Kardinal Camillo Ruini
Purpurträger hatte großen Einfluss auf gesellschaftliches Leben in Italien

Kirchenführer mit politischem Geschick: Kardinal Ruini wird 90

Zwei Jahrzehnte lang war Camillo Ruini der einflussreichste Kirchenmann Roms und Italiens – nach dem Papst. Unter ihm besaß und nutzte die Bischofskonferenz viel Einfluss auch im gesellschaftspolitischen Leben. An diesem Freitag wird er 90 Jahre alt.

Von Johannes Schidelko (KNA) |  Rom - 19.02.2021

Als Sekretär und dann als Präsident der Italienischen Bischofskonferenz bestimmte Camillo Ruini von 1986 bis 2008 maßgeblich die Linie der katholischen Kirche des Landes – geistlich wie auch politisch. Als Kardinalvikar des Papstbistums Rom gehörte er zu den engsten Mitarbeitern von Johannes Paul II. und später von Benedikt XVI. An diesem Freitag feiert Ruini seinen 90. Geburtstag.

Ruini wurde bewundert, gefürchtet und beargwöhnt für sein politisches Geschick und seinen gesellschaftlichen Einfluss. Unter seiner Ägide pflegte die Bischofskonferenz enge Verbindungen zur italienischen Regierung. Sie verschaffte der Stimme der Kirche in der Politik Gehör, mischte sich in Gesetzgebungsverfahren ein und beeinflusste sogar Wahlen.

Vorsitzender in schwieriger Umbruchphase

Der theologisch hochgebildete Kardinal leitete die – nach Brasilien – zweitgrößte Bischofskonferenz in einer schwierigen Umbruchphase. Anfang der 90er Jahre brach Italiens Parteienlandschaft auseinander. Die traditionelle katholische Partei des Landes, die Democrazia Cristiana (DC), spaltete sich nach Korruptionsskandalen mehrfach auf; die Seilschaften flogen auseinander.

Über 30 Jahre hatte die Kirche die DC als Garanten gegen eine Linksregierung und gegen die Kommunisten betrachtet. Nun bildeten sich ständig neue Parteien und Parteibündnisse; die labilen Regierungskoalitionen wurden immer kurzlebiger. In seinen 15 Jahren als Konferenzvorsitzender hatte Ruini es mit zehn Ministerpräsidenten unterschiedlicher Couleur zu tun. Dank seines Einflusses und seiner guten Vernetzung in Kirche und Politik sah mancher in ihm einen Garanten der Civil society.

Bild: © KNA-Bild

Kardinal Camillo Ruini gehörte zu den engsten Mitarbeitern Papst Johannes Pauls II. – und später Papst Benedikts XVI.

Freilich setzte Ruini zu Beginn seiner Amtszeit noch auf eine "gesellschaftliche Geschlossenheit der Katholiken" – und hielt daran auch nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem Ende der kommunistischen Partei fest. Dann trat an die Stelle des katholischen Blockdenkens mehr und mehr sein "kulturelles Projekt": eine kirchliche Durchdringung von Staat und Gesellschaft jenseits von Parteigrenzen.

Ruini, 1931 in Sassuolo bei Modena geboren, war zunächst Theologieprofessor am interdiözesanen Seminar in Modena. Schon damals knüpfte er Kontakte zum deutschen Theologieprofessor Joseph Ratzinger. Als der sein Bestseller-Buch "Einführung in das Christentum" herausgab, lud Ruini ihn Anfang der 70er Jahre zu einem Vortrag ein. In diese Zeit gehen auch die Beziehungen zum späteren Ministerpräsidenten Romano Prodi zurück, den er kirchlich traute und mit dem er verbunden blieb. Von Modena aus wechselte Ruini 1983 als Weihbischof nach Reggio Emilia, bevor er 1986 zur Bischofskonferenz ging.

Aktiv auch nach Leitungsämtern

Seine Leitungsämter legte Ruini 2007 und 2008 in mehreren Etappen nieder. Doch er blieb weiter lange aktiv. Ein Jahrzehnt lang war er Präsident des wissenschaftlichen Komitees der "Vatikanischen Stiftung Joseph Ratzinger/Benedikt XVI.". Zudem beauftragte Benedikt XVI. seinen früheren Kardinalvikar 2010 mit einer Überprüfung der Vorgänge im umstrittenen herzegowinischen Wallfahrtsort Medjugorje.

Ruini ist weiter gut vernetzt und beobachtet die Lage der Kirche in Italien aufmerksam. Für Wirbel löste seine Anregung, die Kirche sollte auch mit der rechtsgerichteten Lega unter Matteo Salvini in einen Dialog eintreten. Unlängst beklagte "Don Camillo" – wie er wegen seines engagierten Auftretens genannt wird – in einem Interview den schwindenden Einfluss der Katholiken auf Italiens Politik. Ihr Gewicht sei im Vergleich zu früher auf ein Minimum geschrumpft. Während es der Kirche in vergangenen Jahrzehnten nicht selten gelungen sei, sich in gesetzgeberischen Fragen durchzusetzen, scheine sie heute kaum noch gehört zu werden.

Erst kürzlich schaltete er sich in die Diskussion um die angeblich zu rasche Selig- und Heiligsprechung von Papst Johannes Paul II. ein. Zwar sei die Wartezeit für das Verfahren abgekürzt worden. Doch der Prozess selbst, so versicherte der damalige Kardinalvikar Roms, habe alle vorgesehenen Regeln penibel eingehalten.

Von Johannes Schidelko (KNA)