Seligsprechung des französischen Pro-Life-Forschers rückt näher

Jérôme Lejeune – Genetiker und "Laienapostel für das Leben"

Aktualisiert am 31.01.2021  –  Lesedauer: 

Vatikanstadt ‐ Es ist der Schmerz seines Lebens: Ausgerechnet seine Forschung ermöglichte die moderne Pränataldiagnostik. Nun kommt Jérôme Lejeune, der Mit-Entdecker der genetischen Ursache des Down-Syndroms, einer möglichen Seligsprechung einen Schritt näher.

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"Als Biologe und Wissenschaftler war er vom Leben begeistert", würdigte Papst Johannes Paul II. (1978-2005) den französischen Genetiker und Kinderarzt Jérôme Lejeune unmittelbar nach dessen Tod im Jahre 1994. Er gilt als Entdecker der genetischen Ursache des Down-Syndroms und war ein leidenschaftlicher Anwalt für das Lebensrecht behinderter Kinder. Mit der Anerkennung seines "heroischen Tugendgrads" durch Papst Franziskus erreicht der seit 2007 laufende Seligsprechungsprozess für Lejeune nun seine abschließende Phase.

Der 1926 in einem südlichen Vorort von Paris geborene Lejeune wird in seiner täglichen Arbeit schon früh mit der Not von Kindern mit geistiger Behinderung und ihren Familien konfrontiert. Da die Medizin dem Phänomen machtlos gegenübersteht, verschreibt der junge Arzt seine ganze Lebensenergie der Erforschung dieser Beeinträchtigung und der Linderung des daraus resultierenden Leids. 1957 wird Lejeune in ein Pariser Forschungsteam gerufen, um die Chromosomen bei Kindern mit und ohne Down-Syndrom zu untersuchen. Dort findet er 1959 gemeinsam mit anderen heraus, dass bei Menschen mit Down-Syndrom ein genetischer Defekt vorliegt: Ein Chromosom ist dreifach vorhanden.

Schwere moralische Konflikte

Nachdem man identifizieren konnte, dass die Anomalie speziell das 21. Genmerkmal betrifft, setzt sich die Bezeichnung "Trisomie 21" als medizinischer Fachausdruck für das Down-Syndrom durch. Erst Jahrzehnte später wird deutlich, dass die Forscherin Marthe Gautier mit ihrer Laborarbeit maßgeblichen Anteil an der Entdeckung des überzähligen Chromosoms hatte. 2009 warf sie ihrem ehemaligen Kollegen Lejeune vor, sich zu Unrecht als Erstautor des bahnbrechenden Artikels hervorgetan zu haben, und bezeichnete sich selbst als die "vergessene Entdeckerin".

Kind, Mädchen, Behinderte, Trisomie 21, lächelt
Bild: ©denys_kuvaiev/Fotolia.com

Seine Forschung brachte Lejeune in schwere moralische Konflikte: Die Diagnose von Trisomie 21 wird häufig als Anlass zum Abbruch von Schwangerschaften genommen, was er als gläubiger Katholik strikt ablehnte.

Lejeune gelang mit der Publikation zur Down-Forschung damals der wissenschaftliche Durchbruch: Er kann weiter zur Kindergenetik forschen, wird zu einem viel gefragten Experten und hält unzählige Vorträge in der Fachwelt und Öffentlichkeit. Gleichzeitig bringt ihn seine Mit-Entdeckung in schwere moralische Konflikte: Die Diagnose von Trisomie 21 wird häufig als Anlass zum Abbruch von Schwangerschaften genommen, was er als gläubiger Katholik strikt ablehnt.

Anerkannter Genforscher und streitbarer Lebensrechtler

Mit Nachdruck bringt der fünffache Vater seinen Schmerz darüber zum Ausdruck, dass ausgerechnet seine eigene Forschung zur Möglichkeit der vorgeburtlichen Diagnostik beigetragen hatte. Lejeune betont stets, dass er "als Arzt auf der Seite des Lebens und nicht auf der Seite des Todes" stehe. Er setzt sich mit allen Kräften gegen die pränatale Auswahl und Abtreibung geistig behinderter Kinder ein und wird zu einem glühenden Kämpfer der internationalen Lebensschutzbewegung. Seine teils radikale Meinung bringt ihn gesellschaftlich und in Fachkreisen zunehmend ins Abseits. So bringt er einmal seine Überzeugung zum Ausdruck, die "Abtreibungspille wird mehr menschliches Leben zerstören als Hitler, Mao und Stalin zusammen". Vergleiche dieser Art wurden von Kritikern, aber auch aus den Reihen der durchaus heterogenen Pro-Life-Bewegung immer wieder als irreführend und als Verharmlosung des Holocausts zurückgewiesen.

Unter den Päpsten findet der anerkannte Genforscher und streitbare Lebensrechtler dagegen große Sympathie: Bereits 1974 wird Lejeune unter Paul VI. Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften und mit Johannes Paul II. verbindet ihn gar eine persönliche Freundschaft. 1994 ernennt ihn dieser zum ersten Präsidenten der eigens auf seinen Vorschlag gegründeten Päpstlichen Akademie für das Leben. Lejeune stirbt jedoch kurz darauf im Alter von knapp 68 Jahren an Krebs und kann das Amt nicht mehr antreten. In seiner Botschaft zum Tode des französischen Mediziners ehrte ihn Johannes Paul II. als "großen Christen des 20. Jahrhunderts, für den die Verteidigung des Lebens zum Apostolat wurde". Zur Seligsprechung Jérôme Lejeunes bedarf es von jetzt an nur noch der Anerkennung eines auf seine Fürsprache zurückgeführten Wunders.

Von Moritz Findeisen