Junge Frauen in der Berufsschule
Augsburger Pastoralreferent über Studierendenpastoral während Corona

Hochschulseelsorger: Wir veranstalten keinen Katechismusunterricht

Masken, Abstandsregeln und digitale Veranstaltungen: Die Corona-Pandemie ist eine Herausforderung für die gesamte Gesellschaft. Im katholisch.de-Interview erklärt Hochschulseelsorger Michael Rösch, wie Studierende von der Krise betroffen sind – und was Pastoral auf dem Uni-Campus ausmacht.

Von Roland Müller |  Augsburg - 09.06.2021

Auch wenn es derzeit vielerorts wieder zu Lockerungen bei den Corona-Regeln kommt: Die Pandemie bleibt eine Herausforderung für alle Bereiche der Gesellschaft. Die Einschränkungen treffen unter anderem die Studierenden hart. Welche Gruppen hierbei besonders betroffen sind, weiß Pastoralreferent Michael Rösch. Der Theologe arbeitet als Seelsorger in der Katholischen Hochschulgemeinde Augsburg. Im Interview erklärt er, was bei der Hochschulpastoral wichtig ist – auch über die Corona-Krise hinaus.

Frage: Herr Rösch, das Coronavirus hat die Welt seit mehr als einem Jahr nun fest im Griff. Wie ist die Situation an den Universitäten und Hochschulen?

Rösch: Die Auswirkungen sind fatal. Das merkt man am deutlichsten bei Studierenden im ersten bis zum dritten Semester, also den Studienanfängen, die ihre Universität oder Hochschule bislang fast nur online kennengelernt haben. Die Krise betrifft die Lehrveranstaltungen, aber noch viel mehr das universitäre Leben – also all das, was zum Studium dazugehört: neue Freunde finden, soziale Kontakte aufbauen und sich von den Eltern abnabeln. Denn das Studium ist für viele junge Menschen der Schritt in ein eigenständiges Leben, mit eigenem WG- oder Wohnheimzimmer und der Verantwortung für sich selbst. Das ist zum Großteil wegen Corona weggefallen und viele bleiben zuhause bei ihren Eltern. Auch der soziale Austausch in einer Lerngruppe oder beim abendlichen Bier ist derzeit meist nicht möglich.

Frage: Was macht das mit den Studierenden?

Rösch: Wenn sie einfach in ihrem gewohnten Umfeld bleiben, können Sie ihren Horizont nur bedingt erweitern. Lehrveranstaltungen und das Verständnis vom Studium nehme ich zudem als besonders verschult wahr. Die Qualität der Lehre in Vorlesungen und Seminaren leidet auch darunter. Es gibt kaum noch einen kritischen Austausch untereinander oder Diskussionen, die ja eigentlich das Studium ausmachen. Die Breite des Uni-Lebens leidet stark unter der Pandemie.

Frage: Experten warnen davor, dass die Pandemie bei vielen Menschen zu psychischen Erkrankungen führt oder führen wird. Nehmen Sie die Situation ähnlich wahr?

Rösch: Ja, das muss ich leider bestätigen. Ich nehme in Augsburg wahr, dass die psychische Belastung für die Studierenden deutlich zugenommen hat und der Bedarf an entsprechender Beratung und Hilfe gewachsen ist. In seelsorglichen Gesprächen verweise ich regelmäßig auf psychologische Beratungsstellen. Bei einigen Studierenden, die schon vor Corona unter Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen litten, hat sich die Situation deutlich verschärft. Suizidversuche haben zugenommen. Auch viele Studierende, die zuvor psychisch stabil waren, beginnen nun krank zu werden. Meine Kolleginnen und Kollegen und ich gehen zudem von einer hohen Dunkelziffer aus.

Frage: Welche Studierende betrifft das besonders?

Rösch: Zum einen ausländische Studierende, die sich aktuell sehr einsam fühlen. Aber auch junge Menschen, bei denen es wegen der Krise finanziell sehr eng wird, weil etwa ihre Nebenjobs in der Gastronomie oder ähnlichen Branchen wegfallen sind. Einige sind darauf angewiesen, zu arbeiten. Es gibt zwar staatliche Corona-Hilfen für Studierende, die sind aber bei weitem nicht ausreichend. Diese Studierende sind einer doppelten Belastung ausgesetzt: Sie müssen die Prüfungen erfolgreich absolvieren, bangen aber gleichzeitig um ihre finanzielle Situation. Ich habe das Gefühl, dass Studierende derzeit kaum eine Lobby in der Politik haben. Es wird für selbstverständlich gehalten, dass alle Präsenzveranstaltungen ausfallen. Dabei bleiben wichtige Erfahrungen in der Phase des Heranwachsens und des Studiums auf der Strecke.

Michael Rösch von der KHG Augsburg
Bild: © Annette Zoepf

Michael Rösch ist Pastoralreferent und Seelsorger in der Katholischen Hochschulgemeinde Augsburg.

Frage: Wie läuft in der Pandemie der Kontakt zu den Studierenden? Denn Präsenzveranstaltungen, Gottesdienste oder Treffen finden derzeit sicherlich nur wenige statt, oder?

Rösch: Das ist im Moment die größte Herausforderung. Normalerweise sind wir Hochschulseelsorger viel auf dem Campus und bei den Veranstaltungen der Hochschulen präsent. So kommen wir mit den Studierenden in Kontakt. Da jeder derzeit nur noch zuhause vor dem Laptop sitzt, ist es sehr schwierig, neue Studierende auf die Angebote und Beteiligungsmöglichkeiten der Hochschulgemeinden aufmerksam zu machen. Wir sind natürlich weiterhin für sie da. Es gibt trotz der Pandemie auch immer noch die Mund-zu-Mund-Propaganda: Wenn ein Studierender etwa merkt, dass es seinem Kommilitonen schlecht geht, gibt er ihm den Tipp, zur Katholischen Hochschulgemeinde (KHG) oder zur Evangelischen Studierendengemeinde (ESG) zu gehen.

Frage: Gibt es in der KHG denn aktuell Treffen in Präsenz?

Rösch: Wir feiern regelmäßig Gottesdienste zusammen und bieten Einzelgespräche sowie Spaziergänge an. Zudem gibt es viele Online-Angebote: Sehr gut wird das Bibelgespräch angenommen, bei dem wir Texte aus der Bibel mit dem eigenen Leben in Bezug bringen. Viele scheuen jedoch digitale Termine, da bereits die ganze Lehre online stattfindet. Neulich sind wir ein kleines Stück des Jakobswegs hier in Augsburg gepilgert, auf dem Studierende unterwegs Impulse per QR-Code abrufen konnten. Präsenzveranstaltungen sind etwas Wertvolles geworden. Wir hoffen, dass in den kommenden Wochen mehr möglich ist und planen bereits an einem Open-Air-Konzert im Juli.

Frage: Wirkt sich Corona auf den Zulauf aus, den die KHG Augsburg hat?

Rösch: Das ist unterschiedlich: Die Seelsorge- und Beratungsgespräche haben zugenommen, aber bei den kulturellen, gemeinschaftlichen und religiösen Angeboten sind die Teilnehmerzahlen zurückgegangen. Im Moment ist zudem eine große digitale Müdigkeit zu spüren. Ich bin mir aber sicher, dass wir bei künftigen Präsenzveranstaltungen wieder regen Zulauf haben werden.

Frage: Gibt es denn auch positive Veränderungen durch Corona?

Rösch: Die Vernetzung unter den Kolleginnen und Kollegen funktioniert durch die Nutzung von Video-Konferenzen noch besser als früher. Das erleichtert den bundesweiten Austausch in der Hochschulpastoral sehr. Außerdem haben wir im vergangenen Jahr im Verbund mit anderen KHGs über ganz Deutschland verteilt ein Pub-Quiz organisiert, an dem Hunderte teilgenommen haben. In diesem Monat gibt es eine Neuauflage dieses Events. Das wäre ohne die Corona-Krise so sicher nicht möglich gewesen. Ein weiteres Beispiel ist unser Protest gegen das neue Hochschulgesetz in Bayern: Die Corona-Krise wurde von der bayerischen Staatsregierung genutzt, um das Gesetz ohne große Debatte und Beteiligung zu verabschieden. Wir konnten uns allerdings online mit anderen Gruppen und Studierendenvertretungen vernetzen.

Frage: Was ist aus Ihrer Sicht die Problematik am geplanten Hochschulgesetz in Bayern?

Rösch: Das Stichwort ist "unternehmerische Universität". Unsere Sorge ist, dass der Staat sich mehr zurückzieht und die Hochschulen von Drittmittelgebern aus der Wirtschaft abhängig sind. Dadurch ist die freie Bildung gefährdet. Außerdem lässt Bayern weiterhin keine verfasste Studierendenschaft zu, wie dies in allen anderen Bundesländern üblich ist. Doch es formiert sich deutlicher Gegenwind: Es gibt zahlreiche Petitionen, darunter eine von über 1.000 Professorinnen und Professoren. Daneben haben alle katholischen Hochschulgemeinden in Bayern ein Positionspapier für eine frei zugängliche Hochschulbildung und gegen die Ökonomisierung der Universitäten verabschiedet. Unter www.hochschulgemeinden.bayern ist die Stellungnahme einsehbar.

KHG Augsburg
Bild: © KHG Augsburg

Die Katholische Hochschulgemeinde Augsburg setzt sich für die Rechte von Geflüchteten ein.

Frage: Gehört ein kritischer Blick auf Uni sowie auf Politik und Kirche zur Hochschulpastoral dazu?

Rösch: Auf jeden Fall. Einmal in der Woche treffen sich bei uns Studierende und Hauptamtliche im Sprecherrat der KHG und legen gemeinsam fest, mit welchen Themen wir uns beschäftigen. Dabei geht es sowohl um politisch-gesellschaftliche Inhalte als auch Glaubens- und kirchliche Themen. Meine feste Überzeugung ist, dass man beides ohnehin nicht voneinander trennen kann. Denn wenn man zu etwas schweigt, ist das trotzdem eine Aussage. Deshalb haben wir uns in der KHG Augsburg für die Kampagne "Leave no one behind" eingesetzt, also für die Rechte von Geflüchteten. Großen Zuspruch hat eine Diskussionsveranstaltung zu Frauen in der Kirche erhalten, zu der Vertreterinnen von "Maria 1.0" und "Maria 2.0" eingeladen waren. Wir möchten dabei nicht vorgeben, wie unsere Studierenden denken sollen, sondern eine Plattform zur eigenen Meinungsfindung sein. Also keinen Katechismusunterricht veranstalten, sondern dazu ermutigen, seinen Glauben im Hier und Jetzt in Gemeinschaft zu leben.

Frage: Die Kirche befindet sich in einer Umbruchsituation, in der Viele tiefgreifende Reformen fordern. Es brodelt in der Kirche. Nehmen Sie das auch bei den Studierenden in der KHG wahr?

Rösch: Von den Studierenden höre ich oft, dass ihnen die Kirche sehr am Herzen liegt, sie aber einige Punkte sehr stören, an denen Änderungen geschehen sollten. Eine offene Diskussion ist bei uns stets möglich. Einige suchen die Kirche und auch die KHG gar nicht mehr auf. Sie meinen, dass auch wir eine besonders restriktive Meinung vertreten würden, so wie die Kirche öffentlich oft wahrgenommen wird. Das ist sehr schade, denn die Menschen, die mit diesen Themen ringen, haben noch Interesse an Glauben und Kirche.  Wir versuchen als KHG stets, mit außerkirchlichen Gruppen zusammenzuarbeiten. Wir wollen aus unserer Kirchenblase heraus und nach außen signalisieren, dass wir als katholische Kirche und speziell als KHG sehr plural sind.

Frage: Richtet sich die Hochschulpastoral eher an Theologiestudierende oder ist die Zielgruppe weiter gefasst?

Rösch: Wir haben einige Theologiestudierende, die regelmäßig zu uns in die KHG kommen. Sie stellen aber bei weitem nicht die Mehrheit. Unsere Aktiven sind auf alle Fächer verteilt: Lehramt, BWL, Jura, Umweltwissenschaften oder Ingenieurswesen... Diese breite Vielfalt führt zu interessanten Diskussionen, denn die Studierenden bringen den jeweiligen Blick ihrer Fächer ein. Wir Hochschulseelsorger wollen mit dem Vorurteil aufräumen, nur ein Anlaufpunkt für Theologinnen und Theologen zu sein: Wir sind offene Kirche am Campus – ganz weit gedacht, auch für Zweifelnde.

Frage: Bezieht sich diese Weite auch auf die ökumenische Zusammenarbeit?

Rösch: Genau. Ich finde eher, dass man gut begründen muss, wenn nicht ökumenisch gedacht und gehandelt wird. Wir stehen fast täglich in einem engen Austausch mit den evangelischen Kolleginnen und Kollegen der ESG. Dazu gehört auch die interreligiöse Vernetzung: Es gibt zwar keine jüdischen oder muslimischen Hochschulgruppen in Augsburg, aber über die Plattform des "Jungen Dialogs der Religionen" finden regelmäßig gemeinsame Veranstaltungen mit religiösen Verbänden statt.

Von Roland Müller