Eine verrückte Botschaft für eine verrückte Welt
Pater Philipp König über das Sonntagsevangelium

Eine verrückte Botschaft für eine verrückte Welt

Ausgelegt! - Pandemie, Rezession, Terror: Dieser November fühlt sich besonders düster an. Im Sonntagsevangelium stößt Pater Philipp auf einen verrückten Gegenentwurf zu dieser verrückten Welt. Jesu Botschaft ist radikal, polarisierend – und verheißungsvoll.

Von P. Philipp König OP |  Frankfurt am Main - 31.10.2020

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Impuls von Pater Philipp König

Wir sind in einem verrückten Jahr. Der November ist ein dunkler Monat, aber in diesem Jahr kommt er mir umso dunkler vor, ja geradezu düster angesichts der Pandemie und allem, was damit verbunden ist: Chaotische Zustände an vielen Orten, die Kontrolle scheint zu entgleiten. Schon wieder empfindliche Einschränkungen und zermürbende Kraftanstrengungen, um das Schlimmste noch zu verhindern. Ein Ende dessen ist erstmal nicht in Sicht. 

Die Seligpreisungen der Bergpredigt sind radikal, sie gehören zu den umstrittensten Texten der Bibel. Ich höre sie jedes Jahr zu Allerheiligen. Aber diesmal kommen sie mir noch radikaler vor als sonst. Ich glaube, noch nie haben sie mich mit einer solchen Wucht getroffen wie in diesem verrückten Jahr 2020!

"Selig, die arm sind vor Gott…" Ich spüre die Hilflosigkeit und Ungewissheit, die sich angesichts der Pandemie breitmacht, auch bei mir! Wie soll das nur weitergehen? Was wird noch alles auf uns zukommen? Was wird uns noch abverlangt werden, um die zu schützen, die besonders vulnerabel sind, die sich selbst nicht helfen können?

"Selig die Trauernden…" Über eine Million Menschen sind weltweit schon an Covid-19 gestorben, oft einsam und allein. Angesichts des exponentiellen Anstiegs bangen viele um ihre Gesundheit oder um die ihrer Lieben. Andere fürchten um ihr wirtschaftliches Überleben oder haben ihre Existenzgrundlage bereits verloren. Sie sind – zurecht! – genervt, wütend, einfach nur müde.

"Selig, die keine Gewalt anwenden..." Wo man nur hinschaut: Die Gräben zwischen Menschen vertiefen sich. Gewalt greift um sich, Menschen werden brutal niedergestreckt, auf offener Straße getötet oder mit Hassparolen fertiggemacht in den Kommentarspalten im Netz.

"Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit…" Viele, gerade junge Menschen, setzen sich ein für eine bessere Welt, wollen etwas verändern, aber haben Frust, weil scheinbar nichts vorankommt. Andere sind auf dem Egotrip, gleichgültig gegenüber dem Leid ihrer Mitmenschen, ob in den Flüchtlingslagern in Moria, in Samos, oder direkt vor ihrer Haustür.

"Selig seid ihr, wenn man euch schmäht und verfolgt um meinetwillen…" Ich denke an den Terror in Nizza, an die Schwestern und Brüder, die am Donnerstag einfach nur in ihrer Kathedrale beten wollten und dabei von einem islamistischen Terroristen niedergestochen wurden. Ich denke an so viele Christen (und andere Gläubige), die unter Repressalien zu leiden haben. Auch wenn Jesus seinen Jüngern Verfolgungen angekündigt hat: Diese Verblendung macht mich wütend und lässt mich einfach nur sprachlos zurück. 

Die Welt scheint aus den Fugen geraten, vieles kommt mir einfach nur verrückt vor. Die Seligpreisungen mit ihrer Klarheit und Radikalität widersprechen alldem geradezu fundamental. Dieser Widerspruch Jesu mutet nicht minder "verrückt" an angesichts der realen Zustände. Und doch merke ich: Es ist genau diese "verrückte" Botschaft, die unsere verrückte Welt jetzt braucht! 

In den Seligpreisungen steckt eine Kraft, welche die geltenden Maßstäbe auf den Kopf stellt: Die Armen und Hilflosen stehen an erster Stelle, diejenigen, die um ihre eigene Menschlichkeit, Schwachheit und Verletzlichkeit wissen. Es zählt nicht das Recht der Stärkeren oder Lautesten, sondern Barmherzigkeit und Gewaltlosigkeit. Die auf der Verliererseite stehen, werden seliggepriesen. Der Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit, so ernüchternd er auch oft scheinen mag, wird sich lohnen. Die Verfolgten und Unterdrückten bekommen Stimme und Recht.

Ich finde, gerade jetzt müssen die Seligpreisungen laut erklingen! Gerade jetzt braucht es diesen positiven Trotz, der aus ihnen spricht! Denn in ihnen verbinden sich Radikalität und Sanftmut miteinander. Das alles ist kein billiger Trost und schon gar keine Vertröstung aufs Jenseits, sondern es soll schon jetzt Gestalt annehmen. Was für eine grandiose Perspektive, was für eine unbändige Hoffnung, die Licht ins Dunkel bringt, auch und gerade in diesen düsteren und verrückten Zeiten!

Von P. Philipp König OP

Aus dem Evangelium nach Matthäus (Mt 5,1–12)

In jener Zeit, als Jesus die vielen Menschen sah, stieg er auf den Berg. Er setzte sich und seine Jünger traten zu ihm. Und er öffnete seinen Mund, er lehrte sie und sprach:

Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.

Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.

Selig die Sanftmütigen; denn sie werden das Land erben.

Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden.

Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.

Selig, die rein sind im Herzen; denn sie werden Gott schauen. 9 Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.

Selig, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen; denn ihnen gehört das Himmelreich.

Selig seid ihr, wenn man euch schmäht und verfolgt und alles Böse über euch redet um meinetwillen. Freut euch und jubelt: Denn euer Lohn wird groß sein im Himmel. So wurden nämlich schon vor euch die Propheten verfolgt.

Der Autor

Pater Philipp König gehört dem Dominikanerorden an und arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Patristik und Antikes Christentum an der Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt/Main. Außerdem ist er als Postulatsleiter in der Ordensausbildung tätig.

Ausgelegt!

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