Jerome E. Listecki, Erzbischof von Milwaukee
Missbrauchsuntersuchung richte sich einseitig gegen katholische Kirche

Erzbistum Milwaukee: Keine umfassende Akteneinsicht für Staatsanwalt

Der Generalstaatsanwalt von Wisconsin will Missbrauchs-Akten untersuchen – das Erzbistum Milwaukee sieht sich zu Unrecht an den Pranger gestellt und will nur eingeschränkt kooperieren. Unter den Akten könnte auch ein prominenter deutscher Fall sein.

Milwaukee - 04.06.2021

Die Erzdiözese Milwaukee will dem Generalstaatsanwalt des US-Bundesstaats Wisconsin keine Akteneinsicht in historische Akten zu Missbrauchstaten durch Kleriker gewähren. In einer nun veröffentlichten, und am Dienstag per E-Mail verschickten Botschaft an sein Bistum teilte Erzbischof Jerome E. Listecki mit, dass er Bedenken zur Rechtmäßigkeit der Untersuchung habe. "Es bestehen erhebliche Zweifel, dass der Generalstaatsanwalt die rechtliche Befugnis hat, eine solche Untersuchung durchzuführen", so Listecki.

"Wir haben berechtigte Bedenken, dass seine Untersuchung direkt nur auf die katholische Kirche abzielt. Wir haben unsere Vorgeschichte akzeptiert und so wachsam gearbeitet, um zu korrigieren, wie die Dinge gehandhabt werden, aber es ist die Kirche, die ständig ins Visier genommen wird", heißt es in dem Schreiben weiter. Zwar seien in der Vergangenheit Fehler gemacht worden, die Kirche heute sei aber ein Vorbild dafür, wie man mit Missbrauch umgehen müsse. Keine gesellschaftliche Institution habe in der vergangenen 20 Jahren mehr gegen Kindesmissbrauch getan als die katholische Kirche, betont der Erzbischof. Laut Listecki hätten sich Mitarbeiter des Bistums bereits mit dem Generalstaatsanwalt getroffen, um eine Zusammenarbeit im Rahmen der Gesetze zu erörtern.

Generalstaatsanwalt Josh Kaul hatte im April angekündigt, eine neue Untersuchung von Missbrauch durch Kleriker anzustrengen. Dazu sollen Unterlagen von Diözesen und Orden gesichtet und Zeugenaussagen aufgenommen werden. Gegenüber dem Radiosender "Wisconsin Public Radio" (WPR) sagte die Sprecherin der Erzdiözese am Donnerstag, dass Kauls Forderungen zu weitreichend seien. Für die Bereitstellung der gewünschten Dokumente würden Dutzende Mitarbeiter benötigt und Kosten im sechsstelligen Bereich entstehen. Außerdem bezweifle die Erzdiözese die Zuständigkeit des Generalstaatsanwalts des Bundesstaats, da es keinen Vorwurf eines den ganzen Staat betreffenden Verbrechens gebe. Zuständig wären daher die Bezirksstaatsanwälte. In Wisconsin gibt es insgesamt fünf Diözesen.

Möglicherweise auch Kentenich-Akten betroffen

Anstelle der Forderungen nach umfassender historischer Akteneinsicht habe das Bistum angeboten, Informationen zu eventuellen aktuellen Vorwürfen zur Verfügung zu stellen, so die Sprecherin. Der Generalstaatsanwalt zeigte sich gegenüber WPR enttäuscht über die ablehnende Haltung der Erzdiözese. "Unsere unabhängige, landesweite Untersuchung des Missbrauchs durch Geistliche und kirchliche Führungskräfte soll ein gewisses Maß an Rechenschaftspflicht und die Möglichkeit zur Heilung bieten und dazu beitragen, künftige Fälle von Missbrauch zu verhindern", so Kaul.

In der Erzdiözese wurde 1994 auch der Gründer der Schönstatt-Bewegung, Pater Josef Kentenich, belastet, wie im März bekannt wurde. Dabei geht es um den Vorwurf sexuellen Missbrauchs in den Jahren 1958 bis 1962. Das Erzbistum hat laut Schönstatt bereits 1997 die entsprechenden Akten dem Bistum Trier im Rahmen des Seligsprechungsprozesses für Kentenich zur Verfügung gestellt. Der Trierer Bischof Stephan Ackermann kündigte im März an, dass diese Akten nun erneut geprüft würden. Das zuständige Kirchengericht in Milwaukee hatte nach Prüfung keinen Anlass gesehen, die Sache weiter zu verfolgen..

Ein Bericht des Senats des Staats Wisconsin kam 2003 zu dem Ergebnis, dass es gegen 58 Priester des Erzbistums Missbrauchsvorwürfe gebe. Der ehemalige Erzbischof Rembert Weakland (1977–2002) gab zu, geständige Täter wieder in der Seelsorge eingesetzt zu haben. Das Bistum, zu dem etwa 600.000 Katholiken gehören, musste 2011 Insolvenz anmelden, nachdem etwa 550 Betroffene Forderungen gestellt hatten. Insgesamt wurden laut Erzbistum mehr als 50 Millionen US-Dollar an direkten Zahlungen an Betroffene geleistet. (fxn)

Vorwurf sexuellen Missbrauchs gegen Josef Kentenich präzisiert, 7. Juni 2021.