Schwester Christine Klimann über das Sonntagsevangelium

Von der mutigen Aufgabe des kleinen Königreichs

Von der mutigen Aufgabe des kleinen Königreichs
Bild: picture alliance/Neundorf/Kirchner

Impuls von Schwester Christine Klimann

Es hätte so schön sein können. Der Auftakt war grandios. Die Ohren und die Herzen der Menschen flogen ihm zu, die unreinen Geister gehorchten seinem Willen und er konnte viele heilen. Die Leute waren begeistert. Die Jünger ebenso, und Kafarnaum war mehr als ein sympathisches Städtchen. Es war der Ort seiner Jünger. Es hätte auch ihm zur Heimat werden können. Und die Leute brauchten ihn.

Die Rufe wurden lauter. "Alle suchen dich!" lassen Petrus und seine Begleiter vernehmen, als sie Jesus finden. In ihrer Stimme Bitte, Bedrängnis, Liebe: Komm doch, bitte, wir können sie nicht im Stich lassen. Sie bauen auf dich. Sie brauchen dich! Wer kann sich dieser drängenden Bitte entziehen? Und noch mehr: Ist es nicht herzlos, ihr nicht zu folgen?

Es gibt wenige Stellen im Evangelium, für die ich Jesus mehr bewundere. Nicht nur, weil ich als Ordensfrau Verfügbarkeit gelobt habe, sondern weil wir wohl alle mehr oder weniger unter Allmachtsfantasien leiden: Wie schwer ist es manchmal, sich vorzustellen, dass die Welt nicht einstürzt, wenn ich diese oder jene Arbeit nicht oder nicht mehr mache. Und so ist es ausgerechnet der Sohn Gottes, der uns zeigt, dass es auch anders gehen könnte.

Nicht dass es ihm leichtgefallen wäre. Er musste zu nachtschlafender Zeit aufstehen und in der Einsamkeit das Gespräch mit dem Vater suchen. Vielleicht hat er mit ihm gerungen, vielleicht hat er ihm gesagt, dass er gerne in dem netten Städtchen, bei den vertrauten Leuten bleiben will. Aber er war frei genug, auf die Stimme der Geistkraft Gottes zu hören, die ihn dazu trieb, über den eigenen Horizont zu schauen. Nicht weil menschliche Bindungen suspekt wären, sondern weil manchmal die Liebe dazu drängt, den Kreis zu erweitern. Gerade darin wird Jesus seine Berufung erkennen: "… denn dazu bin ich gekommen".

Wir schaffen uns so gerne eigene Königreiche. So unterschiedlich sie sind – vom winzigen Blumengärtchen bis hin zu einer ganzen Diözese – gemeinsam ist ihnen, dass sie Sicherheit schaffen und den Eindruck geben, bedeutsam zu sein. Die meisten der Königreiche sind bevölkert. Der Druck der anderen, doch zu bleiben, denn was wird sonst aus uns, ist nur manchmal subtil.

Es braucht Mut und Demut, auch ein noch so kleines Königreich aufzugeben. Aber welch eine Befreiung kann es sein! Und vielleicht steht am Ende nicht nur die Entdeckung neuer ungeahnter Möglichkeiten, sondern auch eine tiefere Einsicht darin, was ich der Welt schenken könnte. Keiner sagt, dass es leicht wird. Veränderungen machen Angst und Bleiben hätte so schön sein können. Aber wer weiß, vielleicht wird es sogar noch schöner?

Schwester Christine Klimann

Evangelium nach Markus (Mk 1,29–39)

In jener Zeit ging Jesus zusammen mit Jakobus und Johannes in das Haus des Simon und Andreas. Die Schwiegermutter des Simon lag mit Fieber im Bett. Sie sprachen sogleich mit Jesus über sie und er ging zu ihr, fasste sie an der Hand und richtete sie auf. Da wich das Fieber von ihr und sie diente ihnen.

Am Abend, als die Sonne untergegangen war, brachte man alle Kranken und Besessenen zu Jesus. Die ganze Stadt war vor der Haustür versammelt und er heilte viele, die an allen möglichen Krankheiten litten, und trieb viele Dämonen aus. Und er verbot den Dämonen zu sagen, dass sie wussten, wer er war.

In aller Frühe, als es noch dunkel war, stand er auf und ging an einen einsamen Ort, um zu beten. Simon und seine Begleiter eilten ihm nach, und als sie ihn fanden, sagten sie zu ihm: Alle suchen dich.

Er antwortete: Lasst uns anderswohin gehen, in die benachbarten Dörfer, damit ich auch dort verkünde; denn dazu bin ich gekommen. Und er zog durch ganz Galiläa, verkündete in ihren Synagogen und trieb die Dämonen aus.

Die Autorin

Schwester Christine Klimann gehört zur Kongregation der Helferinnen, ist Pastoralreferentin und studiert in Rom Psychologie.

Ausgelegt!

Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de nun "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreibt ein Pool aus Ordensleuten und Priestern für uns.

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