Schachfigur
Standpunkt

Das Flüchtlingslager Moria ist eine christliche Schande

Wie Europa mit den Menschen im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos umgeht, ist für Regina Laudage-Kleeberg eine christliche Schande. Sie vergleicht Europa mit einer Nachbarin, die reich ist und Platz im Garten hat.

Von Regina Laudage-Kleeberg |  Bonn - 15.09.2020

HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.

Stellen Sie sich mal vor, Sie würden eine Friedensnobelpreisträgerin kennen. Sagen wir, sie wäre Ihre Nachbarin. Sie ist sehr reich, lebt in einem riesigen Haus, mit großem Garten. Und nachdem sie diesen Preis bekommen hat, bitten immer wieder Menschen bei ihr um Hilfe. Sie hat den Menschen deshalb in der letzten Ecke ihres Gartens einen kleinen Bereich gegeben. Umzäunt, zum Teil mit Stacheldraht.

Die Leute dürfen da wohnen, es gibt ein kleines Zelt, etwas zu essen, eine Toilette. Viele haben von der Friedensnobelpreisträgerin gehört. Deshalb klingeln immer wieder Leute, die Hilfe brauchen. Sie sagt: "Hinten im Garten könnt ihr warten." Es kommen noch mehr Leute.

Die Friedensnobelpreisträgerin macht aber nicht noch mehr Platz. Sie braucht ihren Garten für sich, denkt sie – und das Haus sowieso. Und ein wenig Platz hat sie ja schon gegeben. Und sie denkt: Wenn ich noch mehr Platz mache, fühlen sich nur noch mehr Leute eingeladen.

Die Leute im kleinen umzäunten Bereich. Sie stapeln sich förmlich. Das Essen reicht nicht, die Toilette ist kaputt. Manche werden krank, einige sterben. Die Gastgeberin sieht das auch.

Sie überlegt mit ihrer Familie. Einige wollen den Bereich erweitern. Andere sagen: "Dann haben wir irgendwann gar keinen Platz mehr für uns." Es geht hoch her.

Die Friedensnobelpreisträgerin wartet ab. Sie denkt: Vielleicht lässt sich das bald noch mal in Ruhe besprechen. Die Leute hinten im Bereich: Sie verzweifeln nach einiger Zeit. Manche sind schon Jahre da. Andere ganz neu.

Eines Tages brennt es. Alles im Bereich der Gäste verbrennt. Die Gastgeberin schaut zu, es tut ihr leid. Aber sie weiß auch nicht so recht. Sie will ja keinen Streit mit der Familie. Einige Familienmitglieder sagen: "Lass die Leute zu uns kommen." Andere schreien: "Bloß nicht, dann kommen nur noch mehr. Die nehmen uns alles weg." Die Gastgeberin weiß nicht so recht.

Europa. Friedensnobelpreisträgerin. Christliches Abendland, sagen manche. Eine europäische Schande sei Moria, sagen viele. Eine christliche Schande ist das, denke ich.

Von Regina Laudage-Kleeberg

Die Autorin

Regina-Laudage-Kleeberg ist Referentin für Organisationsentwicklung im Stabsbereich Strategie und Entwicklung des Bistums Essen.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.