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Die Kirche muss länger mit Heiligsprechungen warten

Der Vatikan-Bericht über den ehemaligen Kardinal Theodore McCarrick wirft auch kein gutes Licht auf Johannes Paul II. Für Björn Odendahl ist klar: Die Gefahr solcher Enthüllungen steigt, je schneller Heiligsprechungen erfolgen.

Von Björn Odendahl |  Bonn - 19.11.2020

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"Santo subito" – "sofort heilig", skandierten die Gläubigen unmittelbar nach dem Tod von Papst Johannes Paul II. auf dem Petersplatz. Sein Nachfolger, Benedikt XVI., folgte der Aufforderung und setzte die übliche Fünfjahresfrist bis zum Start eines Seligsprechungsverfahrens aus. Bereits neun Jahre später erfolgte die Heiligsprechung durch Franziskus.

Schon damals gab es – auch innerkirchlich – Kritik an diesem Vorgehen. Zu schnell und zu inflationär werde mittlerweile heiliggesprochen, hieß es. Jetzt aber, weitere sechs Jahre später, wird dieser noch sehr allgemeine Vorbehalt ein konkreter. Denn durch die Affäre rund um den ehemaligen Kardinal Theodore McCarrick legt sich ein Schatten über zumindest eine wichtige Entscheidung des heiligen Papstes aus Polen. Hätte Johannes Paul II. Missbrauchsfälle verhindern können, wäre er den Vorwürfen gegen McCarrick energischer nachgegangen? Die US-Zeitschrift "National Catholic Reporter" spekuliert deshalb bereits darüber, ob eine Verehrung des heiligen Papstes überhaupt noch möglich sei.

Auch wenn es für solche Überlegungen aktuell keinen Anlass gibt – schließlich sind auch Heilige Menschen und damit nicht fehlerlos –, zeigt sich das Grundproblem: Je früher eine Heiligsprechung erfolgt, desto wahrscheinlicher ist es, dass die eine oder andere bisher unbekannte "Schattenseite" erst im Nachhinein ans Licht kommt. Dabei ist die aktuelle Diskussion um Johannes Paul II. kein Einzelfall. Auch bei Mutter Teresa begann das Seligsprechungsverfahren nur knapp zwei nach ihrem Tod. Bereits zu dieser Zeit mehrten sich kritische Darstellungen ihres Wirkens, die auch oder gerade nach ihrer Selig- und Heiligsprechung nicht verstummten.

So verständlich es auch ist, dass Gläubige ihre persönlichen Glaubensvorbilder, die sie selbst noch erlebt haben, möglichst schnell verehren wollen: Übereilte Heiligsprechungen schaden den Heiligen selbst und letztlich der ganzen Kirche. Wie lange es dauern kann, bis bis wirklich alle Infomationen auf dem Tisch liegen, zeigt etwa das unterbrochene Seligsprechungsverfahren von Pater Josef Kentenich, der immerhin schon vor mehr als 50 Jahren starb. Was die Kirche daher braucht, sind ein transparenteres Verfahren, eine größere Zahl unabhängiger Mitarbeiter in der Heiligsprechungskongregation und – vor allem – genug Zeit. In jedem Fall mehr als fünf, vielleicht sogar mehr als 50 Jahre.

Von Björn Odendahl

Der Autor

Björn Odendahl ist Redaktionsleiter bei katholisch.de.

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