Lebender Adventskalender
Schwester Jordana Schmidt über das Sonntagsevangelium

Sei wachsam, denn du bist auserwählt!

Ausgelegt! - Das Evangelium vom ersten Advent spricht vom Ende der Welt, von Auserwählten – es mahnt zur Wachsamkeit. So unharmonisch das auch klingen mag: Schwester Jordana Schmidt will diese Stelle gerade in diesem Jahr mit der Brille der Zuversicht lesen.

Von Sr. Jordana Schmidt OP |  Schwalmtal-Waldniel - 28.11.2020

HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.

Impuls von Schwester Jordana Schmidt

Seid wachsam! Das, was uns Markus heute an die Hand gibt, hört sich nach Greta Thunberg, Mad Eye Moody ("immer wachsam") und anderen Mahnern an: "Schaut euch an, wie es in der Welt aussieht und zieht eure Schlüsse daraus. Handelt! Und zwar jetzt, denn ihr wisst nicht wann die Zeit nicht mehr reicht."

Das springt mir bei diesem Text ins Auge. Kontext: Dezember 2020.

Es ist ein Advent, der so ganz anders wird als alle Advente, an die ich mich erinnere. Keine adventlichen Feiern – nicht in den Schulen, Sportvereinen oder Kindergärten, nicht mit meinen Freunden, kein obligatorischer Besuch auf einem Weihnachtsmarkt, keine vollen Adventsgottedienste mit schönen und stimmungsvollen Liedern. Da könnte ich vom Evangelium an diesem ersten Advent, eher etwas Harmonischeres vertragen. Die Zeiten sind schon beängstigend genug.

Aber nein, ich höre vom Ende der Welt, von der Mahnung, wachsam zu sein, weil man sich vor der Rückkehr die Hausherren in Acht nehmen soll, und von Auserwählten (gehöre ich dazu?). Ich fühle mich daran erinnert, welche Verantwortung ich selbst für meinen Glauben, mein Leben und das der Welt, habe. Ja, ich soll die Augen aufmachen. Aber nicht ängstlich, sondern voller Zuversicht, mit einem Gott an meiner Seite, der uns bei all dem helfen will. Einem Gott, der uns schon auserwählt hat, der uns alle Talente zur Verfügung gestellt hat, mit denen wir unser Leben gestalten können. Wir könnten also viel mehr, wenn wir wollten. Und das war scheinbar auch schon zur Zeit Jesu das Problem der Menschen. Wir haben wohl nicht viel gelernt. Einzelne Menschen vielleicht, aber nicht wir, als Menschheit. Und wenn ich mich von diesem Text angesprochen und ertappt fühle, dann ist es wohl auch mein Problem. Von daher möchte ich gerade in diesem Jahr das Evangelium mit der Brille der Zuversicht und des Mutes lesen: Sei wachsam, sei aufmerksam, denn du bist auserwählt!

Ich denke, davon dürfen wir einfach mal ausgehen. Gott hat uns berufen, sorgfältig die Welt zu betrachten und zu begleiten, Veränderungen wahrzunehmen und Schlüsse daraus zu ziehen. So wie es uns etwa ein junges Mädchen namens Greta vor Augen hält. Vielleicht könnte ja dieser erste Advent 2020, mit diesem Evangelium, ein Neustart werden, voller positiver Erwartung. Mit der Gewissheit, dass jede und jeder von uns etwas an dieser Welt verändern kann. Wachsam, auserwählt und ausgestattet mit allen Fähigkeiten. Tun wir also was!

Und dann einen schönen (ersten) Advent.

Von Sr. Jordana Schmidt OP

Evangelium nach Markus (Mk 13, 24–37)

In jenen Tagen, nach der großen Not, wird sich die Sonne verfinstern, und der Mond wird nicht mehr scheinen; die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden.

Dann wird man den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken kommen sehen.

Und er wird die Engel aussenden und die von ihm Auserwählten aus allen vier Windrichtungen zusammenführen, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels.

Lernt etwas aus dem Vergleich mit dem Feigenbaum! Sobald seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, wisst ihr, dass der Sommer nahe ist.

Genauso sollt ihr erkennen, wenn ihr all das geschehen seht, dass das Ende vor der Tür steht.

Amen, ich sage euch: Diese Generation wird nicht vergehen, bis das alles eintrifft.

Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.

Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater.

Seht euch also vor, und bleibt wach! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist.

Es ist wie mit einem Mann, der sein Haus verließ, um auf Reisen zu gehen: Er übertrug alle Verantwortung seinen Dienern, jedem eine bestimmte Aufgabe; dem Türhüter befahl er, wachsam zu sein.

Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, wann der Hausherr kommt, ob am Abend oder um Mitternacht, ob beim Hahnenschrei oder erst am Morgen.

Er soll euch, wenn er plötzlich kommt, nicht schlafend antreffen.

Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Seid wachsam!

Die Autorin

Schwester Jordana Schmidt OP ist gelernte Familientherapeutin und Diplom-Heilpädagogin. Seit 1994 gehört sie den Dominikanerinnen von Bethanien an. Von 2002 bis 2012 arbeitete sie als Erziehungsleiterin im Bethanien Kinderdorf in Schwalmtal-Waldniel. Seitdem ist sie Kinderdorfmutter von fünf Kindern. Sie ist mehrmals im Jahr im Radio bei "Kirche im WDR" zu hören. Ihre Bücher "Auf einen Tee in der Wüste" und "Ente zu verschenken" waren wochenlang auf der Spiegel-Bestsellerliste.

Ausgelegt!

Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de nun "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreiben Ordensleute und Priester für uns.