Titelbild der Aktion "Personal Coach im Advent" des Bistums Fulda
Bild: © Bistum Fulda
Bistum Fulda bietet individuelle Begleitung auf dem Weg Richtung Weihnachten an

Den Advent gestalten – mit persönlichem Coach

Ein persönlicher Coach, um die richtige Methode und ein gutes Maß zu finden – was wie aus dem Sport klingt, bietet das Bistum Fulda für das private Gebet im Advent an. Im katholisch.de-Interview erklärt Simone Twents, die Hauptverantwortliche des Projekts, was es mit der Aktion auf sich hat.

Von Moritz Findeisen |  Fulda - 28.11.2020

Mit dem Dienst der geistlichen Begleitung hat die Kirche einen großen Schatz, den es gerade unter Corona-Bedingungen zum Einsatz zu bringen gilt. Diesem Ziel folgt das Bistum Fulda mit seiner Aktion "Advent mit Personal Coach". Die Idee dazu stammt von Simone Twents, die nach einer Möglichkeit suchte, Menschen in der besinnlichen Zeit einen Zugang zum persönlichen Gebet zu ermöglichen. Die Referentin für pastorale Innovation erklärt, wie das gelingen soll.

Frage: Mal provokant gefragt, Frau Twents: Haben die Menschen heute so wenig Ahnung von Weihnachten, dass sie einen Coach brauchen, der sie durch den Advent führt?

Twents: (lacht) Nein, es braucht natürlich niemand einen Coach, um seine Zeit zu gestalten oder um zu wissen, was Weihnachten ist. Am Anfang der Idee standen zwei Gedanken: Zum einen ist dieser Advent durch Corona und den neuen Teil-Lockdown ja anders als sonst. Vieles von dem, worauf man sich in dieser Zeit besonders freut, geht aktuell nicht – Weihnachtsmärkte, gesellige Kontakte und Ähnliches. Ich wollte fragen: Welche Chancen bietet diese besondere Situation, neue Dinge zu tun, die man sonst nicht tun würde?

Und zum anderen habe ich eine Studie der Uni Greifswald gelesen, in der Forscher untersucht haben, wie erwachsene Menschen zum Glauben finden. Neben vielen anderen Faktoren haben Befragte zu 95 Prozent als mit Abstand wichtigsten Faktor genannt: anfangen, alleine im Stillen zu beten. Das hat mich überrascht. Ich habe mich gefragt: Was können wir als Kirche tun, um es Menschen leichter zu machen, genau das zu tun? Wie können wir Menschen dabei ermutigen und unterstützen?

Frage: Das Projekt des Advent-Coachings soll also an dieses Bedürfnis anknüpfen. Auf welche Ressourcen können Sie dabei zurückgreifen?

Twents: Wir haben das erprobte analoge Format der "Exerzitien im Alltag" und wir haben den großen Schatz der Geistlichen Begleitung. Das ist ein Dienst gut ausgebildeter Menschen, die selber schon mit Gott durch Höhen und Tiefen gegangen sind, und die qualifizierte Gesprächsseelsorge anbieten. Dabei geht es darum, Menschen individuell in ihrer Beziehung zu ihrem Schöpfer und den Erfahrungen durch die Höhen und Tiefen des Lebens zu begleiten. Das Eigene des Begleiters steht dahinter zurück. Per Telefon und Video geht das natürlich auch in Zeiten von Corona.

Bei diesem Angebot haben wir dafür eine neue Metapher ausprobiert: die des "Personal Coach" aus dem Sport oder Fitness. Natürlich kann jeder Mensch eigeninitiativ anfangen, zu beten und versuchen, Gott im Alltag zu finden. Aber analog zum Sport kann vieles einfacher werden, wenn man dabei einen Personal Coach an der Hand hat. Das macht es mir leichter, meinen inneren Schweinehund zu überwinden und anzufangen. Es ist jemand, der mich ermutigt und mir hilft, konsequent zu sein. Jemand, der mich individuell anhand meiner persönlichen Voraussetzungen und Zielen berät, was für mich passt. Jemand, der mir hilft, mich nicht zu überfordern. Einen ähnlichen Beitrag können Geistliche Begleiterinnen und Begleiter für den Weg mit Gott anbieten.

Simone Twents ist Referentin für pastorale Innovation im Bistum Fulda.
Bild: © Bistum Fulda

Simone Twents ist Referentin für pastorale Innovation im Bistum Fulda.

Frage: Wie muss ich mir diese Begleitung denn konkret vorstellen? Nach der Anmeldung per E-Mail wird in regelmäßigen Abständen mein spiritueller Fortschritt "kontrolliert"?

Twents: Oh Gott, nein, um Kontrolle geht es bei dem Ganzen überhaupt nicht. Jeder ist natürlich Herr über sein persönliches geistliches und emotionales Leben, und entscheidet, was er tun will, und wie er diesen Advent verbringen möchte. Der Unterschied zum Sport ist gerade, dass es nicht leistungsorientiert ist, sondern beziehungsorientiert auf Gott hin. Unser Angebot ist ganz auf die individuelle Begleitung ausgerichtet: Bei der Anmeldung kann man Wünsche angeben, wer von den elf Begleiterinnen und Begleitern einem sympathisch erscheint und wen man gerne als "Coach" möchte. Das wird dann "gematcht". Die entsprechende Person nimmt Kontakt auf und man verabredet sich zu einem ersten Gespräch. Da geht es um die Fragen: Was möchten Sie für sich und ihren Weg mit Gott in diesem Advent tun, wo stehen Sie, was wünschen Sie sich, und wie kann ich Sie dabei gut unterstützen? Ziele könnten zum Beispiel sein, in den Wochen vor Weihnachten innerlich zur Ruhe zu kommen, mit Gott vertrauter zu werden, Gottes Spuren im eigenen konkreten Alltag stärker wahrzunehmen, oder eine Gebetsform zu finden, die zu einem passt. Die Investition seitens der Teilnehmenden besteht darin, sich einmal in der Woche etwa 45 Minuten für das Begleitungsgespräch zu reservieren und vor allem, sich täglich rund 20 Minuten Zeit für Gebet, Stille und Reflexion zu nehmen. Die Begleiterin oder der Begleiter machen individuelle Vorschläge, wie der einzelne diese Zeit für sich gut gestalten kann. Damit nicht die Situation entsteht: Jetzt muss ich alleine mit einem "großen Unsichtbaren" reden und stehe da wie der Ochs vor dem Berg.

Frage: Worin sehen sie bei diesem Projekt den Unterschied etwa gegenüber einem Gottesdienstformat im Advent?

Twents: Das Besondere ist diesem Fall, dass der geistliche Begleiter oder die Begleiterin individuell auf die einzelnen Personen eingehen und die Themen auf deren Bedürfnisse runterbrechen kann, in konkrete, realistisch umsetzbare Schritte. Nach einer Woche gibt es dann den Rückblick: Wie ging es Ihnen damit, was haben Sie für Erfahrungen gemacht? So kann man aus der gemeinsamen Reflexion entscheiden, was für die nächste Woche sinnvoll sein kann.

Frage: Sie haben Gott den "großen Unsichtbaren" genannt. Was sind aus Ihrer Sicht inhaltliche Schwerpunkte, auf die der Advent unseren Blick lenken sollte, um Gott ein Gesicht geben zu können?

Twents: Es gibt natürlich die Möglichkeit, bei den klassischen Bibeltexten für den Advent anzusetzen und dazu ein bestimmtes geistliches Programm vorzugeben. Das kann eine Möglichkeit sein, ist aber nicht unsere vorrangige Absicht. Die Idee ist, vom konkreten Leben und den alltäglichen Situationen der jeweiligen Person auszugehen. Dazu wollen wir Hilfen an die Hand geben, um den eigenen Alltag und die inneren Bewegungen zu reflektieren, und aus dieser Wahrnehmung mit Gott ins Gespräch zu kommen. Das Ziel ist es, zu schauen, ob sich für da eine Resonanz, ein Echo entwickelt: Finde ich vielleicht Spuren von Gott in meinem Alltag, wo ich bisher überhaupt nicht damit gerechnet habe? Entsteht da eine Dynamik zwischen meinem Schöpfer und mir?

Das Bistum Fulda richtet das Angebot ganz nach den Wünschen der Teilnehmer aus.

Frage: Das Leben aufmerksamer betrachten – wäre das ein Adventsimpuls, den Sie auch Menschen empfehlen würden, die vielleicht nicht die Zeit oder das Interesse haben, sich bei ihrem Projekt anzumelden?

Twents: Naja, wer bin ich, den Leuten Empfehlungen für den Advent zu geben? (lacht) Die haben sicher gute eigene Ideen. Aber was ich festhalten möchte, ist, was ich in vielen Gesprächen immer wieder erlebt habe: dass zwischen Himmel und Erde sehr viel mehr passiert als das, was irgendwie kirchlich aktenkundig wird oder von uns initiiert wird. Denn Gott ist lebendig und da, und leidenschaftlich am Menschen interessiert. Nur ist das nicht so leicht wahrzunehmen, weil es meistens nicht materiell ist und hinter den Dingen liegt. Ich glaube, es braucht gar keine besonderen religiösen Verrenkungen, um dafür den eigenen Blick zu schärfen. Es geht eher darum, dass mein innerer "aufgepeitschter Ozean" etwas ruhiger wird, ich auf den Grund schauen und feststellen kann, dass Gott schon die ganze Zeit mitgeht. Bei Teilnehmerinnen und Teilnehmern von Glaubenskursen habe ich das oft erfahren: Sie hatten sich entschieden, für einen gewissen Zeitraum einfach mal so zu tun, als ob es Gott gibt, und sich dafür Zeit freizuschaufeln. Da kam dann oft die Überraschung: Im Rückblick nimmt man so viel wahr, bestimmte Situationen Leben, wo Gott seine Finger im Spiel gehabt hat.

Frage: Sie sind vom Bistum Fulda als Referentin für pastorale Innovation angestellt. Was ist Ihre Vermutung, warum klassische kirchliche Angebote die Menschen, die sie gerade beschrieben haben, immer schwerer erreichen?

Twents: Ich glaube, das hat viel mit Selbstbezug zu tun. Kirche versteht sich oft als Kirche für die, die schon drin sind und so aufgewachsen sind. Es gibt aber auch Menschen, die von sich sagen, dass sie sich existenzielle Fragen stellen, für sich gerne die Deutungsmöglichkeiten und Erfahrungen prüfen würden, die die Kirche mit Gott hat, aber überhaupt keinen Ansatzpunkt finden. Der Bootsrand ist so hoch, dass sie ihr Bein gar nicht drüber schwingen können. Von daher glaube ich, es braucht von der Kirche mehr Brücken und Anknüpfungspunkte an das, was Menschen aus ihrem eigenen Leben und ihren Bezugsystemen kennen. Da lassen wir bisher leider vieles liegen – oder sind es zu wenig gewohnt, jenseits unseres eigenen Referenzrahmens mit Menschen über das Evangelium ins Gespräch zu kommen. Ich sehe mich da selber als Lernende. Meine Aufgabe im Referat Pastorale Innovation sehe ich darin, andere Engagierte im Bistum einzuladen, gemeinsam auszuprobieren und zu lernen und dadurch neues Lösungswissen zu schaffen. Wie können wir Themen und Bedürfnisse von unseren Zeitgenossen als Brücken und offene Türen verstehen? Wo sind mögliche Anknüpfungspunkte zwischen der aktuellen Kultur und dem Evangelium? Normalerweise ist mein Auftrag im Bistum, in diesem Bereich die Projekte von anderen zu unterstützen. Mit dem Personal Coaching im Advent hatte ich jetzt die Gelegenheit, auch mal selbst etwas umzusetzen.

Von Moritz Findeisen