

Ein interreligiöser Feiertag? Lieber die Traditionen transformieren

Bischof Bätzings Vorschlag eines interreligiösen Feiertags hält Stefan Orth für sympathisch. Dennoch sei es zielführender, wenn die Kirche ihre eigenen Traditionen belebt, kommentiert er – und zwar mit Blick auf die gesellschaftliche Situation.

Von Stefan Orth |  Bonn - 11.09.2020

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Limburger Bischof Georg Bätzing, hat zum Gedenken an die hoffentlich bald überwundene Corona-Krise einen interreligiösen Feiertag angeregt. Das ist in einem Land, in dem andere Religionen wichtiger geworden sind, ein in vielerlei Hinsicht sympathischer Vorschlag.

Er ist allerdings auch gleich mit einer ganzen Reihe von Fallstricken versehen. So ist kaum vorstellbar, dass die gesellschaftliche und politische Diskussion sich in diese Richtung entwickelt – vor dem Hintergrund der absehbaren Konjunkturschwäche weniger denn je. Hinzukommt: Bei Feiertagen wie Christi Himmelfahrt, Fronleichnam oder Allerheiligen fällt darüber hinaus immer wieder auf, wie wenig nachvollziehbar es für die meisten Menschen ist, warum sie an diesem Tag frei haben. Wie viel schwerer dürfte dies für einen neuen, religiös begründeten Feiertag werden? Die Hauptgefahr aber dürfte sein, dass ein dezidiert interreligiöser Feiertag zu einem bloßen Konstrukt wird.

Die Kirchen und mit ihnen alle Christen stehen vielmehr vor der Aufgabe, ihre eigenen Traditionen wieder zu beleben – gerade angesichts der jeweils aktuellen gesellschaftlichen Situation, die auf absehbare Zeit von der Corona-Krise geprägt sein wird. Sie sollten die jeweiligen kirchlichen Feste so feiern, dass allen Bürgern des Landes deutlich wird, dass es hier nicht nur um Brauchtumspflege eines immer kleiner werdenden Teils der Gesellschaft geht. Der Anspruch ist doch, dass hinter diesen Traditionen die Überzeugung einer Religion steht, zum gelingenden Leben aller Menschen etwas beitragen zu können: im Hier und Heute. Und wo immer möglich und sinnvoll, lassen sich auch die Vertreter und Anhänger anderer Religionen mit einbeziehen oder zumindest in den Blick nehmen. Umgekehrt ist es gleichzeitig wichtig, sich noch mehr dafür einzusetzen, dass auch die anderen ihre Feste feiern können. Im Reigen der gewachsenen Traditionen der Weltreligionen lässt sich gerade in ihnen viel von dem entdecken, was Menschsein auch im 21. Jahrhundert, nach der Corona-Krise, ausmacht.

Hier wie dort braucht es dabei die Transformation der jeweils eigenen Traditionen. Die Feierkultur beleben lässt sich allerdings dort am besten, wo man an diese unmittelbar anknüpft.

Von Stefan Orth

Der Autor

Dr. Stefan Orth ist stellvertretender Chefredakteur der Herder Korrespondenz.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.