Schachfigur
Standpunkt

Droht der katholischen Kirche eine Amerikanisierung?

Herrscht in der katholischen Kirche eine Polarisierung wie in den USA vor? Wenn er auf kirchliche Konflikte schaut, empfindet Pater Max Cappabianca die Situation jedenfalls so – und verrät, was dagegen helfen könnte.

Von Pater Max Cappabianca |  Bonn - 30.11.2020

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Zwar ist Donald Trump noch nicht aus dem Weißen Haus ausgezogen, doch schon jetzt ist klar, dass die Vereinigten Staaten von Amerika noch lange mit dem Zusammenkehren des gesellschaftlichen Scherbenhaufens beschäftigt sein werden. Zu sehr waren die Debatten polarisiert – zum Teil schon vor Trump! Zu viel Hass hat sich in den Herzen angestaut und man staunt, was in der traditionsreichsten Demokratie der Welt Gegner mittlerweile einander zutrauen!

Droht diese Entwicklung auch der katholischen Kirche? Manchmal erfüllt mich diese Sorge, denn immer weniger redet man miteinander, sondern polemisiert, spitzt zu, spricht anderen den Glauben ab. Nun haben wir keinen Donald Trump an der Spitze, wie überhaupt Kirche nicht mit einem Staat verglichen werden kann. Aber die Kommunikationsprozesse können auch bei uns degenerieren und auch bei uns gibt es eine populistische Versuchung! Schon länger wird davor gewarnt.

Das gilt für alle Seiten! Es wäre zu schablonenhaft, nur "konservative" oder "liberale" Christen einer solchen Gesprächsverweigerung zu bezichtigen. Ich nehme auf allen Seiten ideologische Verhärtungen war, die einem die Lust am kirchlichen Glauben rauben können.

Wie dem vorbeugen? Es gibt ein paar Strategien, die theologisch begründet sind, und die in Erinnerung zu rufen sich lohnt: Erstens ist keiner im "Besitz" der Wahrheit. Der "Schatz des Glaubens" (vgl. Lk 12,33ff.) ist eine lebendige Wirklichkeit, letztlich Jesus Christus selbst. Das macht demütig und zugleich freimütig, denn wir alle lassen uns von dem ergreifen, der selber "die Wahrheit, der Weg und das Leben" ist (Joh 14,6)! Zweitens glauben wir, dass es nicht an uns ist, die Wahrheit zu retten. Ängstlichkeit in Fragen des Glaubens und des Zusammenlebens in der Kirche widerspricht dem österlichen Leben, das uns geschenkt ist: "Fürchtet euch nicht!" (Lk 12,7, vgl. 2Kor 4,7) Und drittens ist der Respekt vor dem Andersdenkenden zutiefst in unsern Glauben eingeschrieben, denn wir erkennen in jedem Getauften einen Tempel des Heiligen Geistes (vgl. 1Kor 6,19).

Ich wünsche mir eine Kirche, in der alle Seiten verbal abrüsten und wir immer mehr darauf vertrauen, dass Gottes Geist sich auch – oder vielleicht gerade! – im Andersdenkenden offenbart.

Von Pater Max Cappabianca

Der Autor

Der Dominikaner Max Cappabianca ist Leiter der Katholischen Studierendengemeinde Hl. Edith Stein in Berlin.

Hinweis

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