Das Bild vom guten Papst: Wie eine Dokumentation zum Fiasko wurde
Papst-Äußerungen zu Homosexuellen machten Image-Kampagne des Vatikan zunichte

Das Bild vom guten Papst: Wie eine Dokumentation zum Fiasko wurde

Ein Dokumentarfilm über Franziskus sollte den Papst in positivem Licht zeigen – für den Vatikan wurde er zum medialen Fiasko. Mitarbeiter der vatikanischen Medien ziehen indes Vergleiche zum Propaganda-Apparat der Sowjetunion.

Von Burkhard Jürgens (KNA) |  Vatikanstadt - 06.11.2020

Es war wieder mal nur gut gemeint. "Francesco", ein Dokumentarfilm des russisch-amerikanischen Regisseurs Jewgeni Afinejewski, soll Papst Franziskus als Anwalt in allen Nöten der Welt zeigen; einen, der "sein Herz für die Herzen der ganzen Menschheit geöffnet hat", wie es im Trailer heißt. Praktisch nur in zweiter Linie erscheint der Papst auch als Oberhaupt einer Religionsgemeinschaft mit einer Morallehre. Nachdem seine Aussagen über gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften in dem Film Gläubige irritierten, versucht der vatikanische Apparat heimlich die Wogen zu glätten.

Unter ungewöhnlicher Nutzung seines diplomatischen Netzwerks ließ das Staatssekretariat den Nuntiaturen weltweit eine Interpretationshilfe zukommen. Die fraglichen Zitate seien aus dem Kontext gelöst; die kirchliche Lehre bleibe unverändert. Die Nuntiaturen gaben diese Korrektur weiter an die Bischöfe. Der Botschafter des Papstes in Mexiko, Erzbischof Franco Coppola, publizierte den Inhalt am Wochenende in einer spanischen Version auf Facebook, später war er auch in anderen Sprachen zugänglich.

Papstäußerung zu Homosexuellen rief Zuspruch und Kritik hervor

Gegenstand ist ein Filmausschnitt, in dem Franziskus erklärt, Homosexuelle hätten "das Recht, in einer Familie zu sein". Direkt anschließend spricht er sich für einen staatlichen Rechtsrahmen ziviler Partnerschaften aus. Die päpstlichen Aussagen in dieser Kombination riefen teils Zuspruch, aber auch die Forderung nach Klarstellung hervor - unter anderem seitens konservativer Bischöfe.

Das Schreiben an die Bischöfe legt dar, dass die scheinbar aufeinanderfolgend gesprochenen Sätze aus unterschiedlichen Zusammenhängen stammten. Der erste Teil beziehe sich darauf, dass homosexuelle Jugendliche in ihrer Familie nicht diskriminiert werden dürften. Hintergrund der zweiten Aussage war laut Vatikan ein argentinisches Gesetzesvorhaben zur gleichgeschlechtlichen Ehe; Franziskus wandte sich damals gegen eine Gleichstellung, befürwortete aber zivilrechtliche Regelungen, etwa im Sinne einer eingetragenen Partnerschaft.

Franziskus ärgert sich über manche journalistischen Zuspitzungen und Verkürzungen. Das machte er hier und da deutlich - ironischerweise auch in dem Interview, aus dem Afinejewski seine Zitate nahm. Unklar ist, warum sich der Vatikan von dem Zusammenschnitt erst bei der Premiere überraschen ließ. Unklar ist auch, warum er die Dinge nicht öffentlich zurechtrückt, etwa über eine Erklärung des Presseamtes. Anfragen verschiedener Medien dort blieben unbeantwortet.

Wim Wenders spricht mit Papst Franziskus während der Produktion von seinem Dokumentationsfilm "Papst Franziskus - Ein Mann seines Wortes".

Wie "Papst Franziskus - Ein Mann seines Wortes" von Wim Wenders sollte auch der neue Dokumentationsfilm über den Pontifex, "Francesco", des russisch-amerikanischen Regisseurs Jewgeni Afinejewski ein positives Licht auf den Papst werfen.

Stattdessen gab es andere Bremsversuche. Am 21. Oktober war "Francesco" auf einem Filmfest in Rom präsentiert worden; zuvor hatte der Papst den Regisseur und Mitglieder des Teams am Rande der Generalaudienz empfangen. Die Vatikanzeitung "Osservatore Romano" notierte das Ereignis freundlich. Dann ging die aus dem Kontext gerissene Homo-Äußerung durch die Nachrichten.

Daraufhin ordnete der Programmchef von "Vatican News", Massimiliano Menichetti, in einer hausinternen Rundmail einen strikten Berichtsstopp an. Die Angestellten sollten lediglich Reaktionen auswerten und nach oben melden. Von einer "Krise" war die Rede. Die Mail wurde geleakt. Mitarbeiter von "Vatican News" sprechen von "Prawda-Methoden", einer Nachrichtensteuerung wie weiland in der Sowjetunion. Wie es heißt, wurde infolge der undichten Stelle auch die interne Kommunikation heruntergefahren.

Film war als positives PR-Stück gedacht

Gedacht war die Kooperation mit dem Filmemacher Afinejewski als schönes PR-Stück. Man wollte Franziskus von neutraler Seite als Sympathieträger porträtieren lassen, ein Gegenbild zu Missbrauchs- und Finanzskandalen, Muff und Filz im Vatikan. Aus der gleichen Absicht motivierte der päpstliche Medienstab Wim Wenders zu seinem Dokumentarfilm "Papst Franziskus - Ein Mann seines Wortes" (2018).

Federführend von vatikanischer Seite war bei beiden Produktionen der damalige Medienchef Dario Vigano. "Francesco"-Koproduzentin Eleonora Granata lobte ihn als den eigentlichen Türöffner im Vatikan. Kurz nach Beginn der Vorarbeiten 2018 musste Vigano zurücktreten, in Zusammenhang mit einem manipulierten Brief von Benedikt XVI. - vielleicht ein schlechtes Omen.

"Francesco" feierte Premiere auf der Festa del Cinema di Roma, einem Festival unter Leitung von Antonio Monda; dessen Bruder Andrea ist Direktor des "Osservatore Romano". Tags darauf erhielt der Film den "Kineo Movie for Humanity Award". Die päpstlichen Medien hatten die Preisverleihung in den Vatikanischen Gärten vorab angekündigt. Die Berichterstattung fiel aus.

Von Burkhard Jürgens (KNA)