Ein Mann steht mit Kippa vor dem Brandenburger Tor
"Christentum kann ohne das Judentum nicht existieren"

Jüdisches Festjahr: Holocaust als Mahnung nie außer Acht lassen

1.700 Jahre jüdisches Leben feiert Deutschland im Festjahr 2021. Der Vorsitzende des Trägervereins, Matthias Schreiber, spricht im katholisch.de-Interview über die jüdischen Wurzeln des Christentums und den Antisemitismus in Deutschland.

Von Moritz Findeisen |  Düsseldorf - 14.02.2021

Am 11. Dezember 321 erließ Kaiser Konstantin ein Edikt, das es Juden ermöglichte, Ämter in der Stadtverwaltung Kölns zu übernehmen. Es ist die älteste urkundliche Erwähnung jüdischen Lebens auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands. Matthias Schreiber ist Vorsitzender des Vereins "1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland", der die zahlreichen Veranstaltungen und Initiativen koordiniert. Von Hause aus evangelischer Pfarrer arbeitet Schreiber heute als Kirchen- und Religionsbeauftragter in der Düsseldorfer Staatskanzlei. Im Gespräch mit katholisch.de spricht er über die Intention des Festjahres und die Verantwortung der christlichen Kirchen gegenüber unseren jüdischen Mitmenschen.

Frage: Herr Schreiber, Ihr Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, im Festjahr 2021 jüdisches Leben in Deutschland sichtbar und erlebbar zu machen. Nun sind mit Ihnen und Herrn Gerhardt zwei evangelische Pfarrer die Vorsitzenden des Vereins. Wie passt das zusammen?

Schreiber: Wir haben drei Vorstände. Auch Ruth Schulhoff-Walter, die Kulturreferentin der Synagogengemeinde Köln ist dabei. Abraham Lehrer, der Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, ist Vorsitzender der Mitgliederversammlung und Josef Schuster, der Präsident des Zentralrates, im Kuratorium. Wir fragen im Verein nicht danach: Bist du Christ oder jüdisch oder sonst was? Wir fragen: Brennst du für die Idee des Vereins, jüdisches Leben in Deutschland aus einer neuen Perspektive sichtbar zu machen? Wichtig ist, dass wir ein Kulturverein und kein Kultusverein sind, uns also mit dem jüdischen Leben und seiner Geschichte in Deutschland und nicht primär mit der religiösen Ausübung des Judentums beschäftigen. Deshalb ist es ohne Probleme möglich, dass hier auch Christen und sogar Pfarrer mittun, von denen der eine, Gerhardt, Vorsitzender der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Bonn ist.

Frage: Halten Sie es vor dem Hintergrund der deutschen Schuldgeschichte denn für angemessen von einem jüdischen Jubiläum zu sprechen?

Schreiber: Tatsächlich ist der Begriff Jubiläumsjahr schwierig. Und wir haben lange diskutiert, ob man von einem Jubiläum, also von einem "Jubel"-Ereignis, sprechen kann. Mit Blick auf das jüdische Leben in Deutschland bleiben wir in der Verantwortung, an sehr schwere Zeiten zu erinnern: Der von Deutschland zu verantwortende Holocaust ist ohne Zweifel das größte Menschheitsverbrechen, das wir nie außer Acht lassen dürfen oder können. Wir haben uns deshalb entschieden, von einem Festjahr zu sprechen, und wollen damit zum Ausdruck bringen, dass es natürlich Anlass zur Freude gibt, aber dass diese nie ohne die Erinnerung an die schrecklichen Ereignisse der Vergangenheit gesehen werden darf. Und dass die jüdischen Vereine und Verbände in ganzer Breite zum ersten Mal nach dem Holocaust da nicht nur dabei sind, sondern das Jahr selber mitgestalten wollen, berührt mich.

Frage: Können nicht-jüdische Menschen überhaupt über das Judentum sprechen, ohne die jüdische Perspektive von außen zu vereinnahmen und zu verfälschen?

Schreiber: Ich denke, das ist eine Frage der Empathie. Es gibt ja umgekehrt auch hervorragende Bücher über Jesus aus der Feder und Perspektive jüdischer Autoren. Wir sind Hörende und Lernende auf beiden Seiten. Obwohl mit den zahlreichen Organisationen, wie etwa der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit oder Aktion Sühnezeichen, die seit den Fünfzigerjahren entstanden sind, ein tragfähiger Boden für die Versöhnungsarbeit gelegt worden ist, steht bei diesem Thema jede Zeit und jede Generation irgendwie wieder am Anfang. Um die eigene Sprachlosigkeit zu überwinden, hilft es nur, unvoreingenommen aufeinander zuzugehen und sich gegenseitig zuzuhören. Nur so kann man einen sensiblen Umgang finden und stößt etwa auf die Frage: Wer bestimmt eigentlich, was Antisemitismus ist? Das sind doch häufig Definitionen nicht Betroffener. Wie sähe denn eine Definition aus jüdischer Perspektive aus? Hier liegen inhaltlich Chancen, und gerade auch die Christen sollten häufiger gezielt jüdische Stimmen aufgreifen und ihnen Gehör verschaffen.

"Wir fragen im Verein nicht danach: Bist du Christ oder jüdisch oder sonst was? Wir fragen: Brennst du für die Idee des Vereins, jüdisches Leben in Deutschland aus einer neuen Perspektive sichtbar zu machen?", erklärt Matthias Schreiber die Intention des Festjahres 2021.

Frage: Auch unser bisheriges Gespräch zeigt, dass man am Thema Antisemitismus unmöglich vorbeikommt, wenn man sich mit dem jüdischen Leben in Deutschland beschäftigt. Zahlreiche Statistiken belegen, dass Gewalttaten gegen Jüdinnen und Juden in den letzten Jahren wieder stark zugenommen haben. Struktureller Antisemitismus verbindet sich gegenwärtig auf erschreckende Weise mit absurdem Verschwörungsdenken. Wie ist diese Entwicklung ausgerechnet in Deutschland möglich, wo man doch ständig ein so schreckliches Mahnmal vor Augen hat?

Schreiber: Ja, es gibt immer wieder ein Aufflammen von Antisemitismus in Deutschland. Und der Anschlag von Halle im Herbst 2019 war ein schrecklicher Tiefpunkt. Hinzu kommen Formen von islamistisch motiviertem Antisemitismus, mit dessen Bekämpfung unser Land bisher kaum Erfahrung hat. Und auch in Europa, in unseren Nachbarländern östlich wie westlich, sehen wir Antisemitismus. Es reicht nicht, ihn national zu bekämpfen. Deutschland darf keine Anstrengung zu schwer sein, mit vernetztem Wissen und sichtbarer Entschlossenheit dagegen anzugehen. Ich möchte aber auch sagen, dass die große Mehrheit der Menschen in unserem Land keine Antisemiten sind. Wenige laute, scheinbar Unverbesserliche prägen hier ein Bild, unter dem dann unser ganzes Land steht. Trotzdem müssen wir uns fragen: Tun wir genug? Und: Tun wir das Richtige? Es geht um Strukturen in unserer Gesellschaft und um beispielhaften Mut.

Frage: Das Festjahr soll die gesamte Zeitspanne jüdischen Lebens in Deutschland beleuchten. Welche Ereignisse und Hochphasen stechen in dieser langen Geschichte heraus?

Schreiber: Ich bin selbst kein Experte für die deutsch-jüdische Geschichte, und über manche Zeiten wissen wir schlicht zu wenig. Aber im Hochmittelalter etwa bis zum Beginn des ersten Kreuzzuges Ende des elften Jahrhunderts hatten wir zum Beispiel eine gut einhundertjährige Hochphase jüdischen Lebens, bei der wir davon ausgehen können, dass Juden in Deutschland relativ sicher und gleichberechtigt leben konnten. Damals waren etwa die sogenannten "Schum-Städte" Speyer, Worms und Mainz florierende Zentren der jüdischen Kultur und des Handels. Aktuell gibt es dazu auch einen Antrag, die erhaltenen Monumente dieser Kultur zum Weltkulturerbe zu erheben. In jüngerer Zeit haben wir mit der Weimarer Reichsverfassung dann wiederum ein Beispiel der rechtlichen Gleichstellung, mit der aber zugleich ein politischer Antisemitismus und ein rassistischer Judenhass mitwuchs, der verhängnisvoll für die deutsch-jüdische Geschichte werden sollte.

Man muss im Rückblick von einer langen Diskriminierungsgeschichte sprechen, an der das Christentum eine Mitschuld trägt.

Zitat: Matthias Schreiber

Frage: Welche Rolle spielte das Christentum in dieser für das Judentum oft leidvollen Geschichte?

Schreiber: Spannend ist ja zu sehen, dass zu dem Zeitpunkt, als Kaiser Konstantin die Zulassung von Juden zum Kölner Stadtrat ermöglichte, das Christentum im Gebiet des heutigen Deutschlands noch keine Vorrangstellung hatte. Aber leider muss man feststellen, dass es bedrückende Dokumente gibt, die zu verschiedenen Zeiten die Mitverantwortung der Kirchen an der Unterdrückung jüdischen Lebens bezeugen. Der Abgrund dieser Entwicklung war ohne Frage die nationalsozialistische Judenverfolgung, bei der die Kirchen aufs Ganze gesehen und von wenigen Beispielen abgesehen geschwiegen, wenn nicht sogar mitgemacht haben. Man muss hier im Rückblick von einer langen Diskriminierungsgeschichte sprechen, an der das Christentum eine Mitschuld trägt.

Frage: Welche Konsequenzen ergeben sich daraus Ihrer Meinung nach für den Umgang des Christentums mit seinen jüdischen Wurzeln?

Schreiber: Die Alte Kirche hat bereits in den ersten Jahrhunderten etwa gegenüber dem Markionismus klargestellt, dass die Schriften des Alten Testaments, wie wir den jüdischen Tanach nicht ganz unproblematisch nennen, fester Bestandteil der Bibel sind. Trotzdem entstanden immer wieder Bestrebungen, dieses jüdische Erbe aus dem Christentum zu entfernen. In der evangelischen Kirche gab es während der NS-Zeit zum Beispiel das Eisenacher Institut zur "Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben", das sogenannte "Entjudungsinstitut". Dessen Leiter und ihre Ansichten wurden nach dem Krieg lange Zeit einfach weiter rezipiert. Hier müssen wir noch viel genauer hinschauen! Als Kirchen sind wir immer noch dabei zu lernen, was es heißt, die jüdische Identität mit im Blick zu behalten oder einmal ohne Angst einzunehmen. Es wird viel zu leicht vergessen, dass das Judentum ohne das Christentum existieren kann, aber das Christentum nicht ohne das Judentum.

Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin-Mitte.

Der 27. Januar ist der jährliche internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Er wurde 2005 von den Vereinten Nationen eingeführt und erinnert an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Januar 1945.

Frage: Es gab in der letzten Zeit immer wieder Diskussionen um antijüdische Darstellungen an Kirchenfassaden wie die sogenannte "Judensau" an der Wittenberger Stadtkirche oder antijüdische Motive in den Passionstexten. Was halten Sie in diesen Fragen für den richtigen Umgang?

Schreiber: Ich glaube, da gibt es kein absolutes richtig und falsch. Wie wir mit Fehlern der Vergangenheit in der Gegenwart umgehen, wird in jeder Zeit neu diskutiert. Was aber auf keinen Fall der richtige Weg sein kann, ist, solche Motive einfach zu verschweigen oder hinzunehmen. Weder Sie noch ich haben im Kölner Dom oder in Wittenberg judenfeindliche Reliefs angebracht. Trotzdem müssen wir uns eine solche Wunde des Unmenschlichen zu Leibe rücken lassen, und die zuständigen Domkapitel oder Kirchenvorstände stehen in der Verantwortung, einer zu Recht kritischen Öffentlichkeit einzugestehen, dass es einen großen Bedarf nach Auseinandersetzung und Aufklärung darüber gibt. Das kann nicht der Denkmalschutz oder ein nicht öffentlich tagendes Gremium allein bestimmen. Vielmehr ist ein breiter Diskurs geboten.

Frage: Wie sind die katholische und evangelische Kirche am jüdischen Festjahr beteiligt?

Schreiber: Unser Verein verantwortet die Arbeit in diesem Jahr größtenteils nicht selbst, sondern ist eine Plattform zum Mitmachen. Und da bin ich beeindruckt, mit wie vielen Vorschlägen und Aktionen nahezu alle gesellschaftlichen Gruppen und auch die beiden Kirchen sich beteiligen. Von der Deutschen Bischofskonferenz und der EKD gibt es eine gemeinsame Kampagne, die nennt sich "beziehungsweise – jüdisch und christlich: näher als du denkst" und will dazu anregen, die enge Verbundenheit des Christentums mit dem Judentum zu verdeutlichen. Aber auch in den Kirchengemeinden haben wir unglaublich viele lokale Initiativen, bei denen beispielsweise Dokumentationen über die alte Synagoge aufgestellt oder Begegnungsveranstaltungen organisiert werden. Das alles sind wichtige Beiträge. Ganz besonders dankbar sind wir auch dem Präsidenten des ZdK, Thomas Sternberg, und dem damaligen Präsidenten des Evangelischen Kirchentages, Hans Leyendecker, dafür, dass sie sich ganz zu Beginn sofort und vorbehaltlos bereit erklärt haben, Gründungsmitglieder im Verein zu werden. Gerade für die jüdische Seite war das ein starkes und wichtiges Signal der Präsidenten der kirchlichen Laienbewegungen.

Frage: Was sind die nächsten offiziellen Schritte im Festjahr, und auf welche Veranstaltungen freuen Sie sich am meisten?

Schreiber: Unter den Projekten, die wir als Verein selber anstoßen, sind etwa die Auftaktveranstaltung zur offiziellen Eröffnung des Festjahrs, die am 21. Februar online stattfinden wird, und das Kulturfestival "Mentsh!", für das wir den Rahmen geben. Ich persönlich freue mich besonders auf eine Ausstellung über die sogenannten "Jeckes". Jeckes sind in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts nach Palästina ausgewanderte Deutsche. So wurde etwa die Stadt Nahariya südlich des Libanon von Bielefelder Juden gegründet. Darauf bin ich sehr gespannt. Auch bin froh darüber, dass wir schon jetzt etwas von dem Geist dieses Jahres über unser Land hinaus nach Europa bringen können.

Von Moritz Findeisen