Rio 2013
Wie wirken sich die Entwicklungen auf die katholische Kirche aus?

Christentum global: Was ein Blick auf Statistiken und Prognosen verrät

Während sich das Christentum vor allem in Europa auf dem Rückzug befindet, sieht der globale Trend anders aus. Dass die Welt den Zahlen nach immer "christlicher" wird, liegt allerdings nur bedingt an der katholischen Kirche. Ein Blick auf Statistiken, Prognosen und deren Auswirkungen.

Von Matthias Altmann |  Bonn - 21.06.2021

Betrachtet man die Kirchen in Deutschland, sind die Zahlen ernüchternd bis bedrückend. Ende 2019 gehörten noch 22,6 Millionen Menschen der katholischen und 20,7 Millionen Menschen der evangelischen Kirche an. Umgerechnet auf die Gesamtbevölkerung ergibt das einen Anteil von 27,2 Prozent beziehungsweise 24,9 Prozent. Insgesamt gehörten 2019 also noch 52,1 Prozent der Deutschen einer der beiden "großen" Kirchen an. In den kommenden Wochen werden die Daten für das Jahr 2020 veröffentlicht, die vermutlich einen weiteren rapiden Rückgang der Zahlen aufzeigen werden. Zum Vergleich: 1990, als erstmals die vielen ungetauften ehemaligen DDR-Bürger in die Statistik einflossen, lag der Christenanteil noch bei rund 70 Prozent. Allein seither sind die Mitgliedszahlen der Kirchen in Deutschland um 15 Millionen gesunken – sechs Millionen auf Seiten der Katholiken, neun Millionen auf Seiten der Protestanten. Die wichtigsten Gründe: Austritte, der Tod von Personen mit hoher Kirchenbindung sowie rückläufige Taufquoten.

Auch wenn das Ausmaß (noch) nicht ganz so dramatisch ist: Was für Deutschland gilt, lässt sich ebenso für ganz Europa aussagen. Momentan wird die Gesamtzahl der Christen in Europa auf rund 550 Millionen geschätzt. Umfragen und Erhebungen legen aber nahe, dass die christliche Bindung der Europäer immer weiter nachlässt. Der "Eurobarometer" kam 2015 zu dem Ergebnis, dass der Anteil der Christen in den EU-Ländern derzeit bei 72 Prozent liegt (45 Prozent Katholiken, elf Prozent Protestanten, zehn Prozent Orthodoxe, sechs Prozent Andere). Das renommierte "Pew Research Center" taxierte den Anteil der Christen in Europa 2015 noch auf etwa 74 Prozent, erwartet jedoch bis zum Jahr 2050 einen Rückgang um rund 100 Millionen auf 454 Millionen – und das, obwohl die europäische Bevölkerung UN-Schätzungen zufolge insgesamt "nur" um rund 35 Millionen Menschen schrumpfen wird. Das entspräche dann zusammengerechnet einem Anteil von noch zirka 65 Prozent.

Säkularer werdendes Europa

Die einstmalig christlichen Länder Europas werden immer säkularer: Der Trend, der momentan besonders Deutschland trifft, ist beispielsweise in den Niederlanden, in Belgien so wie in Frankreich schon vor einigen Jahrzehnten eingetreten. Dort spielen die Kirche und der Glaube nur noch eine marginale Rolle im gesellschaftlichen Leben. Diese Entwicklung greift inzwischen auch auf traditionell katholische "Bastionen" wie Italien, Spanien oder Polen über. So bezeichnen sich etwa auf der Apenninenhalbinsel einer kürzlich veröffentlichten Studie inzwischen 30 Prozent der Bevölkerung als Atheisten.

Eine Kirchentür mit der Aufschrift "Ausgang".

In Europa sinkt die Zahl der Christen seit Jahren zunehmend – und wird das auch künftig tun.

Während sich die Lage in Europa in den kommenden Jahren aller Voraussicht nach weiter verschärfen wird, sieht der weltweite Trend in Sachen Zugehörigkeit zu einer christlichen Konfession ganz anders aus. Mehreren statistischen Erhebungen zufolge liegt die Zahl der Menschen, die sich zum Christentum bekennen, aktuell bei rund 2,5 Milliarden. Demnach ist ungefähr jeder dritte Erdenbürger ein Christ. Experten rechnen vor, dass die Zahl der Christen bis 2050 auf über drei Milliarden Menschen anwachsen könnte. Damit läge das prozentuale Wachstum sogar leicht über dem erwarteten Anstieg der ganzen Weltbevölkerung.

Die Zahl der Christen steigt weltweit an, während sie in Europa schrumpft – das bedeutet, dass sich die Gewichte deutlich verschieben. Lebten 1910 zwei Drittel der Christen in Europa, ist es heute nur noch etwa ein Viertel. 37 Prozent der Christen leben dagegen heute in Lateinamerika, 24 Prozent in Afrika und 13 Prozent in Asien und der Pazifik-Region. Am stärksten gewachsen ist der Anteil der Christen in Afrika südlich der Sahara: 1910 waren dort nur neun Prozent der Bevölkerung Anhänger des Christentums, heute sind es 63 Prozent.

Katholische Kirche seit Jahren stabil

Wie ist in Anbetracht dieser Entwicklungen die weltweite Lage in der katholischen Kirche? Gemäß den Daten, die das zentrale kirchliche Statistikbüro für 2019 veröffentlicht hat, sind etwas mehr als 1,3 Milliarden Menschen weltweit Katholiken. Der Anteil an der Weltbevölkerung liegt bei etwa 17,7 Prozent. Blickt man auf die vergangenen Jahrzehnte, so fällt auf, dass sich diese Zahl einigermaßen konstant zwischen 17 und 18 Prozent bewegt. So war es bereits 1970, als die weltweite Zahl der Katholiken bei rund 654 Millionen lag – bei einer damaligen globalen Gesamtzahl von 3,7 Milliarden Menschen. Die katholische Kirche wächst also auf einem ähnlichen Niveau wie die Weltbevölkerung.

Doch auch in der katholischen Kirche verschieben sich die kontinentalen Gewichte zunehmend. Um 1900 lebten zwei Drittel der Katholiken in Europa, ein Viertel auf dem amerikanischen Kontinent, ein Prozent in Afrika sowie fünf Prozent in Asien und Ozeanien. Inzwischen wurde Europa an der Spitze abgelöst: Mit einem Anteil von 48 Prozent leben die meisten Katholiken auf dem amerikanischen Kontinent. Europa liegt aktuell noch auf Platz 2 (22 Prozent), droht aber demnächst von Afrika (18 Prozent) überholt zu werden. Die Katholiken in Asien und Ozeanien machen mittlerweile 12 Prozent der katholischen Weltbevölkerung aus. Der Katholizismus wird also immer weniger europäisch – und auch der deutsche Anteil sinkt zunehmend: Machten die Katholiken in Deutschland vor 70 Jahren noch 4,2 Prozent der gesamten katholischen Kirche aus, sind es heute nur noch 1,8 Prozent.

Die globalen Gewichtsverschiebungen in der katholischen Kirche haben auch Auswirkungen auf die päpstliche Verkündigung, betont Jörg Ernesti.

Diese Entwicklung bleibt nicht ohne Auswirkung auf das globale Erscheinungsbild der Kirche, betont Jörg Ernesti, Professor für Mittlere und neue Kirchengeschichte an der Universität Augsburg. Er beobachtet die konfessionellen Entwicklungen bereits seit mehreren Jahren. Nicht nur, dass es inzwischen immer mehr nicht-europäische Kardinale und natürlich einen südamerikanischen Papst gebe: "Das Ganze bleibt auch nicht ohne Einfluss auf die päpstliche Verkündigung." Ernesti denkt dabei insbesondere an die Enzykliken "Laudato si'" und "Fratelli tutti" von Papst Franziskus. Das Kirchenoberhaupt geißelt den Raubbau an der Natur und massive soziale Missstände. "Wenn man die beiden Texte liest, merkt man: Da nimmt einer eine andere Perspektive als die europäische ein", so Ernesti.

Freikirchen auf dem Vormarsch

Der Anteil der Katholiken an der Weltbevölkerung ist relativ stabil: Dass das Christentum als Ganzes dennoch dynamisch wächst, liegt vor allem an den Freikirchen. Besonders die pfingstkirchlichen und charismatischen Gemeinschaften, die erst nach 1906 entstanden sind, kommen heute schätzungsweise schon auf über 600 Millionen Gläubige – halb so viel wie die katholische Kirche und mehr als die klassischen protestantischen Kirchen zusammengenommen. "Die Menschheit wird also insgesamt christlicher und die Christenheit freikirchlicher", unterstreicht Ernesti. Damit setze sich aber auch eine offensiv-missionarische und zugleich gesellschaftspolitisch konservative Form des Christlichen immer mehr durch: "Freikirchen kennzeichnen sich durch ein exklusives Heilsbewusstsein und liefern einfache Antworten in moralischen Fragen." Vor allem in Lateinamerika sind sie immer stärker auf dem Vormarsch. "Während die katholische Kirche dort Probleme hat, die Pastoral aufrecht zu erhalten, sind die Freikirchen in der Fläche präsent und verfügen über das nötige Geld und Personal. Sicher hilft ihnen auch, dass sie nicht zentralistisch organisiert sind", so Ernesti.

Derweil gehen Experten davon aus, dass die Zahl der Kirchenmitglieder in Deutschland weiter dramatisch sinken wird – bis 2060 sogar um knapp die Hälfte. In knapp 40 Jahren würden dann nur noch 22,7 Millionen Christen in Deutschland leben. Doch Panik machte sich nicht breit, als diese Studie des Forschungszentrums Generationenverträge an der Albert-Ludwig-Universität Freiburg vor zwei Jahren veröffentlicht wurde. Man werde die eigene Arbeit auf die "daraus resultierenden pastoralen Erfordernisse" ausrichten, sagte der damalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx. Und er fügte hinzu: "In der Kirche geht es immer darum, das Evangelium weiter zu sagen, auch unter veränderten Bedingungen. Für mich ist die Studie auch ein Aufruf zur Mission."

Von Matthias Altmann