Impuls von Schwester Johanna Domek
Wenn Jesus sagt: "Mein Vater wird dadurch verherrlicht, dass ihr reiche Frucht bringt und meine Jünger werdet", ist damit nichts gemeint, was einmal anfängt und irgendwann einmal aufhört. Das ist kein zeitlich begrenzter oder absehbarer Prozess. Das ist eine bleibende Geschichte, Christen bleiben immer Menschen, Christen im Werden. Nie sind sie fertig, ständig bleiben sie Werdende. Nie hören sie auf, im Sinne Jesu zu wachsen und zu reifen.
Was das bedeutet, zeigt die Bildrede Jesu vom Weinstock. Christwerden ist nichts, das ich mir aneigne, sondern etwas, in das ich hineingenommen werde, wie ein Rebzweig im Weinstock. Es ist nichts, das ich mache, sondern etwas, das ich mitmache. Anschaulich zeigt das eine Buchmalerei, die sich unter den 316 Miniaturen im sogenannten Stuttgarter Psalter findet (9. Jahrhundert). Sie findet sich im Psalm 49, der die Vergänglichkeit des Lebens und den Tod thematisiert. Gegen Ende des Textes heißt es da: "Doch Gott wird mich loskaufen aus dem Reich des Todes, ja, er nimmt mich auf." (Ps 49,16) Die Miniatur zeigt auf zweifache Weise, wie Gott mich aufnimmt. Sie ist eines meiner liebsten Osterbilder geworden.
In der Mitte des Bildes gehen drei Frauen, Gefäße mit Salböl in den Händen, zum Grab, um den Leichnam Jesu zu salben. Aber der sitzt links lebendig auf dem Grabhügel, schaut sie an und streckt ihnen seine leeren Hände entgegen. Alles hat er aus der Hand gelegt, selbst das Evangelium, das in seinem Schoß liegt, um die Hände ganz frei zu haben. So nimmt Gott auf, sagt uns das Bild. Die Frauen werden bald auch aus der Hand legen, was sie tragen, damit sie die Hände freihaben.
Auf der rechten Seite des Bildes steht der Weinstock, von dem Jesus spricht, ein Bild vom Wachsen. Ich wachse gegründet, verwurzelt und hineingenommen in Christus. Aus dieser Wurzel schöpft mein Werden unablässig Lebenskraft. Christus wächst in mir. Ich brauche ihn zum Wachsen und Reifen. Er braucht mich zum Früchtebringen hier und heute. "Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht." (Joh 15,5) Zu solchem Bleiben gehören Treue und Verwurzelung ebenso wie Freiheit und Beweglichkeit.
In einer Obstlandschaft aufgewachsen, habe ich von klein auf in der Ernte geholfen und mir Taschengeld verdient. Da habe ich viel gesehen, was natürlich ist, auch dies: Kein Baum, kein Strauch erntet sich selbst. Im Bild sind schon einige Trauben geerntet und in eine Schale gesammelt, die ein Mensch oder Erntehelfer Gott hinhält. Früchte bringt man immer wieder für andere.
Evangelium nach Johannes (Joh 15,1–8)
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Winzer. Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er ab und jede Rebe, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringt.
Ihr seid schon rein kraft des Wortes, das ich zu euch gesagt habe. Bleibt in mir und ich bleibe in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so auch ihr, wenn ihr nicht in mir bleibt.
Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen. Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen und er verdorrt. Man sammelt die Reben, wirft sie ins Feuer und sie verbrennen.
Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten. Mein Vater wird dadurch verherrlicht, dass ihr reiche Frucht bringt und meine Jünger werdet.
Die Autorin
Sr. Johanna Domek OSB ist seit mehr als 40 Jahren Benediktinerin in Köln-Raderberg, wo sie in der Kurs- und Exerzitienarbeit tätig ist. Darüber hinaus ist sie Beauftragte des Netzwerks alternde Ordensgemeinschaften und hat zahlreiche Publikationen zum Thema Spiritualität veröffentlicht.
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