Heimliche Häresien: Warum dem "sensus fidelium" die Luft ausgeht
Theologe Ludger Verst über den Glaubensschwund in der Kirche

Heimliche Häresien: Warum dem "sensus fidelium" die Luft ausgeht

Debatte - Bittere Ironie ist die Stimmung der Stunde: Im Moment scheint kaum jemand Lust zu verspüren, ein gutes Wort für die Kirche einzulegen. In seinem Gastbeitrag blickt Ludger Verst hinter die ewig gleichen Betroffenheitstöne kirchlicher Selbstbespiegelung – und entdeckt dort heimliche Häresien.

Von Ludger Verst |  Frankfurt am Main - 09.03.2021

Vorige Tage bekam ich ein Foto mit Kardinal Woelki und einem Zitat zugespielt: "Bis zum Sommer werden wir jedem Katholiken ein Angebot zum Kirchenaustritt machen können", steht auf dem Bild. Ein blöder Scherz! Als ob die Situation der katholischen Kirche nicht schon schlimm genug wäre. Die Dynamik der kirchlichen Missbrauchsdebatte führt in Köln derzeit zu Massenaustritten.

Natürlich sind die Kirchen in der Krise. Während sie im sozialen und karitativen Bereich durchaus noch akzeptable Imagewerte erzielen, verlieren sie im Innerkirchlichen, ihrem Kerngeschäft, unübersehbar an Boden. In der "allgemeinen Krise der Institutionen" offenbart die "Institution Kirche" nicht für möglich gehaltene strukturelle und moralische Mängel. Es sind Passungslücken, die sie lange Zeit meinte lehramtlich ignorieren oder kasuistisch unsichtbar machen zu können. Was nicht gesehen wurde: Still und leise verdrängte sie damit treue Kreise ihres eigenen Publikums. Es sind die Katholikinnen und Katholiken selbst, die kein Verständnis mehr haben für eine Männerkirche, die Frauen systematisch von Weiheämtern fernhält und zugleich sexualisierte Gewalt an Kindern hervorbringt angesichts einer Moral, die Missbrauch für einen Betriebsunfall hält. Wie unter einem Brennglas stehen Köln und sein Kardinal dafür als Beispiel.

Erosionsprozess des Glaubens

Die Krise der Kirche(n) ist aus einem noch tieferen Grund hausgemacht. Sie resultiert aus einem von innen wie von außen her betriebenen und lange Zeit unbemerkten Erosionsprozess des Glaubens. Eine Reihe religiöser Funktionen, für die selbstverständlich bis vor kurzem die etablierten Kirchen standen, wird von anderen Ritualanbietern und Sinnagenturen weniger bekenntnishaft und mit weitaus größerer Zielgruppenorientierung übernommen. Das Interesse an religiösen Inhalten und Kasualien bemisst sich heute weitgehend danach, ob und inwieweit sie Prozesse der Selbstthematisierung und der Selbstvergewisserung bedienen. Darin sind die historisch gewachsenen, mit enormem Traditionsüberhang belasteten Großkirchen vielfach nicht manövrierfähig, zumindest oft nicht wendig genug.

Dies gilt insbesondere für die katholische Kirche. Karl Rahner wies im Anschluss an das Reformkonzil schon in den 1960er und 70er Jahren auf einen dringenden Strukturwandel der Kirche hin. Weithin ausgeblendet blieb in diesem Zusammenhang Rahners geradezu psychoanalytische Diagnostik, hatte er doch im Kommunikationsgeflecht Kirche mit dem so genannten anonymen, genauer: "kryptogamen Häretiker" bereits die Schwundfigur des modernen Gläubigen ausgemacht. Rahner spürte diesen verborgenen Häretiker auf, indem er den Glauben vieler Kirchenchristen als Täuschung und Selbsttäuschung entlarvte. Die Häresie, die sich inmitten der Kirche, an ihrer viel beschworenen Basis auftue, sei unsichtbar, weil sie von niemandem offen bekannt und auch von kaum einem Kirchenoffiziellen öffentlich angeprangert werde. Der Irrglaube des kryptogamen Häretikers bestand für Rahner darin, dass viele Christen im Alltag Lebensregeln folgten, die, würden sie in ihrer inneren Wahrheit und Struktur zu Ende gedacht, als krasser Gegensatz zu dem erkennbar wären, was dieselben Menschen in ihrem Glauben bekennen. Deshalb dächten sie gar nicht erst darüber nach. Man konnte die Dreifaltigkeit Gottes und auch die Jungfrauengeburt irgendwie akzeptieren, man konnte selbst die rigide Sexualmoral irgendwie hinnehmen und zugleich Mitglied einer modernen, fortschrittsgläubigen Gesellschaft sein. Man blieb katholisch, obwohl man längst weite Teile seines Glaubens als realitätsfremd oder wenig originell ausrangiert hatte.

Häresien fördern einen Parallelkatholizismus

Unmerklich verdunsteten Kernbestände von Glauben, Sitte und Moral hin zu einem Parallelkatholizismus neben dem offiziellen römischen Lehramt. Es galt eine Art Nichtangriffspakt. Solange man zur Kirche ging und seine Kinder taufen ließ, war man an Aufklärung über die näheren Umstände nicht interessiert. Heute zeigt sich in voller Wucht das Ergebnis dieser schleichenden Erosion. Man ist spirituell entweder längst ausgewandert oder hält mit seinen persönlichen Überzeugungen nicht länger hinter dem Berg. Netzwerke wie die "Initiative Kirche von unten" und Reforminitiativen wie "Maria 2.0" dokumentieren die organisierte Seite eines Widerstands, der sich kirchenamtlich nicht mehr einhegen oder sonstwie einpflegen lässt. Im Gegenteil: Diese Bewegungen werden umso stärker, je dogmatischer Amtsträger sie zu disziplinieren versuchen. Die weitgehende Dialogunfähigkeit des klerikalen Apparats verhindert eine kommunikationsoffene Kirche; schlimmer noch: Sie produziert ihrerseits klerikale Häresien.

Bild: © KNA

Der bekannte Theologe Karl Rahner spricht während der Würzburger Synode im Jahr 1972.

Rahner hatte einen Strukturwandel der Kirche gefordert, ihre Öffnung zur Welt, ihre Entklerikalisierung. Er wollte eine charismatische und keine amtliche Kirche; er forderte Seelsorgerinnen und Seelsorger, nicht Bürokraten. Das Gegenteil aber blieb der Fall. Dogmatische Lehrmeinungen mit unumstößlichem Wahrheitsanspruch gelten seit den frühen Konzilien als Instrumente, die die Gestalt kirchlicher Autorität vor Veränderungen schützen sollen. Es kann aber nicht etwas dadurch wahr sein, dass es kirchlicherseits angeordnet wird. Statt die Glaubenslehre beständig weiterzuentwickeln und am Vermittlungsstil Jesu zu schärfen, wird sie mit administrativen Mitteln gegen jedwede Anfrage verteidigt. Eine kirchenamtlich verordnete "Wahrheit" ist aber in sich bereits die Unwahrheit, weil sie den Geist, der wahre Einsicht schenken könnte, mutwillig zerstört aus Angst, von ihm selbst zerstört zu werden. Was bleibt, ist eine Position der Macht, die umso grandioser nach außen sich gebärden muss, als sie im Inneren hohl geworden ist. Hier zeigen sich die massiven Grenzen kirchlicher Kommunikations- und Dialogfähigkeit.

Gegenseitige Immunisierungsstrategien

Während der kryptogame Häretiker so tut, als ob er noch glaube, diktiert der klerikale Häretiker qua Amt, was einzig und allein zu glauben sei. Beispiel für eine klerikale Häresie ist die gängige Argumentation gegen die Weihe von Frauen zu Priesterinnen. Zum Geheimnis von Schöpfung und Erlösung gehöre, dass Jesus ein Mann war, lautet die Behauptung. Deshalb könne der Priester, der "in persona Christi" handle, keine Frau sein. Jesus stelle sich im Evangelium eindeutig als der "Bräutigam" vor, Maria dagegen sei das Urbild der Kirche und die Kirche insgesamt "Braut Christi". Symboltheologisch wird hier eine Version von "Kirche" kreiert, die biblisch durch nichts gestützt werden kann. Dass Frauen in der Kirche ausgegrenzt worden seien und Unterdrückung erfahren hätten, bedauern selbst Bischöfe. Dies sei eine "Sünde der Kirche", das Verbot der Frauenordination aber "lehramtlich geklärt".

Widersprüche dieser Art erzeugen Inkongruenzen zwischen "Klerus" und "Volk". Die aber werden weiterhin notorisch ausgeblendet, ignoriert oder verdrängt und produzieren so unablässig massiver werdende Störungen. Klerikale wie kryptogame Häresien — beide — resultieren aus diffusen Verlustängsten und sind im Grunde Immunisierungsstrategien. Sie verbergen mehr als sie eröffnen. Sie vermeiden eine offene Auseinandersetzung mit Inhalten und Positionen. Sie ersetzen die für eine vitale Kirchenbindung und ein Glaubensleben nötigen Kräfte und Phantasien durch ein Schleifen an der je eigenen Selbstbehauptung. Die Energien für einen Neuaufbruch liegen längst verschüttet in der windstillen Mitte standesüblicher Selbstreferenz.

Langfristig müssen beide Häresien dazu führen, dass dem "sensus fidelium", dem Glaubenssinn der Gläubigen, die Luft ausgeht. Ein Angst verdrängender Dogmatismus liefert den schonungslosen Beweis für die Sterilität einer nahezu resonanzlos gewordenen kirchlichen Gesprächskultur. Diese Kommunikationsform von Kirche ist definitiv am Ende. Für den Rückgewinn von Glaubwürdigkeit und Vertrauen braucht es neue Sozial- und Präsentationsformen des Christlichen —, wenn es eine Kirche geben soll, die auch morgen noch eine gesellschaftlich relevante Angebotsgröße christlicher Orientierung sein will.

Von Ludger Verst

Der Autor

Ludger Verst ist Theologe, Berater, Publizist und Lehrbeauftragter im Institut für Pastoralpsychologie und Spiritualität der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main.