Pater Philipp König über das Sonntagsevangelium

Der schlafende Jesus: "Herr, sind wir dir egal?"

Der schlafende Jesus: "Herr, sind wir dir egal?"
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Impuls von Pater Philipp König

Es ist nicht schwer, sich in die Lage der Jünger im Boot hineinzuversetzen: der tobende Sturm, die bedrohlichen Wellen, die Angst vor dem Untergang. Mir kommen Menschen in den Sinn, denen das Wasser bis zum Hals steht, die alles verloren haben und ohne Hoffnung sind. Auch viele Getaufte kommen sich in unserer Kirche vor wie in einem sinkenden Schiff kurz vor dem Versinken.

Jesus schläft. Es ist die einzige Stelle im Evangelium, in der wir Jesus schlafen sehen. Soll es ihm tatsächlich egal sein, was mit seinen Freunden passiert? Soll es ihm egal sein, was mit uns passiert? Für den Kirchenvater Johannes Chrysostomus (+407) war klar: Jesus will seinen Jüngern eine besondere Lektion erteilen, die aus drei Punkten besteht:

Zunächst sollten die Jünger lernen, sich nichts darauf einzubilden, wer sie waren: "Damit sie nämlich nicht eitel würden, weil Jesus die anderen Leute fortgeschickt, sie aber bei sich behalten hatte, deshalb erlaubte er, dass der Sturm kam."

Dann sollten sie für kommende Anfechtungen vorbereitet sein: "Zuerst musste es dahin kommen, dass sie schon den Tod erwarteten, dann erst wurden sie befreit! (…) Es ist eben nicht das gleiche, ob man etwas bei jemand anderem geschehen sieht oder es am eigenen Leibe erfährt."

Schließlich sollten die Jünger einen noch größeren Glauben lernen, nämlich daran, dass Jesus auch dann noch mächtig ist, wenn er schläft: "Dass er dem Meer gebieten kann, wenn er wach war, das wussten die Jünger. Dass er es aber auch im Schlaf tun konnte, das wussten sie noch nicht." (Matthäushomilien 28,8)

Es braucht in der Tat einen großen Glauben, um darauf zu vertrauen, dass Jesus uns auch dann noch retten wird, wenn man denkt, alles sei verloren. Dass er handelt, selbst wenn er schläft. Es ist die Erfahrung von Ohnmacht, das Gefühl von Hilflosigkeit, im Letzten die Angst vor dem Tod, die uns provoziert, alles auf eine Karte zu setzen.

Soll der vielfach beschworene "tote Punkt" – sei es nun im persönlichen Leben, in der Kirche oder in der Gesellschaft – am Ende doch die Einladung sein, in eine neue und tiefere Dimension unseres Glaubens an Jesus einzutreten? Ein Glaube, der sich nicht mit Plattitüden abgibt, sondern uns ganz existentiell betrifft? Ein Glaube, der vor Gott wirklich Klartext redet, die eigenen Zweifel und (Todes-)Ängste ohne Umschweife ausspricht, ja sogar vor ihm hinausschreit?

Vor etwas über einem Jahr, am 27. März 2020, hielt Papst Franziskus auf dem menschenleeren Petersplatz einen ganz besonderen Gottesdienst anlässlich der Corona-Pandemie. Für mich bisher einer der stärksten Momente seines Pontifikats. In seiner Predigt legte der Papst das Evangelium vom Seesturm aus. Er sagte:

"Schauen wir, wie die Jünger Jesus anrufen: 'Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?' Kümmert es dich nicht: Sie denken, dass Jesus sich nicht für sie interessiert. Im zwischenmenschlichen Bereich ist das eine der Erfahrungen, die am meisten weh tun, wenn einer zum anderen sagt: 'Bin ich dir egal?' Das wird auch Jesus erschüttert haben. Denn niemand sorgt sich mehr um uns als er! In der Tat: Als sie ihn rufen, rettet er seine mutlosen Jünger. (…)

Der Anfang des Glaubens ist das Wissen, dass wir erlösungsbedürftig sind. Wir sind nicht unabhängig, allein gehen wir unter. Wir brauchen den Herrn so wie die alten Seefahrer die Sterne. Laden wir Jesus in die Boote unseres Lebens ein. Übergeben wir ihm unsere Ängste, damit er sie überwinde. Wie die Jünger werden wir erleben, dass wir mit ihm an Bord keinen Schiffbruch erleiden. Denn das ist Gottes Stärke: alles, was uns widerfährt, zum Guten zu wenden, auch die schlechten Dinge. Er bringt Ruhe in unsere Stürme, denn mit Gott geht das Leben nie zugrunde. (…) Den Herrn umarmen, um die Hoffnung zu umarmen – das ist die Stärke des Glaubens, der uns von der Angst befreit und uns Hoffnung gibt."

P. Philipp König OP

Aus dem Evangelium nach Markus (Mk 4,35–41)

An jenem Tag, als es Abend geworden war, sagte Jesus zu seinen Jüngern: Wir wollen ans andere Ufer hinüberfahren. Sie schickten die Leute fort und fuhren mit ihm in dem Boot, in dem er saß, weg; und andere Boote begleiteten ihn.

Plötzlich erhob sich ein heftiger Wirbelsturm und die Wellen schlugen in das Boot, sodass es sich mit Wasser zu füllen begann. Er aber lag hinten im Boot auf einem Kissen und schlief.

Sie weckten ihn und riefen: Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen? Da stand er auf, drohte dem Wind und sagte zu dem See: Schweig, sei still! Und der Wind legte sich und es trat völlige Stille ein.

Er sagte zu ihnen: Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?

Da ergriff sie große Furcht und sie sagten zueinander: Wer ist denn dieser, dass ihm sogar der Wind und das Meer gehorchen?

Der Autor

Pater Philipp König gehört dem Dominikanerorden an und arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Patristik und Antikes Christentum an der Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt/Main. Außerdem ist er als Postulatsleiter in der Ordensausbildung tätig.

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