Markus Leineweber, Vorsitzender des Direktoriums des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder Trier (BBT), am 2. September 2021 in Trier.
Präsidentschaftskandidat Markus Leineweber im Interview

Caritas-Kandidat Leineweber: Das Sozial-Unternehmerische im Blick

Drei Kandidaten bewerben sich um die Nachfolge von Caritas-Präsident Peter Neher. Der Trierer Krankenhaus-Direktor Markus Leineweber ist einer von ihnen. Im Interview verrät er, wie er Wirtschaftlichkeit und christlichen Grundauftrag zusammenbringen will.

Von Felix Neumann |  Trier - 10.10.2021

Am 13. Oktober wählt der Deutsche Caritasverband einen neuen Präsidenten – oder eine neue Präsidentin. Drei Kandidaten stellen sich zur Wahl um die Nachfolge von Prälat Peter Neher, der den Sozialverband seit 2003 leitet. Der Verband steht vor einigen Herausforderungen: Wie können gute Arbeitsbedingungen in der Pflege sichergestellt werden? Wie geht es weiter mit dem kirchlichen Arbeitsrecht? Wie kann die Caritas Digitalisierung so gestalten, dass alle Menschen beteiligt werden? Im Interview mit katholisch.de stellen sich die Kandidaten vor.

Die Interviews

Samstag, 9. Oktober: Christian Hermes

Sonntag, 10. Oktober: Markus Leineweber

Montag, 11. Oktober: Eva Maria Welskop-Deffaa

Seit mehr als 25 Jahren arbeitet der Theologe Markus Leineweber bei den Barmherzigen Brüdern Trier. Als "Hausoberer" leitet er eine große Klinik des Ordens mit 2.700 Mitgliedern, zudem ist er Vorstandsvorsitzender des Orts-Caritasverbands Trier. Im Interview macht er deutlich, wie er Wirtschaftlichkeit und christlichen Grundauftrag zusammenbringen will – und warum gerechte Teilhabe auch eine Frage von schnellem Internet ist.

Frage: Herr Leineweber, Sie leiten ein großes Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier. Was haben Sie im Krankenhaus gelernt, das Sie als Caritas-Präsident einbringen wollen?

Markus Leineweber: Als Vorsitzender eines Direktoriums, das mit mir aus vier gleichberechtigten Personen besteht, habe ich gelernt, im Dialog mit meinen Kollegen die verschiedenen Interessen untereinander abzuwägen und dabei auch den Menschen, um den es ja am Ende immer geht, nicht aus dem Auge zu verlieren. In den Einrichtungen der  Barmherzigen Brüdern gibt es in allen Einrichtungen die Tradition, dass ein Theologe die Funktion des sog. "Hausoberen" innehat: Als solcher bin ich für das Alltagsgeschäft und die Wirtschaftlichkeit mit verantwortlich, habe aber auch Augenmerk darauf, dass unser christlicher Grundauftrag erfüllt wird.

Frage: Wirtschaftlichkeit und christlicher Grundauftrag – steht das in Spannung?

Leineweber: Ja, keine Frage. Aber das ist auch der Reiz an dieser Aufgabe. Einerseits ist es meine Aufgabe immer wieder zu hinterfragen: Passt das, was wir da machen zu unserem Auftrag? Ist das gerecht? Andererseits muss ich mich auch von der Realität hinterfragen lassen: Was bedeutet das für meinen spirituellen Ansatz, meine Theologie? Dieses Spannungsverhältnis positiv zu gestalten, ist auch eine wichtige Aufgabe in der Caritas: Die sozial-anwaltschaftliche Rolle erfüllen, und dabei den sozial-unternehmerischen Blick nicht verlieren.

Frage: Und wie bringt man solche Gegensätze in Einklang?

Leineweber: Indem man zunächst beide Aspekte ernst nimmt – und beide Aspekte sind ja nicht nur gegensätzlich, sondern miteinander verbunden: Als Verband müssen wir für gute Rahmenbedingungen und eine gute Finanzierung kämpfen. Das sind wir unseren Beschäftigten und den Menschen, die uns anvertraut sind, schuldig. Zu unserer Aufgabe gehört, den gesellschaftlichen Diskurs darüber mitzugestalten was uns als Gesellschaft wichtig ist und wofür wir Geld ausgeben wollen.

Markus Leineweber, Vorsitzender des Direktoriums des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder Trier (BBT), am 2. September 2021 auf dem Hubschrauberlandeplatz der Klinik in Trier.

Markus Leineweber, Vorsitzender des Direktoriums des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder Trier (BBT), am 2. September 2021 auf dem Hubschrauberlandeplatz der Klinik in Trier.

Frage: Welche Zukunftsthemen sehen Sie derzeit im gesellschaftlichen Diskurs als besonders wichtig an?

Leineweber: Teilhabe an der sozialen Infrastruktur über die Generationen hinweg ist ein wichtiges Thema. Das ist auch eine Grundvoraussetzung für den Zusammenhalt und den gesellschaftlichen Frieden, das merken wir beispielsweise bei der Digitalisierung. In der Digitalisierung liegen große Chancen für eine besseren Teilhabe. Aber nur, wenn auch die Grundvoraussetzungen geschaffen werden, dass alle teilhaben können: Beispielsweise ist die Hausarztversorgung im ländlichen Raum bekanntermaßen sehr schlecht. Nun darf es nicht sein, dass jene, die jetzt schon strukturell benachteiligt sind, im digitalen Zeitalter wieder benachteiligt werden, weil sie etwa wegen einer schlechten Internetanbindung zukünftig keinen Zugang zur sozialen oder gesundheitlichen Infrastruktur haben, etwa der  Telemedizin. Oder denken Sie an junge Menschen. In der Corona-Pandemie während der Zeit des Homeschoolings haben wir schnell gemerkt, dass der Besitz eines Smartphones nicht mit digitaler Teilhabe gleichgesetzt werden kann. Und die älteren Menschen darf man nicht als Generation fürs Digitale verloren geben und von Entwicklungen abhängen. Da gibt es viel zu tun.

Ein weiteres wichtiges Thema ist die Migration, sei es aufgrund von Krieg und Konflikten, sei es aufgrund von Klimawandel und Wirtschaftskrisen. Das wird unsere Zukunft prägen, und das müssen wir positiv gestalten. Im Zuge von populistischen Strömungen nehmen wir als Caritas eine wichtige anwaltschaftliche Rolle ein, indem wir die Interessen dieser Menschen in die Politik einbringen. Hier geht es auch um internationale Solidarität. Pflege ist ein zentrales Thema: Wie können wir gute Arbeitsbedingungen für Pflegende schaffen und zugleich Pflege finanzierbar gestalten? Wenn ein Seniorenheim 3.500 Euro Selbstbeteiligung von seinen Bewohnern verlangen muss, dann ist die Belastungsgrenze erreicht, die man "Normalbürgern" zumuten kann. Da muss man über eine größere Diversität an Betreuungsformen und andere Finanzierungssysteme nachdenken.

Frage: Mit Blick auf die Pflege hatte die Caritas in diesem Jahr eher schlechte Schlagzeilen, wenn man an die Ablehnung des flächendeckenden Pflegetarifs in der Arbeitsrechtlichen Kommission denkt. Wie bewerten sie diese Entscheidung?

Leineweber: Aus sozialunternehmerischer Sicht war das meines Erachtens eine nachvollziehbare, allerdings auch eine komplexe Entscheidung. Letzten Endes ist das Argument, dass durch einen allgemeinverbindlichen Tarif auf niedrigem Niveau irgendwann auch die besseren Arbeitsvertraglichen Richtlinien der Caritas gefährdet würden, nicht von der Hand zu weisen. Hier gilt es auch unseren Weg zu schützen. Durch die Entscheidung wurde auch eine Solidarität gegenüber unseren Einrichtungen und Mitarbeitern deutlich. Aus sozialpolitischer Sicht kann ich auch jene verstehen, die sich eine Zustimmung zum flächendeckenden Tarif gewünscht hätten, weil viele Pflegekräfte außerhalb der Caritas auf die notwendige bessere Bezahlung warten. Gezeigt hat sich aber das Problem, die Entscheidung und deren Beweggründe für die Öffentlichkeit zu vermitteln. Da müssen wir im Sinne einer abgestimmten Kommunikation im Verband besser werden.

Frage: Im Kontext dieser Debatte wurde auch immer wieder der Dritte Weg grundsätzlich angefragt. Hat der Dritte Weg aus Ihrer Sicht Zukunft?

Leineweber: Ja. Ich bin ein Verfechter des Dritten Weges. Das ist ein Thema, für das ich mich als Caritas-Präsident stark machen möchte, um den Dritten Weg mitzugestalten und weiter voranzubringen. Der Dritte Weg ist eine sehr passende Systematik für die Caritas, weil der Weg auf Verständigung angelegt ist. Auch bei uns gibt es mit Dienstnehmern und Dienstgebern zwei Seiten. Wir verstehen uns aber dennoch als große Dienstgemeinschaft, die gemeinsam Verantwortung übernimmt und zu gemeinsamen Lösungen kommen will, ohne zu Arbeitskampfmaßnahmen zu greifen. Das ist natürlich auch anstrengend und bis zum Konsens braucht es viel Arbeit. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass dieses kirchliche Modell auch für den säkularen Bereich interessant sein könnte.

Dieses Spannungsverhältnis positiv zu gestalten, ist auch eine wichtige Aufgabe in der Caritas: Die sozial-anwaltschaftliche Rolle erfüllen, und dabei den sozial-unternehmerischen Blick nicht verlieren.

Zitat: Markus Leineweber

Frage: Im sozialen Bereich ist der gewerkschaftliche Organisationsgrad besonders niedrig. Liegt das auch am Dritten Weg? Schwächt der Dritte Weg so die Verhandlungsposition der Beschäftigten in den Sozialberufen?

Leineweber: Das sehe ich nicht so. Uns wird ja gelegentlich sogar vorgeworfen, dass wir sehr gut bezahlen und dadurch auf dem Bewerbermarkt Vorteile haben. Die Frage ist doch eher, und das ist auch eine Frage für die Politik: Wie schafft man es, dass die anderen Anbieter nachziehen? Wir sind ja alle in der gleichen Branche mit den gleichen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, und wenn die Caritas diese Arbeitsbedingungen bieten kann, dann sollten das andere auch können.

Frage: Trotz der Arbeitsbedingungen trifft der Fachkräftemangel auch die Caritas, die hier zudem auch noch sicherstellen muss, dass ein christliches Profil in den Einrichtungen erhalten wird. Wie schafft man den Spagat?

Leineweber: Hier im Krankenhaus haben wir etwa 2.700 Mitarbeitende. Und auch wenn wir hier in Trier kein Ballungsgebiet und sicher keine städtische Metropole sind, merken wir, dass unsere Beschäftigten ein Spiegelbild der Gesellschaft sind. Die Dienstgemeinschaft ist bereits jetzt unter den Bedingungen der Grundordnung des kirchlichen Dienstes sehr vielfältig. Ein grundsätzliches Problem ist das nicht. Meine Überzeugung ist, dass wir dann, wenn wir uns unserer Identität bewusst sind, wenn wir wissen, wer wir sind, woher wir kommen und was unser Auftrag ist, auch sehr offen sein können für eine große Vielfalt an Hintergründen und Lebensentwürfen bei den Mitarbeitern. Wenn Menschen in ihrer Identität gefestigt sind, haben sie auch keine Angst vor dem Anderen, vor dem Fremden und vor dem Vielfältigen. So sehe ich das mit Blick auf Organisationen auch.

Frage: Dennoch beschränkt die Grundordnung, wie viel Vielfalt in kirchlichen Arbeitsverhältnissen möglich ist.

Leineweber: Ich sehe die Grundordnung in gewisser Weise zweigeteilt: Den grundsätzlichen Teil halte ich nach wie vor für sehr wichtig, weil er auf unseren christlichen Auftrag hinweist, auf unsere Identität. Den zweiten Teil, wo es um die konkreten Loyalitätsobliegenheiten geht, halte ich für reformierbar. Und eine Reform ist notwendig. Gesellschaften ändern sich, wir als Kirche lernen dazu. Statt für sie enge Loyalitätsobliegenheiten festzulegen, müssen wir vielmehr mit unseren Mitarbeitern in den Dialog gehen: Was ist uns wichtig, welche Kultur und Spiritualität prägt uns, welche Werte sind uns wichtig? Darin müssen wir mit unseren Mitarbeitern einen Konsens finden. Schließlich kommen die Menschen ja auch zu uns, weil sie darauf vertrauen, dass bei uns bestimmte Werte gelebt werden. Damit das aber gelingt, können wir immer weniger auf formale Kriterien der Lebensführung verweisen. Es muss darum gehen, Menschen für den Dienst am Menschen zu begeistern – und das auf der Basis unserer Grundwerte. Dann können wir auch mit vielfältigen Lebensentwürfen unter den Mitarbeitern gut leben und unsere Aufgabe erfüllen.

Frage: Braucht es mehr Ökumene im Sozialen? Auch in den Institutionen der Wohlfahrtsverbände?

Leineweber: Im konkreten Tun sind wir uns ohnehin einig, und meist wird von den Menschen, die zu uns kommen auch nicht unterschieden, ob eine Einrichtung evangelisch oder katholisch ist. Caritas und Diakonie sind zwei gewachsene Strukturen, die ihre eigene Kultur haben, die aber gut im Dialog stehen. Diese Vielfalt kann auch hier positiv bewertet werden. Aber man muss auch schauen, wo sich eine größere Zusammenarbeit lohnt. Sicher könnte man in der politischen Arbeit mehr Schlagkraft erreichen, wenn man noch enger und koordinierter vorgeht. Auch in der Politik ist mein Eindruck, dass zunehmend weniger differenziert wird, ob eine Stellungnahme von der Caritas oder der Diakonie kommt – sie kommt von der Kirche.

Frage: Die Diakonie ist komplett nach Berlin gezogen, die Caritas hat ihren Hauptsitz nach wie vor in Freiburg. Sollte es die Caritas der Diakonie gleichtun?

Das Herz der Caritas ist in Freiburg, aber die Politik ist in Berlin. Freiburg ist das historische und emotionale Zentrum des Verbands, das kann man schlecht verpflanzen. Auf der anderen Seite ist es aber gar keine Frage, dass wir in Berlin präsent sein müssen. Nicht nur da, wo die politische Musik gespielt wird, sondern auch da, wo sie komponiert wird. Also nicht nur auf Entscheidungen reagieren, sondern mitgestalten. In Berlin sitzt nicht nur die Bundespolitik, auch die anderen Verbände sind zunehmend präsent, und es macht dabei schon einen Unterschied, ob man spontane und informelle Kontakte einfach pflegen kann oder immer eine stundenlange Anreise hat.

Frage: Kommen wir zum Schluss noch einmal zum Fachkräftemangel und machen ihn zur Chefsache: Sie stehen bei einer Jobmesse am Stand der Caritas. Wie begeistern Sie die junge Frau, die an ihren Stand kommt und gerade ihren Schulabschluss macht, davon, eine Karriere bei der Caritas ins Auge zu fassen?

Leineweber: Ich sage ihr, dass sie bei uns einen absolut sinnvollen Dienst tun kann. Bei uns hat sie mit Menschen zu tun, die dankbar sind, dass man sich für sie einsetzt. Bei der Caritas bekommt sie darüber hinaus auch gute und sichere Rahmenbedingungen, gerade im Vergleich innerhalb der Branche. Wir bieten Entwicklungschancen – beruflich, fachlich, persönlich. Mit dieser Perspektive würde ich Ihr schließlich alles Gute für einen erfolgreichen Schulabschluss wünschen.

Von Felix Neumann