Wo es in der katholischen Kirche rumort und wie Ortskirchen reagieren
Herausforderungen sind weltweit sehr unterschiedlich

Wo es in der katholischen Kirche rumort und wie Ortskirchen reagieren

Die Kirche hat Probleme – und das nicht nur in Deutschland. Weltweit gibt es Kritik und Umwälzungen, doch auf sehr unterschiedlichen Ebenen: von gesellschaftlichen Spaltungen in den USA bis zu wachsenden Gemeinden in Asien.

Von Alexander Brüggemann (KNA) |  Bonn - 04.06.2021

Um die katholische Weltkirche steht es nicht allzu gut. Die Problemlagen sind nicht überall die gleichen; zumindest regional ähneln sie sich aber, auch wenn die Gewichtung anders sein mag. In Europa ist es mal mehr sexueller Missbrauch (Irland), mal mehr Empörung über das vatikanische Veto zur Segnung von Homosexuellen (Belgien) oder das Thema Frauen und Leitungsämter (Frankreich, Deutschland).

Je "westlicher" das Land, desto mehr bestimmen diese "Ärger-Komplexe" das Bild. In Afrika, Asien und Lateinamerika gibt es ganz andere Sorgen. Wie wirkt sich das Rumoren innerkirchlich und auf die Bedeutung der Kirche in der Gesellschaft aus? Ein Überblick – auch mit Blick auf den nun vom Vatikan angekündigten weltweiten synodalen Prozess.

Nahost: Nach Jahrzehnten von Konflikten, Diskriminierung oder Verfolgung durch Staatsbehörden, Mehrheitsgesellschaften oder Islamismus wandern immer mehr Christen aus dem Nahen Osten ab. Die verbliebenen bewegen sich zwischen Wut über Versagen des Westens und Hoffnung nach Zeichen von Solidarität, etwa der Irak-Reise von Papst Franziskus zu Jahresbeginn.

Afrika: Vom Schwarzen Kontinent ist häufiger – explizit oder zwischen den Zeilen – Kritik an der Aufweichung der kirchlichen Morallehre durch die Amtsbrüder in Europa und Nordamerika zu hören. Genderfragen sind dort viel weniger existenziell als Frieden, Caritas und Armutsbekämpfung, Abgrenzung von Sekten oder die Eindämmung ethnisch-interreligiöser Konflikte.

Lateinamerika: hängt zwischen Baum und Borke. Einerseits werden in westlicher orientierten Ländern wie Chile oder Mexiko kirchliche Missbrauchsskandale in teils großem Ausmaß aufgedeckt. Zugleich schlagen vor allem soziale Nöte gnadenlos zu, noch verstärkt durch die Corona-Pandemie. Bei deren Bekämpfung leidet die Kirche auch unter gravierendem Priester- und Seelsorgermangel und der Abwerbung von Gläubigen durch Sektenkirchen und unseriöse Heilsversprecher.

Bischöfe und Gesellschaft gespalten

USA: Die katholischen US-Bischöfe sind in (kirchen-)politischen Fragen genauso gespalten wie die Gesamtgesellschaft. Viele ordnen dem Thema Abtreibung und Lebensschutz alle anderen moralischen Erwägungen wie Menschenrechte und Migration, Steuergerechtigkeit, Waffenfreiheit, Lüge und Wahrheit in der politischen Kultur etc. unter. Synodale Experimente wie in Deutschland werden eher beargwöhnt als begrüßt.

Asien: Hier machen in vielen Ländern religiöse Minderheitensituation bzw. fehlende Meinungs- oder Religionsfreiheit auch der Kirche zu schaffen. Westliche bzw. europäische "Luxusprobleme" rücken da eher in den Hintergrund. Asien mit seinen vielfach sehr andersartigen Kulturen ist derzeit der wichtigste Wachstumsmarkt der Kirche. In Indien etwa strömen ihr aufgrund des Versprechens christlicher Geschwisterlichkeit vor allem gesellschaftlich Benachteiligte zu – und fordern ihrerseits verstärkt Mitsprache und Ämter.

Blick auf einen umzäunten Rasen im irischen Städtchen Tuam.

In Tuam wurde vor über 30 Jahren ein Massengrab mit 800 Kinderleichen gefunden worden. Sie waren Kinder lediger Mütter, die in einem von katholischen Ordensschwestern geführten Heim lebten.

Irland: Das Ausmaß von sexuellem und geistlichem Missbrauch im Bereich von Kirchen und Ordenshäusern im 20. Jahrhundert, der Skandal um tote Babys in den sogenannten Magdalenenheimen für ledige Mütter: Dies alles hat im einst tiefkatholischen Irland für einen regelrechten Lawinenabgang an Glaubenspraxis gesorgt; die Felle schwimmen weg. Die irischen Bischöfe haben die Einberufung einer Nationalsynode binnen fünf Jahren angekündigt; vorbereitend soll es einen "synodalen Weg" ("synodal pathway") geben. Ähnliche Erosionen gibt es im "katholischen" Spanien.

Frankreich: Nach den Missbrauchsskandalen und dem Prozess gegen den Lyoner Kardinal Philippe Barbarin kandidierte öffentlichkeitswirksam eine Frau für seinen Posten. Sie kam zwar natürlich nicht zum Zug – aber in Rom ist sehr wohl angekommen, dass über den sehr präsenten konservativen Kirchenflügel in Frankreich hinaus auch weiter reformorientierte Laien aktiv sind.

Scham für die Kirche

Belgien: Antwerpens Bischof Johan Bonny ist derzeit der Wortführer verärgerter Bischöfe in Belgien, die das vatikanische Verbot der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare ablehnen. Er schäme sich für seine Kirche und sei wütend, so Bonny in seltener Offenheit; "wir belgischen Bischöfe sagen: 'genug ist genug!'". Nach seinen Angaben verlassen derzeit viele Bürger die Kirche, beantragen die Löschung ihres Taufeintrags in den Registern der Diözesen. Auch die erheblichen Missbrauchsskandale im Land dürften dabei ihre Spuren hinterlassen haben.

Polen und Mitteleuropa: Kirchenführer der Länder jenseits des früheren Eisernen Vorhangs fremdeln noch mit der Gegenwart. Traditionalismus, der in der sozialistischen Verfolgungszeit als sozialer Kitt fungierte, reicht als Angebot in der Postwende-Ära nicht mehr aus. Noch tut sie sich aber schwer, neue Wege in einer zunehmend pluralistischen Gesellschaft zu beschreiten. In "katholischen" Ländern wie Polen oder der Slowakei droht eine Implosion des Katholischen – zumal auch dort verschüttete Missbrauchsfälle allmählich nach oben drängen.

Australien: Down under plant die katholische Kirche schon lange ihr erstes sogenanntes Plenarkonzil seit über 80 Jahren. Schon im März 2018 gab Papst Franziskus Grünes Licht dafür. Doch nicht zuletzt die Corona-Pandemie machte einen dicken Strich durch die Rechnung. Der Organisator, Erzbischof Mark Coleridge von Brisbane, formulierte nach den dortigen Missbrauchsskandalen: Die Kirche wolle in einer "Zeit signifikanter Herausforderungen offen, zuhörend, dialogisch und einsichtig" über ihre Zukunft beraten. Damit soll es nun bald endlich losgehen.

Von Alexander Brüggemann (KNA)