Eine Hand im päpstlichen Gewand blättert in einem roten Buch
Ein falsches polnisches Wort verkehrt Bedeutung

Papst gegen Umverteilung? Übersetzungsfehler in "Fratelli tutti"

Franziskus ist für seine scharfe Marktkritik bekannt. Wer "Fratelli tutti" in der polnischen Übersetzung liest, könnte sich daher die Augen reiben: Hält der Papst etwa Umverteilung für eine "magische Vorstellung" und Teil eines "neoliberalen Dogmas"?

Warschau - 08.10.2020

Ist Papst Franziskus gegen wirtschaftliche Umverteilung? Den Eindruck könnten Leser der polnischen Übersetzung seiner Sozialenzyklika "Fratelli tutti" gewinnen. Wie das polnische Portal "deon.pl" berichtet, wurde an einer entscheidenden Stelle durch ein einziges falsches Wort die Intention des Papstes ins Gegenteil verkehrt. In Abschnitt 168, in dem es um eine Kritik des "Dogmas des neoliberalen Credos" geht, ist in der deutschen Fassung von den ökonomischen Konzepten "spill over" und "trickle down" die Rede, die als "magische Vorstellungen" kritisiert werden. Die deutsche Übersetzung entspricht dem spanischsprachigen Original, wo es "derrame" ("Überlauf") und "goteo" ("Tröpfeln") heißt. In der polnischen Übersetzung steht statt "spillover" "redystrybucji" ("Umverteilung"), so dass der Eindruck erweckt werden könnte, der Papst wende sich gegen ökonomische Umverteilung.

"Spill over" ("überschwappen") bezeichnet ökonomische Übertragungseffekte, bei denen Ereignisse Auswirkungen auf eigentlich Unbeteiligte haben. "Trickle down" ("heruntertropfen") bezeichnet die Vorstellung, dass Wirtschaftswachstum durch Konsum und Investition von Reichen schließlich allen Schichten zugute kommt. Die tatsächliche Relevanz dieses Effekts ist in der Wirtschaftswissenschaft umstritten. Papst Franziskus hatte ihn bereits in seinem Apostolischen Schreiben “Evangelii Gaudium” (2013) kritisiert. Darin beschreibt er Trickle-down-Theorien als von den Fakten nicht gedeckte Theorien, "die davon ausgehen, dass jedes vom freien Markt begünstigte Wirtschaftswachstum von sich aus eine größere Gleichheit und soziale Einbindung in der Welt hervorzurufen vermag". Damit werde aber ein "undifferenziertes, naives Vertrauen auf die Güte derer aus[gedrückt], die die wirtschaftliche Macht in Händen halten, wie auch auf die sakralisierten Mechanismen des herrschenden Wirtschaftssystems".

Auch an der intendierten Textfassung der Enzyklika gibt es Kritik. Im Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) bezeichnete der Präsident des Münchner ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Clemens Fuest, die Vision des Papstes und seine ökonomischen Diagnosen als "naiv." Das Wettern gegen Märkte und angeblichen Neoliberalismus sei die größte Schwäche des Papiers. Das von Franziskus behauptete magische Verständnis von Märkten, die alles regelten, gebe es tatsächlich nicht: "Niemand auf der Welt, der irgendetwas zu sagen hat oder bei Sinnen ist, behauptet, dass Märkte alle Probleme lösen." (fxn)