Kolumne: Mein Religionsunterricht

Corona hat kreative Formen befördert, Schulleistungen zu beurteilen

Aktualisiert am 16.07.2021  –  Lesedauer: 

Kusel/Bonn ‐ Gewöhnlich ist die Klassenarbeit die häufigste Form des Leistungsnachweises in der Schule. Wegen Corona ließ sie sich oft nicht umsetzen. Das hat auch seine gute Seite, schreibt Maximilian Golumbeck – so würden kreative Benotungsformen befördert.

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"Guten Morgen alle zusammen. In der heutigen Stunde steht der angekündigte Test an. Beantwortet bitte die Aufgaben in schriftlicher Form!" So oder so ähnlich klingt es, wenn in der Schule eine Leistungsüberprüfung ansteht. Die schriftliche Klassenarbeit stellt wohl das am häufigsten genutzte Instrument der Leistungsüberprüfung in der Schule dar und ist nach wie vor unerlässlich, wenn es darum geht, das im Unterricht eingeführte Fachwissen zu überprüfen und die Leistung eines Schülers valide zu beurteilen.

(Nicht nur) der Religionsunterricht der letzten Monate während der Corona-Pandemie hat jedoch auch beim Aspekt der Leistungsbeurteilung Kreativität und pädagogisches Können von allen Lehrkräften in den Schulen abverlangt: Der Onlineunterricht brachte mit sich, dass eine Klassenarbeit – wie sie sonst in der Schule selbstverständlich war – nicht geschrieben werden konnte. Auch im anschließenden Wechsel von Präsenz- und Distanzunterricht wurde die Leistungsmessung dadurch erschwert, dass Schülerinnen und Schüler nicht zeitgleich in der Schule waren.

Pandemie als Aufforderung zur pädagogischen Kreativität

Die eingeschränkten Möglichkeiten der Leistungsbeurteilung im Zuge der Pandemiesituation verstehe ich auch als Aufforderung, alternative Formen der Leistungsmessung – welche sinnvollerweise nicht nur während der Coronapandemie zur Anwendung kommen – wieder stärker in den Blick zu nehmen. "Religionsunterricht soll zu verantwortlichem Denken und Verhalten im Hinblick auf Religion und Glaube befähigen. Wie kein anderes Schulfach fragt der Religionsunterricht auf der Grundlage reflektierter Tradition nach dem Ganzen und nach dem Sinn des menschlichen Lebens in der Welt." So bringt die Würzburger Synode (1971-1975), welche für das Schulfach katholische Religion nach wie vor richtungsweisend ist, die Aufgabe des Religionsunterrichts auf den Punkt.

Beim genaueren Betrachten impliziert die Formulierung des Synodendokuments bereits den Appell, eine umfassende Bandbreite der Leistungsmessung im Religionsunterricht zu nutzen. Verantwortliches Denken und Handeln wird dann begünstigt, wenn Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit haben, sich mit Themen des Religionsunterrichts intensiv und mitunter auch kreativ auseinanderzusetzen, etwa in Form einer Projektarbeit bzw. der Gestaltung eines Handlungsprodukts über einen längeren Zeitraum (zum Beispiel Plakat, Infoflyer, digitale Pinnwand).

Mit der Gestaltung eines Handlungsprodukts hängt im Prozess einer längerfristigen Auseinandersetzung auch immer der Wunsch nach entsprechender Anerkennung für die geleistete Arbeit untrennbar zusammen, welche wiederum Voraussetzung für eine weitere intensive, reflektierte Auseinandersetzung mit den Unterrichtsthemen ist. Eine solche Anerkennung kann in Form eines großen Leistungsnachweises (und damit als Alternative zur Klassenarbeit) mit anschließender Bewertung erfolgen oder situationsbedingt lediglich in Form eines Lobes an die Schüler.

Blick in den Synodensaal in Würzburg 1974.
Bild: ©KNA

"Wie kein anderes Schulfach fragt der Religionsunterricht auf der Grundlage reflektierter Tradition nach dem Ganzen und nach dem Sinn des menschlichen Lebens in der Welt", so beschreibt die Würzburger Synode das Fach. Die deutsche Kirchenversammlung befasste sich von 1971 bis 1975 mit einer Neubestimmung der Rolle der katholischen Kirche in der Gesellschaft.

Nicht alle Schülerarbeiten müssen unmittelbar mit einer Note versehen werden, etwa der kreative Aufsatz, der zum Ende der Stunde fertiggestellt wurde oder das selbst gestaltete Tafelbild zum Unterrichtsthema. Vielmehr geht es darum, eine kreative Auseinandersetzung mit Themen des Religionsunterrichts zunächst zuzulassen und die Möglichkeiten einer alternativen Leistungsmessung didaktisch sinnvoll in den Unterricht zu integrieren. Legt die Lehrkraft im Vorfeld gemeinsam mit der Klasse Bewertungskriterien fest, so ist anschließend auch eine valide und damit faire Beurteilung der geleisteten Arbeit möglich.

Die pandemiebedingte Situation verhalf mit Nachdruck zu meiner Entscheidung, entsprechende Leistungsnachweise in diesem Schulhalbjahr in alternativer Form einzufordern. Während der letzten Wochen besuchten die Schülerinnen und Schüler den Unterricht zumeist im Wechselbetrieb. Die Schulklassen waren in der Regel in zwei Gruppen geteilt und wechselten in einem Wochen- oder Tagesrhythmus zwischen Präsenzunterricht in der Schule und dem begleiteten Lernen zuhause. Nicht zuletzt aufgrund dieses Beschulungskonzepts war es mir ein Anliegen, meinen Religionsunterricht so zu planen, dass eine sinnvolle Auseinandersetzung mit dem Unterrichtsthema auch im Wechselunterricht ermöglicht wird:

Das Portfolio als großer Leistungsnachweis in der Berufsschulklasse

Bereits in der ersten Stunde des Schulhalbjahres – wir befanden uns in einer Online-Videokonferenz – äußerten die auszubildenden Kaufleute im Büromanagement den Wunsch, sich mit der Rolle von Religion in unserer Gesellschaft auseinanderzusetzen. Nach einer theoretischen Einführung machte ich die Klasse mit verschiedenen Themenfeldern, der Idee des Portfolios sowie einschlägigem Material vertraut und damit konnten die Schülerinnen und Schüler mithilfe eines selbst ausgewählten Themas Schwerpunkte setzen und ihren Lernprozess über die kommenden Wochen hinweg weitgehend selbstständig steuern. Ein Bewertungsraster sollte zudem Klarheit schaffen, unter welchen Gesichtspunkten das fertige Portfolio bewertet und anschließend benotet wird.

Die Schülerinnen und Schüler des Oberstufenkurses in der elften Klasse zeigen gerne in kreativen Arbeiten, was sie können. Die Klassenarbeit wurde bereits geschrieben und es steht der Dekalog in seiner Relevanz für unsere heutige Gesellschaft auf dem Plan. Dass die Zehn Gebote auch heute relevant sind, verdeutlichen sie anhand von kreativen Zeichnungen, Fotos oder Symbolen, die sie auf dem Plakat dem jeweiligen Gebot zuordnen. In Form einer Ausstellung im Klassensaal präsentieren sich die Schülergruppen ihre Plakate gegenseitig. Ein Bewertungsbogen mit zuvor festgelegten Kriterien wird hier dem Wunsch des Kurses nach einer fairen Anerkennung für die kreative Arbeit gerecht.

Die pandemiebedingte Situation in diesem Schuljahr brachte auch in Bezug auf die Leistungsbewertung im Religionsunterricht Herausforderungen mit sich, doch hat sie auch den Blick dafür geschärft, alternative Formen der Leistungsmessung sinnvoll in den Unterricht zu integrieren, um auch in schwierigen Zeiten nach "dem Ganzen und nach dem Sinn des menschlichen Lebens in der Welt" zu fragen, wie es das Synodendokument ausdrückt. Und wenn wir schon gerade vom Sinn des menschlichen Lebens sprechen, so möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass zu einem sinnstiftenden Leben auch die Phase der Erholung und Entspannung nach der geleisteten Arbeit in diesem Schuljahr gehört. In diesem Sinne wünsche ich allen Schülern und Lehrkräften erholsame Sommerferien – frei von sämtlichen Leistungsnachweisen.

Von Maximilian Golumbeck

Der Autor

Maximilian Golumbeck ist Religionslehrer am Kaufmännischen Berufsbildungszentrum (KBBZ) Neunkirchen/Saar.

Linktipp: Kolumne "Mein Religionsunterricht"

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